Gesünder leben 135 Kilo - ist das noch Erfolg oder schon Scheitern?

25 Kilo weniger als vor vier Jahren, aber auch 27 Kilo mehr als vor drei Jahren: Diese Zahlen machen Michael Klotzbier mal traurig, mal wütend und mal stolz. Zeit, seinen Standpunkt zu überdenken.

Michael Klotzbier beim Winterlauf in Eichenzell
Stefan Franke

Michael Klotzbier beim Winterlauf in Eichenzell


Meine Oma hat mir als Kleinkind das Laufen mit einer etwas eigenwilligen Methode beigebracht: Weil ich fasziniert war von großen, scharfen Messern, hielt sie mir solche Exemplare in sicherer Entfernung vor die Nase wie dem Esel eine Möhre. Ich streckte mich, lief ein paar Schritte und plumpste nur zu Boden, um mich sofort erneut zu recken.

Auch beim Radfahren donnerte ich mehrfach gegen das Garagentor im Hof und den Blumenkübel im Garten, bis ich sicher ohne Stützräder fuhr. Ungezählte Stunden Training waren nötig, bis ich laufen, schwimmen und Rad fahren konnte. Übung macht bekanntlich den Meister, und Scheitern war für mich als Kind der größte Ansporn, es erneut zu versuchen.

Zur Person
  • Michael Klotzbier
    Von 160 Kilo auf 108, jetzt wieder 135. Michael Klotzbier hat nach erfolgreich absolviertem Marathon wieder zugenommen. Warum, und wie es jetzt weitergeht, darüber berichtet er bei SPIEGEL ONLINE.

Mit 18 Jahren schlug ich das erste Mal so heftig auf, dass mir das Aufstehen schwerfiel: Meine langjährige Beziehung scheiterte, ich erlitt zwei Kreuzbandrisse und konnte nicht mehr Fußball spielen, ich verlor dadurch Freunde, rasselte durchs Abitur und wurde bei meiner Ausbildung gemobbt. Ich hatte das Gefühl, mit 200 Kilometern pro Stunde vor eine Wand gefahren zu sein.

Im Vergleich zum Hinfallen in der Kindheit ging es nun um Themen, die gefühlt meine Existenz bedrohten. Es war, als müsse ich alles komplett neu erlernen. Während ich als Dreijähriger nur mit mir selbst beschäftigt gewesen war und neugierig einfach immer wieder ausprobiert hatte, drehte es sich in meinem Teenager-Kopf plötzlich auch darum, was andere über mich und mein Scheitern dachten.

Ich rappelte mich mühsam wieder auf. Der Ehrgeiz, den der Fußball früh in mir geweckt hatte, half mir dabei. Später schloss ich eine Ausbildung als Fremdsprachenassistent und ein Studium zum Diplomkaufmann erfolgreich ab.

Aber Erfolg - was ist das eigentlich genau? Manchmal bin ich mir da nicht mehr sicher. Denn nicht immer ist es so klar wie beim Laufenlernen oder nach meinen Niederlagen als 18-Jähriger. Heute weiß ich, dass sich ein und derselbe Zustand an einem Tag wie Erfolg anfühlt und am nächsten wie ein Rückschritt. Bei mir ist es zum Beispiel der Wert auf der Waage.

Im Video: Mission Marathon - Ex-160-Kilo-Mann erfüllt sich seinen großen Traum (September 2016)

SPIEGEL TV

Momentan wiege ich 135 Kilogramm. Das ist ganz objektiv zu viel, schon allein dafür könnte ich mich innerlich geißeln. Und das habe ich auch oft getan. Wenn ich daran denke, dass ich für meinen Marathon-Lauf bereits auf 108 Kilo abgespeckt hatte, ist es fast unmöglich, die 135 Kilo als Erfolg zu sehen. Andererseits habe ich auch schon mal 160 Kilo gewogen. Im Vergleich dazu sind es jetzt 25 Kilo weniger - ein Riesenerfolg eigentlich, oder?

Es sind allein die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen ich auf mich schaue und mich bewerte, die über Hop oder Top entscheiden. Mal stimmt mich die Zahl 135 traurig, mal macht sie mich wütend, mal stolz.

Eines meiner Ziele ist daher: Das Gefühl von Erfolg und Scheitern nicht mehr von einer Zahl abhängig zu machen. Viel wichtiger ist doch, wie ich mich mit meinem Gewicht fühle, mit meiner Fitness und in meinem Körper. Ja, ich will mein Wohlfühlgewicht finden, #vomschwergewichtzumgleichgewicht kommen, und das gesund und mit Spaß. Vermutlich werde ich Umwege nehmen - aber ist das gleich Scheitern?

