Olympiasiegerin Heike Drechsler "Es ist nicht alles Gold, was glänzt"

Immer noch Gänsehaut: Die zweifache Olympiasiegerin Heike Drechsler erzählt, wie sie die Spiele heute erlebt - und warum sie Doping abartig findet.

Drechsler mit Goldmedaille bei den Olympischen Sommerspielen 2000
DPA

Drechsler mit Goldmedaille bei den Olympischen Sommerspielen 2000

Ein Interview von


Zur Person
    Heike Drechsler, Jahrgang 1964, gilt als eine der erfolgreichsten deutschen Sportlerinnen. Bei den Olympischen Spielen 1992 und 2000 gewann sie im Weitsprung die Goldmedaille. Heute ist sie für die Barmer GEK im betrieblichen Gesundheitsmanagement tätig und als Gesundheitsbotschafterin in Sachen Prävention bundesweit unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Frau Drechsler, die Olympischen Spiele in Rio beginnen am Samstag: Mit welchem Blick schaut eine Olympiasiegerin zu?

Drechsler: Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn die deutsche Mannschaft einläuft oder die Nationalhymne erklingt. Das sind Momente, die man für immer und ewig hat. Damals war ich von Anfang an begeistert davon, was da los war und wie viele Athleten aus verschiedenen Sportarten zusammenkamen. Das ist wie eine Großfamilie, ein schönes Miteinander. Ich hoffe, dass es schöne Spiele werden - trotz aller Querelen, die es im Vorfeld gab.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr olympischer Moment?

Drechsler: Die Spiele 2000 in Sydney waren für mich die emotionalsten. Ich durfte beim Ausmarsch sogar die deutsche Fahne tragen, das war Wahnsinn. Ich hätte niemals erwartet, noch mal eine Medaille zu holen. Bis zum letzten Versuch musste ich fiebern. Dieses Warten und Hoffen, dass niemand weiter springt, war eine Qual.

SPIEGEL ONLINE: Mit 35 Jahren holten Sie noch einmal Gold im Weitsprung.

Drechsler: Ich schwebte förmlich nach dem Sieg. Ein Augenblick für die Ewigkeit, den ich in Gedanken immer wieder durchleben kann. Der Druck, der sich über das ganze Jahr in mir angestaut hatte, fiel von mir ab. Die Emotionen sprudelten einfach so spontan aus mir heraus, und ich wagte sogar ein kleines Tänzchen. Eigentlich bin ich da eher zurückhaltend, zumindest in der Öffentlichkeit. In dem Moment war es mir egal, dass 100.000 Menschen zuschauen.

SPIEGEL ONLINE: Trotz Ihrer Erfolge und Medaillen - in Deutschland haben Sie aufgrund von Dopingvorwürfen immer wieder starken Gegenwind spüren müssen.

Drechsler: Ich bin stolz auf meine Leistung, die ich auch nach der Wende gebracht habe. Deutschland hat mich akzeptiert und aufgenommen, und meine Leistung wurde respektiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im DDR-System mit flächendeckendem Doping also nie wissentlich und willentlich gedopt?

Drechsler: Greift man aus freier Entscheidung zu Dopingmitteln, finde ich das abartig. Bewusstes Doping ist klar zu verurteilen und gehört bestraft. Ich wurde in ein System geboren, in dem man keinen Einfluss auf Doping hatte. Wo man nicht wusste, was die Ärzte mit einem machen. In der DDR waren die Doping-Strukturen leider so - aber man kann den Athleten keinen Vorwurf machen. Wir konnten ja an unserem Geburtsort nichts ändern.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sauer, weil in der DDR mit Ihnen experimentiert wurde?

Drechsler: Natürlich macht mich das wütend, wenn ich überlege, dass ich damals in gewisser Weise missbraucht worden bin. Aber was bringt mir das? Ich kann aus der Vergangenheit lernen und dafür kämpfen, dass es heute und in der Zukunft derartige Strukturen nicht mehr gibt. Ich schaue nach vorne und nicht zurück.

SPIEGEL ONLINE: Russland wurde jüngst des Staatsdopings überführt. Der Leichtathletik-Weltverband sperrte die russischen Leichtathleten für Rio, aber IOC-Präsident Thomas Bach lässt andere russische Sportler an den Start gehen.

Drechsler: Die neusten Entscheidungen des IOC zeigen, dass es Zeit ist aufzuräumen. Ich verurteile Länder, die junge Athleten missbrauchen. Es braucht globale Strukturen, einheitliche Bedingungen und unabhängige und gezielte Kontrollen in allen Sportarten, nicht nur in der Leichtathletik. Nur so kann man die Glaubwürdigkeit wiederherstellen. Der IOC hätte genug Einnahmen, um dafür Geld in die Hand zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das für die Spiele in Rio?

