Geophagie Warum essen Menschen Erde?

Ein Klumpen Lehm zum Dessert: In Afrika essen vor allem viele Schwangere Erde. Was weckt ihren Appetit - und ist das eigentlich ungefährlich?
Eine Kenianerin isst ein Stück Lehm

Eine Kenianerin isst ein Stück Lehm

Foto: Anna Kerber/ dpa

Die ersten Kundinnen warten schon, als Beatrice Athiambo am Morgen die Plastikplane über ihrem Verkaufsstand zurückzieht. Die Frauen auf dem Markt in Kenias Hauptstadt Nairobi wollen Lehm zum Essen. Teilweise ist er so stark komprimiert, dass er aussieht wie Gestein, teils fast zu Pulver zermalmt.

In Afrika ist Geophagie, das Essen von Erde, weit verbreitet - vor allem unter Schwangeren. Schätzungen dazu weichen stark voneinander ab: Verschiedenen Studien zufolge greifen 28 bis 84 Prozent der schwangeren Afrikanerinnen zu den meist stark lehmhaltigen Produkten.

Ein Markstand mit Erd-Snacks

Manche sammeln selbst: an Steinbrüchen, von Termitenhügeln oder aus Flussbetten. Andere kaufen die Erdklumpen auf dem Markt oder im Supermarkt, wo sie oft auch in gebrannter Form angeboten werden.

Beatrice Athiambo hat ihren Stand auf dem Toi Markt in Nairobi. Um zu ihr zu gelangen, drängt man sich von der Hauptstraße aus durch enge Gassen, vorbei an Hosen, Töpfen, Blusen und Taschenlampen, die von Wellblechdächern hängen. "Mawe ya kula" - übersetzt aus der Landessprache Kisuaheli "Steine zum Essen", so preist sie ihre Ware an.

Athiambo verkauft orangefarbene Blöcke, die weich sind und im Mund zu ganz feinem Sand zerfallen. Die Alternative sind härtere und gröbere Blöcke in Grauschattierungen. Eigentlich würden die zum Bauen genutzt, scherzt Zimmermann Ayub Odhiambo, der am Stand nebenan arbeitet und ihr manchmal beim Ausladen der schweren Säcke hilft.

Die Händlerin kauft ihre Ware an einer Lehmgrube in Säcken zu rund hundert Kilogramm. Mit einer Machete hackt sie die ziegelsteingroßen Klötze klein. Fünf kenianische Schilling (fünf Cent) verlangt sie für ein apfelgroßes Stück. Die kleiner gehackten Blöcke kosten drei Schilling. Von den bröseligen Resten naschen die Stammkundinnen beim morgendlichen Tratsch. Die Geschäftsidee hatte Athiambo vor vier Jahren, weil sie selbst gern Erde aß.

Beatrice Athiambo an ihrem Marktstand

Beatrice Athiambo an ihrem Marktstand

Foto: Anna Kerber/ dpa

Weshalb essen Menschen Erde?

Warum nehmen Menschen Erde zu sich, und zwar teils in Mengen von mehreren Hundert Gramm pro Tag? Eine Gruppe von Wissenschaftlern um die Medizinanthropologin Ruth Kutalek von der Medizinischen Universität Wien ist dem nachgegangen und hat die Konsumenten befragt.

Ihre Befragung von 50 Menschen in Uganda, dem westlichen Nachbarland Kenias, liefert zwar keine repräsentativen Ergebnisse für ganz Afrika. Aber sie eröffnet einen Einblick in die wenig erforschten Beweggründe  für das Essen von Erde, sagt Kutalek.

Demnach nannten schwangere Frauen als Grund für den Griff zu den Klumpen zumeist ein unerklärliches körperliches Verlangen. Viele von ihnen gaben an, die Erde helfe gegen Morgenübelkeit und Sodbrennen. Vor allem deren Gerüche seien verlockend, wie etwa der Duft von feuchter Erde nach dem Regen, oder jener von frisch gebrannten Ziegelsteinen.

