Ernährung Grundloser Glutenverzicht ist teuer und nicht gesund

Immer mehr Supermärkte bieten glutenfreie Waren an. Für die wenigen Menschen mit Zöliakie ist das ein Segen. Für alle anderen gilt: Nur weil etwas glutenfrei ist, ist es noch lange nicht gesünder.
Glutenfrei - ein wichtiger Hinweis für Menschen mit Zöliakie

Glutenfrei - ein wichtiger Hinweis für Menschen mit Zöliakie

Foto: DPA/ TMN/ Andrea Warnecke

Reismehlbrötchen oder glutenfreier Pizzateig - in den Supermärkten stehen immer mehr Lebensmittel ohne Weizen und Gluten im Regal. Weil damit auf den Packungen geworben wird, halten viele die Produkte für besser und gesünder. Manche glauben auch, Beschwerden wie Bauchschmerzen gingen auf Weizen und Gluten zurück, sagt die Ernährungsexpertin Astrid Laimighofer. In Deutschland vertragen aber nur sehr wenige Menschen aufgrund der Autoimmunerkrankung Zöliakie tatsächlich kein Gluten.

Der Stoff entsteht in den meisten Getreidesorten, wenn sich die Eiweiße der Samen durch Feuchtigkeit verbinden. Er ist unter anderem in Weizen, Dinkel und Roggen enthalten. Wer auf Gluten verzichtet, schränkt seine Auswahl an Lebensmitteln dementsprechend stark ein, sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Und das oft ohne Not: sich glutenfrei zu ernähren ist weder gesünder, noch hilft es beim Abnehmen, wie viele hoffen.

Keine Hilfe beim Kaloriensparen - im Gegenteil

Oft enthalten die Lebensmittel sogar mehr Kalorien als ihre herkömmliche Pendants. Weil das Klebereiweiß fehlt, sind glutenfreie Produkte häufig trockener. "Um das auszugleichen und den Geschmack zu verbessern, ist meist der Anteil an Zucker und Fett in solchen Produkte höher", erklärt Bianca Maurer von der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft.

Wer sich nicht abwechslungsreich ernährt, dem droht zudem eine Unterversorgung mit wichtigen Nähr- und Mineralstoffen - "zum Beispiel den Vitaminen K, B1, B2 oder B6 und Mineralstoffen wie Magnesium, Zink oder Kupfer", sagt Gahl. Außerdem seien Getreide wichtige Ballaststofflieferanten und unterstützen die Darmflora. Ist der Speiseplan grundsätzlich abwechslungsreich, ist allerdings auch ohne Weizen und Gluten kein Mangel zu befürchten, sagt Laimighofer.

Glutenfrei ernähren muss sich nur, wer tatsächlich eine Zöliakie hat. Bei der Autoimmunerkrankung löst das Klebereiweiß eine chronische Entzündung der Dünndarmschleimhaut aus. Für die Betroffenen ist es oft eine Herausforderung, im Alltag komplett auf Gluten zu verzichten. Selbst in Süßwaren, in Medikamenten und sogar Zahnpflegeprodukten kann das Klebereiweiß laut DGE  verarbeitet sein. Wer sichergehen will, sollte daher immer auf das Etikett schauen.

Zöliakie wird oft übersehen

Auch die Erkennung einer Zöliakie ist oft nicht einfach, weil die Symptome sehr verschieden sein können. Betroffene Kinder leiden zum Beispiel häufig an Eisenmangel, Wesensveränderung wie Weinerlichkeit, oder sie wachsen nicht mehr. "Bei Erwachsenen können Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Depressionen oder gar Unfruchtbarkeit auftreten", sagt Maurer von der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft. Zu Bauchschmerzen und Durchfall hingegen, die viele mit Zöliakie verbinden, kommt es oft nicht. Mediziner bezeichnen Zöliakie auch als "Chamäleon unter den Krankheiten", sagt Maurer.

Besteht ein Verdacht, machen Ärzte zuerst einen Bluttest. "Betroffene tragen zöliakietypische Antikörper in sich", sagt Bianca Maurer. Ob jemand wirklich Zöliakie hat, zeigt aber erst eine Untersuchung, bei der eine Probe aus dem Dünndarm entnommen wird.

Ist die Unverträglichkeit einmal bestätigt, hilft nur eine Ernährungsumstellung. "Betroffene müssen die Getreidesorten ihr Leben lang strikt meiden, das ist die einzige Therapie für ein beschwerdefreies Leben", sagt Maurer. Bestätigt sich die Diagnose nicht, kann es auch sein, dass der Betroffene eine Weizenallergie hat. In diesem Fall reicht ein Verzicht auf Weizenprodukte.

Die Zöliakie-Gesellschaft findet den Trend zum Weizen- oder Glutenverzicht ohne medizinischen Grund bedenklich. Zwar gibt es dadurch mittlerweile viel mehr Ersatzprodukte. Wer tatsächlich Zöliakie habe, fühle sich aber manchmal nicht mehr ernst genommen, meint Maurer.

Die Leute würden angeschaut, als verzichteten sie auf Gluten, weil es gerade schick ist. Den Expertinnen zufolge ist das kein guter Grund. Sich unnötig weizen- oder glutenfrei zu ernähren, schränkt nämlich nicht nur ein - es ist auch teuer. Denn häufig kosten glutenfreie Produkte mehr als ihre herkömmlichen Gegenstücke.

Von Jule Zentek, dpa/irb
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