Drechsler: Dass bei guten Leistungen immer Spekulationen stattfinden müssen, ist schade. Pauschale Verurteilungen finde ich sehr gefährlich, denn es gibt auch saubere Sportler. Aber es ist natürlich nicht alles Gold, was glänzt. Schwarze Schafe gibt es immer. In der Zukunft muss der Sportler gläsern sein, total offen leben. Er muss jederzeit kontrollierbar sein, und man muss jederzeit wissen, wo er sich aufhält. Wer die Regeln nicht befolgt, wird bestraft.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie sich so lange im Profisport halten?

Drechsler: Leidenschaft. Macht man Dinge gerne, bringt man eine große Motivation mit und trainiert sogar ungeliebte Stabilisationsübungen bis zum Umfallen.

Heike Drechsler beim Women's Run Berlin 2015
Norbert Wilhelmi

Heike Drechsler beim Women's Run Berlin 2015

SPIEGEL ONLINE: Sehnen Sie sich manchmal nach Ruhe?

Drechsler: Ganz ohne Sport kann ich nicht. Wenn ich mal ein paar Tage nichts gemacht habe, kribbelt es. Der Sport hat meine Persönlichkeit entwickelt. Ich lernte durch ihn, mir alles zu erkämpfen, Rückschläge zu verarbeiten und schwierige Lebensabschnitte wie die Wende zu meistern. Er stärkte auch mein Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl: Ich war nicht immer so aufgeschlossen, sondern eher schüchtern und zurückhaltend.

SPIEGEL ONLINE: Zieht es Sie noch in die Weitsprunggrube, wenn es kribbelt?

Drechsler: Ich laufe eher. Ich nehme zum Beispiel an Women's Runs in vielen Städten teil. Die Leistung kommt an zweiter Stelle, es geht um das gemeinsame Erleben. Das ist wie ein Tag mit Freundinnen.



insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bohrendeworte 05.08.2016
1. Immer schön vom Westen ablenken
Soweit nach Osten braucht der Blick gar nicht zu schweifen. Birgit Dressel wurde 1987 starb unter Höllenqualen, ausgelöst durch eine tödliche Immunreaktion als Antwort auf den verabreichten Chemie-Cocktail ("Klümper-Cocktail"). Der Hauptverantwortliche geniesst die Sonne in Südafrika und schreibt Bücher über Naturheilkunde.
kugelsicher, 05.08.2016
2.
Zitat von bohrendeworteSoweit nach Osten braucht der Blick gar nicht zu schweifen. Birgit Dressel wurde 1987 starb unter Höllenqualen, ausgelöst durch eine tödliche Immunreaktion als Antwort auf den verabreichten Chemie-Cocktail ("Klümper-Cocktail"). Der Hauptverantwortliche geniesst die Sonne in Südafrika und schreibt Bücher über Naturheilkunde.
Natürlich wurde auch im Westen gedopt. Aber dieser "Klümper-Cocktail", eine Mixtur aus Aminozucker, Pflanzenextrakten und Frischzellen, ist sicher nicht zu vergleichen mit Steroiden bis die Nadel bzw. der Magen qualmte.
kugelsicher, 05.08.2016
3.
Frau Drechsler finde ich ja ganz sympatisch, und ihre Aussage zum Doping ist zumindest mal ein Anfang, aber wenn ich das hier so lese, kommen mir doch Zweifel, als ob sie nicht gewusst hätte, was man ihr da über Jahre rein gedonnert hat. https://de.wikipedia.org/wiki/Heike_Drechsler#Doping_in_der_DDR
peter-k 05.08.2016
4. Bestleistung
Frau Drechsler, das haben Sie perfekt gemacht und das sieht auch toll aus, wie kraftvoll Sie dort anlaufen. Ich habe mir das Video nach so vielen Jahren noch mal angeschaut.
Madagon 05.08.2016
5.
Doping ist abartig. Bravo Frau Drechsler. 1986 21,71s auf 200m, 1988 7,48m im Weitsprung und mit 17 fast 6.000 Punkte im Siebenkampf. Dass schaffen 30 Jahre später trotz Quantensprüngen in der Trainingslehre, bei der Ausrüstung usw. nicht 'mal die Spezialisten. Okay, damals wussten Sie also nicht was die Ärzte da mit Ihnen machen. Die 7,63m im Weitsprung von 1992 waren dann wohl noch der restliche Sprit von damals im Tank.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.