"Es macht süchtig. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich es sehe", sagt Joyce Andalo. Sie ist Stammkundin bei Nicolas Mutesia, der auf dem Toi Markt neben Flip-Flops, Taschen und Wäscheleinen auch Steine verkauft. Die 34-jährige Verkäuferin aus Nairobi kostete zum ersten Mal als kleines Mädchen von den erdigen Brocken. Ihre Mutter hatte welche gekauft.

Auch Nicolas Mutesia verkauft Lehmklumpen zum Essen

Auch Nicolas Mutesia verkauft Lehmklumpen zum Essen

Foto: Anna Kerber/ dpa

Heute versuche sie, den besonderen Snack als Belohnung zu sehen. Wie ein kaltes Bier nach einem langen Arbeitstag. Sie isst die Klumpen als Leckerbissen nach Mittag- oder Abendessen. Oder einfach zwischendurch. Bei ihrer letzten Schwangerschaft habe sie vier bis fünf von den großen Stücken gegessen. "Täglich", fügt sie ein wenig verlegen hinzu.

Schon seit Urzeiten isst der Mensch Erde

Manche Wissenschaftler vermuten Eisenmangel als Hauptgrund für Geophagie. Zwar sei diese Annahme durch Studien nicht ausreichend bestätigt, schreiben Forscher aus Französisch-Guyana. Aber viele Indizien deuteten darauf hin. Außerdem könnten Stoffe, die in der tonhaltigen Erde enthalten seien, Vergiftungen vorbeugen. Das sei für den Menschen im Laufe der Evolution sehr wichtig gewesen.

Schon seit Urzeiten isst der Mensch Erde. An der Grenze zwischen Sambia und Tansania in Ostafrika entdeckten die Forscher aus Französisch-Guyana Indizien, dass bereits Homo habilis spezielle Erden sammelte und verzehrte. Auch an europäischen Ausgrabungsstätten wurden demnach Zähne aus der Jungsteinzeit mit entsprechenden Abnutzungserscheinungen gefunden.

Bis weit in die Neuzeit hinein sei das Essen von Erde auch in Europa verbreitet gewesen, sagt die Medizinanthropologin Kutalek. Heute gebe es das Phänomen noch in Teilen der USA, in Lateinamerika, in Indien und afrikanischen Ländern. In Europa könne man spezielle Erde zum Essen in exotischen Supermärkten kaufen. Wie viele Menschen tatsächlich zugreifen, sei jedoch unklar.

Risiken und Nebenwirkungen

Im Nairobi Hospital in Kenia behandelt der Gynäkologe Samson Mabukha Wanjala täglich Frauen, die Erde essen. Seine Erklärung für ihre Lust darauf: "Physiologisch reagiert der Körper darauf, nach etwas zu verlangen, das ihm fehlt." So bräuchten Schwangere etwa viel Kalzium.

Der Arzt praktiziert seit den Siebzigern in Kenia. Geophagie komme in der Stadt und auf dem Land gleichermaßen vor, sagt er. Über die vergangenen Jahrzehnte habe sich der Konsum kaum verändert.

Dabei berge das Verhalten Risiken für die Frauen, es drohen Infektionen. Die Ware werde nicht hygienisch behandelt und liege wie Baumaterial auf dem Boden herum. Durchfall- und Wurmerkrankungen seien keine seltenen Nebenerscheinungen.

Verlässliche wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirkung von Lehm und Erde auf den menschlichen Körper gebe es nicht, sagt Kutalek. Klar sei aber, dass viele der Erdklumpen auch Schwermetalle enthielten, die möglicherweise gesundheitsschädlich wirkten. Die Forscher aus Französisch-Guyana gehen davon aus, dass Lehm den Eisenmangel sogar verschlimmert und Vergiftungen hervorrufen kann. Sie raten vom Verzehr ab.

Die zweifache Mutter Andalo bleibt aber bei ihren steinartigen Lehmblöcken. In der letzten Schwangerschaft habe sie kurzzeitig verzichtet, als der Arzt ihr Nahrungsergänzungsmittel gegeben habe. Nur ein paar Monate nach der Geburt habe sie wieder begonnen, täglich Erde zu naschen.

Anna Kerber und Violetta Kuhn, dpa/wbr
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.