Oft spielt auch Glück eine Rolle, oder eben Pech. Als ich noch Fußball spielte, schoss ich in einer Saison viele Tore und trug so zum Mannschaftserfolg maßgeblich bei. Im entscheidenden Spiel ging ein Eigentor auf mein Konto, sodass wir am Ende nur Vizemeister wurden. Sieg oder Niederlage? Wieder beides, irgendwie.

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Ich glaube heute: Erfolg ist das, was ich selbst aus einer Situation mache. Erfolg ist eine subjektive Empfindung, ebenso wie das Scheitern. Es ist ein Gefühl, das prägt, aber auch vorübergeht.

Rückblickend kann ich sagen, dass mein Scheitern mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Es hat viele positive Dinge freigesetzt, die ich unmittelbar nach einer gefühlten Niederlage noch nicht sehen konnte. Ich war so lange eine Coach-Potatoe, fühlte mich schlecht und dick und krank - wie so viele andere Menschen auf der Welt. Gewicht rauf, Gewicht runter, ich bin einer von vielen.

Aber mit dem Moment, in dem ich mich hinausgewagt habe aus meinem Schneckenhaus, wurde der Auftrieb größer. Selbst in Zeiten, in denen es für mich bergab ging, als ich wieder dicker und krank wurde, haben mich meine Follower unterstützt und motiviert.

Mein einfaches Fazit ist daher: Ohne Täler keine Berge, ohne Trauer keine Freude, ohne Unglück kein Glück. Auch Erfolg und Scheitern sind zwei Seiten derselben Medaille. Umso wichtiger finde ich, dass wir jeden Erfolg feiern, egal ob bestandene Prüfung, gefinishter Lauf oder mehr Power beim Training. Ich habe längst nicht alles in der Hand. Wie ich mit Erfolg und Scheitern umgehe, allerdings schon.



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
3daniel 29.03.2019
1. Mein Diätbuch hat genau einen Satz
Die aufgenommen Kalorien müssen weniger sein als die verbrauchten Kalorien. Darauf kann man alles reduzieren. Kommt mir jetzt nicht mit Low Carb etc. aber gerne mit Intervallfasten etc. Ich bin auch jemand der schon viel abgenommen hat, und dann auch wieder viel zunahm. Zur Zeit bin ich mal wieder auf dem abnehmenden Ast, man muss sich nur bewusst machen, das man das Gewicht nicht hält wenn man das Ziel erreicht und dann der alte Schlendrian wieder losgeht. Ich lass es zur Zeit ganz langsam angehen, habe schon von 105 auf 100 reduziert (bei 1,85 Größe) und mach jetzt einfach noch monatelang weiter. Mal sehen was noch kommt.
Teutonengriller 29.03.2019
2. Dranbleiben
130kg bei ?? 1,8m ist definitiv zu viel. Ich fühlte mich zu dick mit 112kg bei 1,9m vor allem der Bauch und habe seit Monaten ,eine Ernährung reduziert. Zwar nur 7 kg in 7 Wochen, aber es geht. Man muß aber von dem Trichter runter "zwischendurch" mal eine "Kleinigkeit" zu sündigen. Kleine Sünden werden sofort bestraft und man muß sich auch davon frei machen das zu verniedlichen durch Sprache. Nur Essen wenn man hungrig ist, nicht wenn man Appetit auf etwas hat und der Erfolg stellt sich ein. Das Leben ist nun mal Kampf. Gerade Dicke neigen dazu sich fallen zu lassen. Ob es am Zucker liegt? Keine Ahnung
Manaslu2015 29.03.2019
3. Wahnsinn ....
...was so ein Körper alles mitmacht. Marathon mit 108 Kilo. Wozu das denn ? Man braucht einfache Maßnahmen,weil es sonst einfach nicht klappt. Also täglich 10000 Schritte und nach 17 Uhr nichts mehr essen und gut ist.
prof.dr.mango 29.03.2019
4. Das war völlig klar, dass
das so passiert! Rein physiologisch erklärbar. Das passiert jeden massiv Dicken nach erreichtem Ziel. Leider auch mir. Steh zu dir Micha. Grüsse
pappa-ist-zurück 29.03.2019
5. @3
7 kg in sieben Wochen ist spitze! Das sind ca 1000 kcal Defizit pro Tag. Bleiben Sie dran, rechnen Sie damit dass es nicht so schnell weitergehn kann (sonst würden sie ja in einem Jahr 50 kg verlieren) und halten sie eine (vermeintliche) Stagnation auf der Waage nicht für einen Rückschlag. Alles Gute und weiterhin viel Erfolg!
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