Geschlechtsbestimmung im Spitzensport Dutee Chand darf wieder sprinten

Wo liegt die Grenze zwischen Mann und Frau? Der internationale Sportgerichtshof hat die Geschlechterregelung des Leichtathletik-Weltverbands für ungültig erklärt. Geklagt hatte die indische Sprinterin Dutee Chand.
Dutee Chand: Darf wieder an nationalen und internationalen Wettkämpfen teilnehmen

Dutee Chand: Darf wieder an nationalen und internationalen Wettkämpfen teilnehmen

Foto: Rafiq Maqbool/ AP

Die indische Sprinterin Dutee Chand hat nach ihrer umstrittenen Disqualifikation einen Teilerfolg errungen. Der internationale Sportgerichtshof CAS erklärte am Montag den bisherigen Umgang des Leichtathletik-Weltverbands IAAF mit männlichen Hormonwerten bei Frauen für vorläufig ungültig . In Zukunft dürfen auch Sportlerinnen mit einem von Natur aus sehr hohen Testosteronspiegel an Frauenwettkämpfen teilnehmen.

Chand war vor den CAS in Lausanne gezogen, nachdem sie von ihrem nationalen Verband im vergangenen Jahr gesperrt worden war. Die Begründung: Sexualhormone seien in erster Linie für die höhere körperliche Leistungsfähigkeit von Männern verantwortlich, der hohe Testosteronspiegel führe somit zu einem unfairen Vorteil. Die mittlerweile 19-Jährige hatte daraufhin unter anderem die Commonwealth Games verpasst.

Neues Ziel: Olympische Spiele

Die Sportrichter erklärten den entsprechenden Passus jetzt vorläufig für nicht wirksam. Es sei nicht belegt, dass "hyperandrogene" Athletinnen einen deutlichen Leistungsvorteil hätten und daher von den Frauen-Wettbewerben ausgeschlossen werden müssten, lautet die Begründung. Die IAAF hat nun zwei Jahre lang Zeit, neue wissenschaftliche Beweise zu präsentieren. Sollte das nicht gelingen, wird die Regelung komplett aufgehoben.

Bis zur endgültigen Entscheidung darf Chand an allen nationalen und internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Ihr Ziel sei jetzt, sich für die Olympischen Spiele nächstes Jahr zu qualifizieren, erklärte die Sportlerin. "Ich habe viel durchgemacht, aber ich bin glücklich mit dem Urteil." Ihr Alter spreche für sie, noch könne sie ihren Traum verwirklichen, mehrere Medaillen für Indien zu gewinnen.

Das Geschlecht als Kontinuum

Die Vorschrift, das Geschlecht bei Zweifeln allein anhand des Testosteronspiegels zu bestimmen, stammt aus dem Jahr 2011 . Sie löste umfassende Geschlechtsuntersuchungen ab, wie sie beim umstrittenen Fall von Caster Semenya noch üblich waren. Die Südafrikanerin hatte mit 18 Jahren den WM-Titel 2009 in Berlin geholt. Angesichts ihres männlichen Aussehens waren Zweifel an ihrem Geschlecht aufgekommen.

Die IAAF hatte daraufhin angeordnet, medizinisch zu überprüfen, ob Semenya Mann oder Frau sei und sperrte sie elf Monate für Wettkämpfe. Die Untersuchungen kamen schließlich zum Schluss, dass Semenya als Frau starten dürfe. Die Regelung zum Testosteronspiegel war ein Versuch, nach diesen Erfahrungen eine klare Trennlinie zwischen Mann und Frau zu ziehen - obwohl dies laut Hormonexperten kaum möglich ist.

Wollten Spitzensportlerinnen mit einem von Natur aus sehr hohen Testosteronspiegel weiter an Wettkämpfen teilnehmen, blieben ihnen bei der bisherigen Regelung nur zwei Möglichkeiten: ihren Hormonspiegel mit Medikamenten oder einer Operation senken. Dutee Chand widersetzte sich dem Druck. "Ich empfinde es als falsch, meinen Körper zu verändern, um beim Sport teilnehmen zu dürfen", sagte die junge Frau der "New York Times" .

irb/AP/dpa/sid
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