Unverträglichkeiten Das Paradies ist glutenfrei

Schon der kleinste Krümel Brot schadet Zöliakie-Patienten, nun soll für sie ein Traum wahr werden: eine Insel in der Karibik, ganz ohne Gluten. Wirklich sinnvoll - oder nur ein Marketingtrick?
Essen im glutenfreien Restaurant: Ein Screenshot der Kampagne

Essen im glutenfreien Restaurant: Ein Screenshot der Kampagne

Der Hype um glutenfreie Produkte nimmt bizarre Ausmaße an. Die vorläufigen Gipfel des Absurden: glutenfreie Hundekekse  mit Kartoffel, Tapioka und Luzernen ("um der steigenden Anzahl von Hunden, die auf verschiedene Getreidesorten allergisch reagieren, gerecht zu werden"), glutenfreie Körperlotion  ("für alle Gesundheitsbewussten geeignet, die ihre Haut mit gutem Gewissen pflegen, regenerieren und gesund erhalten möchten") und das Datingportal , auf dem man sich gleich einen Partner suchen kann, der auch glutenfrei lebt.

Doch jetzt gibt es eine Initiative, die all das noch toppt: Sie will in der Karibik eine komplett glutenfreie Insel gründen.

Die Selbstbeschreibung der Kampagne liest sich wie die eines sozialen Projekts. Die Initiatoren der Glutenfree Campaign  verweisen auf die Millionen Menschen weltweit, die an Zöliakie leiden. Für diese Menschen sei die Insel gedacht. Dort sollen die Betroffenen "in ihrer Liebe zu feinem Essen schwelgen, ohne Angst oder Kompromisse". Und damit dieses Paradies für die Patienten Wirklichkeit wird, sollen nun alle Menschen der Kampagne beitreten, sie bekannt machen oder für sie spenden - allein wegen des guten Zwecks, versteht sich.

Immer in Angst vor Verunreinigungen

Für die Patienten, die an der entzündlichen Darmerkrankung Zöliakie leiden, ist es tatsächlich wichtig, dass sie nicht mal den kleinsten Krümel Brot essen. Das Getreideeiweiß Gluten, das unter anderem in Weizen, Dinkel und Roggen enthalten ist, kann ihnen schon in sehr geringer Menge schaden. Deshalb ist es schwierig für sie, in Restaurants zu essen. Immer müssen sie befürchten, dass der Koch nicht sauber genug arbeitet und ihr Essen versehentlich doch mit Spuren von Gluten verunreinigt ist.

Wer die Selbstdarstellung der Kampagne genauer durchliest, fragt sich jedoch, ob es den Initiatioren wirklich um diese Unverträglichkeit geht. An Zöliakie sind nur wenige Menschen erkrankt - in Deutschland etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung. Ob es zusätzlich noch eine Glutensensitivität gibt, ist wissenschaftlich bislang umstritten. Wenn das Krankheitsbild existiert, leiden wahrscheinlich ebenfalls nur wenige Menschen daran.

So richten sich die Veranstalter explizit nicht nur an die kleine Gruppe der Betroffenen, sondern auch an die weit größere derjenigen, die sich glutenfrei ernähren wollen. In den nächsten Jahren sollen glutenbefreit ein Spa Resort im spanischen Valencia, ein alpines Ski Resort im französischen Val d'Isere und ein Beach Resort auf der Insel in der Karibik entstehen. Dort sollen die Gäste "sublime gluten-free cuisine" entspannt genießen, glutenfreie Spitzenküche.

Paradies für das gehobene Wellnesspublikum

Resort, Spa, Cuisine - da liegt der Verdacht nahe, dass die Veranstalter nicht nur an die wirklich Betroffenen denken, sondern wenig wohltätig vor allem ein Paradies für das gehobene Wellnesspublikum erschaffen wollen, das im Urlaub gerne glutenfrei detoxt. Da wirkt auch der Verweis auf die weltweit "Millionen" von Zöliakiekranken merkwürdig - wie viele von ihnen werden es sich wohl leisten können, im Nobel-Skiort Val d'Isere zu residieren?

"Wir stehen der Kampagne zwiespältig gegenüber", sagt Bianca Maurer von der Deutschen Zöliakie Gesellschaft. "Einerseits wäre ein glutenfreies Hotel oder sogar eine ganze glutenfreie Insel für Zöliakiekranke natürlich ein Traum, weil sie nicht mehr ständig beim Essen aufpassen müssten." Andererseits sehe sie auch Nachteile.

"Das Angebot richtet sich vermutlich auch an diejenigen, die sich nur deshalb glutenfrei ernähren, weil es gerade in Mode ist", sagt sie. "Die glutenfreie Ernährung als Trend-Diät betrachten wir skeptisch, weil sie dafür sorgen könnte, dass die wirklich Zöliakiekranken nicht mehr ernst genommen werden." Womöglich hätten die Organisatoren hier vor allem eine Marktlücke entdeckt, die sie sich sichern wollen. "Die Betroffenen stehen in Wirklichkeit wohl eher nicht im Mittelpunkt."

Bianca Maurer kritisiert generell all die Anbieter und Celebrities, die heute den Eindruck erwecken, glutenfreie Ernährung sei für alle Menschen vorteilhaft. Dabei haben glutenfreie Produkte für Gesunde keinerlei medizinischen Nutzen. Und, nein, sie machen auch kein schönes Haar.

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