Gesund altern "Der Einfluss der Gene liegt bei hundert Prozent"

Alle wollen älter werden, aber keiner möchte alt sein. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt der Altersforscher Christoph Englert, warum Stress das Leben verlängert und welche Rolle die Gene beim Altern spielen.
Sport im Alter: Zum Laufen ist es nie zu spät

Sport im Alter: Zum Laufen ist es nie zu spät

Foto: ? Mike Blake / Reuters/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Herr Englert, Sie sind 51 Jahre alt. Wie alt fühlen Sie sich?

Englert: Gute Frage, ich würde mal sagen: Mitte 40.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschheit versucht ständig, den Prozess des Alterns aufzuhalten. Ist das sinnvoll?

Englert: Einerseits brauchen wir Menschen Illusionen, die der ewigen Jugend gehört dazu. Andererseits ist es uns schon gelungen, den Alterungsprozess in gewisser Weise zu verlangsamen. Ich bin leidenschaftlicher Läufer. Wenn ich heutzutage an Laufwettbewerben  teilnehme, sehe ich immer mehr Teilnehmer in den Altersklassen 50 plus. Das war früher nicht der Fall. Selbst bei 75- und 80-Jährigen gibt es noch viele Starter.

SPIEGEL ONLINE: Ja, aber jeder merkt doch, dass es aber 30 körperlich bergab geht, oder nicht?

Englert: Natürlich werde ich mit meinen 51 Jahren nicht mehr 100-Meter-Weltrekordler. Klar. Aber der Begriff und das Bild der "überalternden Gesellschaft" ist zu negativ behaftet - und falsch. Es ist nicht unmöglich, dass jemand im hohen Alter eine Sprache lernt, mit Klavierspielen anfängt oder sportlich fit wird . Viele Vorurteile sind gesellschaftlich geprägt.

ZUR PERSON
Foto: Sven Döring/ FLI

Christoph Englert, 51 Jahre, ist Professor für Molekulare Genetik am Leibniz-Institut für Altersforschung in Jena. Englert treibt nach eigener Aussage intensiv Sport, seit er 12 Jahre alt ist. Seine Lieblingssportarten sind Schwimmen, Radfahren und Laufen. Seine Marathonbestzeit liegt bei sehr guten 2:58:50 Stunden. Seine nächsten sportlichen Ziele sind "ein paar lange Läufe und Triathlons". Sein Tipp für alle, die bald die magische Altersgrenze 50 erreichen: "Nicht zu ernst nehmen."

SPIEGEL ONLINE: Warum hat das Altern so ein schlechtes Image?

Englert: Dieses Phänomen gilt vor allem für die westliche Kultur. Es gibt viele Länder in Asien, in denen ältere Menschen ein viel positiveres Image haben. Ich glaube, dass das Bild auch bei uns schon ins Wanken geraten ist. Die Jugendfixiertheit ändert sich langsam. Einfach schon deshalb, weil es immer mehr Alte und weniger Junge geben wird.

SPIEGEL ONLINE: Ältere Menschen werden häufiger krank. Insofern ist die Angst vor dem Älterwerden schon berechtigt.

Englert: Das Risiko, Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer zu entwickeln, nimmt im Alter zu. Das kann man nicht leugnen. In der Gruppe der Über-95-Jährigen leidet jeder Dritte an Alzheimer.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Altersspanne, in der der Prozess des Alterns besonders schnell vonstatten geht?

Englert: Wenn wir die reproduktive Phase zwischen 40 und 50 Jahren abgeschlossen haben, beginnt im Allgemeinen die Anfälligkeit für Alterskrankheiten. Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, steigt zum Beispiel mit dem Alter in der fünften Potenz. Das heißt, bis zu einem gewissen Alter sind wir vor Krebs quasi geschützt und dann nimmt die Anfälligkeit dramatisch zu.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Gene beim Alterungsprozess?

Englert: Ich bin mal provokativ und sage: Der Einfluss der Gene liegt bei hundert Prozent. Was ich meine: Die Gene setzen uns einen gewissen Rahmen für das Alter, das wir erreichen können. Ob wir es tatsächlich erreichen, hat mit der Umwelt zu tun, mit unserem Verhalten, unserer Aktivität . Wenn Ihnen genetisch gegeben ist, dass Sie 120 werden könnten, Sie aber wie ein Wahnsinniger rauchen, schöpfen Sie diesen Möglichkeitsraum vielleicht nicht aus. Gleichzeitig gibt es Menschen, die eine Veranlagung in sich tragen, dass sie mit 45 einen Dickdarm-Tumor entwickeln. Die kommen auch bei bester Lebensführung nicht gegen diese genetischen Determinanten an. Generell gilt: Es ist kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander von Genen und Umwelteinflüssen.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen werden immer älter. Wie alt können wir denn werden?

Englert: Es gibt einen Trend, den wir seit rund 150 Jahren beobachten: Die Menschen in den westlichen Industrienationen werden pro Jahr im Durchschnitt drei Monate älter. Zwar ist dieser Trend ungebrochen, aber in den USA scheint die Kurve bereits abzuknicken. Vermutlich hängt das mit der Fettleibigkeit zusammen. Nach aller Erfahrung liegt der Grenzwert bei etwa 120 Jahren. Ich glaube nicht, dass es in hundert Jahren jemanden geben wird, der 150 wird. Das scheint aus heutiger Sicht unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Warum leben Frauen eigentlich im Durchschnitt länger als Männer?

Englert: Frauen und Männer altern tatsächlich unterschiedlich. Männer haben sechs Jahre weniger Lebensspanne als Frauen. Warum das so ist, ist unklar. Sehr wahrscheinlich spielen die Hormone und damit letztlich auch wieder die Gene eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Altern wir durch Stress schneller?

Englert: Da muss man unterscheiden: Negativer Stress, also Ärger mit dem Arbeitgeber, eine schlechte Ehe, Probleme mit den Kindern, ist sicherlich schlecht. Der positive Stress, also ein voller Tag mit erfreulichen Terminen, ist dagegen lebensverlängernd. Wenn Sie etwa Fliegen oder Mäuse unter Stress setzen, leben diese länger. Das gilt sogar für die Verabreichung an sich giftiger Substanzen in geringen Mengen. Die Tiere aktivieren Abwehrsysteme und werden mit Herausforderungen besser fertig. In Maßen kann Stress positiv wirken.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt immer wieder Menschen, die im hohen Alter Unglaubliches leisten, zum Beispiel mit 75 Jahren noch Marathon laufen. Was halten Sie davon?

Englert: Ich finde das völlig okay und absolut vernünftig. Es ist nie zu spät für Veränderung am Lebensstil. Wer es mit 60 oder auch 80 auf die Reihe kriegt, regelmäßig Sport zu treiben,hat schon viel für sich . Das allein hat positiven Einfluss aufs Leben.

SPIEGEL ONLINE: Man sollte sich also - egal in welchem Alter - immer wieder neue Herausforderungen suchen?

Englert: Das ist meine ganz persönliche Lebensphilosophie. Dass Menschen im hohen Alter körperlich und geistig abbauen und deswegen sportlich oder künstlerisch nichts mehr können, ist schlicht falsch. Man sollte sich neue Herausforderungen suchen, und dann schafft man das auch.


In "Sein letztes Rennen" spielt Dieter Hallervorden einen alternden Marathon-Champion. Achim-Achilles.de verlost 2 x 2 Freikarten .

Das Interview führte Frank Joung.
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