Justizminister Heiko Maas "Wer bei Volksläufen dopt, gehört zum Psychiater"

Gäbe es die Politik nicht, wäre Heiko Maas vielleicht Radprofi geworden. Im Interview mit Achim Achilles spricht er über seinen Traum vom Ironman, Doping und die deutsche Vereinskultur.
Hajo Schumacher und Heiko Maas

Hajo Schumacher und Heiko Maas

Foto: Heiko Maas

Berlin/Tiergarten, Montagmorgen, kurz nach acht. Die schwarze Limousine biegt um die Kurve, die Hintertür öffnet sich noch im Fahren. So viel Dynamik, das kann nur der Justizminister sein. Heiko Maas, 49, laut GQ bestangezogenes Kabinettsmitglied, trägt eine eher unspektakuläre rote Laufjacke aus schwedischer Produktion, gewagte graue Tights und ein Smartphone, vom modischen Gesamteindruck her eher mittel. Gut so. Mit dem Vorwurf textiler Perfektion ist seit Schröders Brioni-Gate jeder Sozialdemokrat zu erledigen. Maas ist Triathlet, Spezialgebiet Rennrad, aber auch beim Laufen gut unterwegs.

Frage 1: Was macht die Form?

Maas: Geht so. Ich bin froh, wenn ich zweimal die Woche zum Laufen komme und je einmal aufs Rad und zum Schwimmen. Klappt aber nicht immer.

Frage 2: Saisonziel 2016?

Maas: Beim Ironman in Roth in einer Staffel die Radstrecke, entweder 90 oder die ganzen 180 Kilometer.

Zur Person
Foto: Britta Pedersen/ dpa

Heiko Maas, Jahrgang 1966, ist der aktuelle Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz und seit 1989 Mitglied der SPD. Maas stammt aus dem Saarland. Der Hobby-Triathlet hat laut eigener Aussage im selben Verein trainiert wie der spätere Ironman-Hawaii-Sieger Jan Frodeno.

Frage 3: Trainingsplan oder nach Gefühl?

Maas: In Saarbrücken gibt es nette Leute, die mir einen Plan erstellen. Der Olympiastützpunkt dort ist ja Deutschlands Triathlon-Zentrale, wo auch Jan Frodeno lange trainiert hat. Wir waren im gleichen Verein: Trisport Hochwald.

Frage 4: Klingt nach Ambitionen.

Maas: Das täuscht. Ministerjob und systematisches Trainieren passen nicht gut zusammen.

Frage 5: Läuft Frau Wörner auch? Oder eher Richtung Pilates?

Maas: (lächelt und schweigt)

Frage 6: Systematische Trainingsauswertung?

Maas (tippt auf sein Handgelenk, wo eine edle Laufuhr aus US-Produktion blinkt): Wird alles aufgezeichnet.

Frage 7: Die NSA weiß also alles über Strecken, Fitnessdaten, Bewegungsprofile des deutschen Justizministers.

Maas: Ich denke, die NSA hat andere Prioritäten.

Frage 8: Angenommen, ein Geheimdienst hat Ihre Herzdaten und kann daraus ablesen, dass Sie ein gesundheitliches Problem haben: Das hätte in einem Wahlkampf mit dem Kanzlerkandidaten Maas doch gehöriges Erpressungspotenzial.

Maas: Wen wollen Sie denn damit erpressen?

Frage 9: Ist Kanzler nicht der Traumjob jedes Politikers?

Maas: Das ist kein Traum-, sondern ein Knochenjob.

Frage 10: Schon mal Marathon gelaufen?

Maas: Nee, zu weit. Der halbe im Triathlon reicht.

Frage 11: Beim Ironman ist der ganze Marathon gefragt. Jeder echte Triathlet will doch einmal nach Hawaii, zur Mutter aller Schlachten.

Maas: Von der vollen Distanz träume ich auch, das muss nicht mal in Hawaii sein. Aber dafür sollte man trainiert haben. Das braucht wiederum Zeit, viel mehr Zeit, als ich habe.

Frage 12: Die bekommen Sie vielleicht schon nach der Bundestagswahl 2017. Was würden Sie in einem Sabbatical machen?

Maas: Das wird bestimmt nicht nach der Wahl kommen. Aber sollte ich irgendwann mal mehr Zeit haben, käme eine Ironman-Vorbereitung schon in Betracht. Oder allein mit dem Zelt durch Neuseeland wandern. Oder im Himalaya.

Frage 13: Dünne Luft, die natürliche Umgebung des Politikers...

Maas: Und des Radfahrers. Ich fahre gern die Berge hoch.

Frage 14: Wäre aus Ihnen bei heftigem Training ein passabler Radprofi geworden?

Maas: Ich hätte es zumindest gern versucht. Aber dann bin ich auf die schiefe Bahn geraten und in der Politik gelandet.

Frage 15: Aktuelles Gewicht?

Maas: Knapp 70 Kilogramm.

Frage 16: Eine "Bergziege", wie man in Fachkreisen sagt. Herr Erdogan würde mich direkt einbuchten dafür. Schon mal daran gedacht, Journalisten zu verklagen?

Maas: Das würde ja heißen, ich nähme alles ernst, was über mich geschrieben wird. Da geh ich lieber laufen.

Frage 17: Der Ausdauersportler verrichtet seine Notdurft gern in freier Natur . Sie auch?

Maas: Natürlich nicht.

Frage 18: Sie wollen gegen Sexismus in der Werbung angehen. Ist der Sexismus im Sport nicht auch ein Ärgernis? Manche Disziplinen gibt es doch nur, um im globalen Fernsehen Menschen in knapper Unterwäsche zu zeigen.

Maas: Das kann, glaube ich, jeder ganz gut allein beurteilen, ab wann es diskriminierend wird.

Frage 19: Brauchen wir härtere Anti-Doping-Gesetze?

Maas: Wir haben ja gerade eins gemacht. Und ich bin sicher, dass im Spitzensport bereits einiges geschehen ist. Der systematische Betrug wird immer schwerer. Mehr Sorge macht mir der Freizeitbereich. Manche Sportsfreunde kennen keine Grenzen.

Frage 20: Helfen Zufallskontrollen beim Marathon?

Maas: Wer bei Volksläufen dopt, gehört zum Psychiater, nicht zum Staatsanwalt. Ich befürchte, solche Leute lassen sich von nichts abhalten.

Frage 21: Der Leistungswahn wird überall in der Gesellschaft vorgelebt. Ich rechne auch so lange rum, bis sich mein mittelmäßiges Ergebnis wie eine Medaille anfühlt, zum Beispiel: In der Altersklasse Frauen über 70 wäre ich mit meiner Zeit Dritter geworden. Ist Ihnen dieses kreative Ranking fremd?

Maas: Total. Wo ist der Sinn, wenn ich mit einer Pille oder einer Spritze 300 Plätze weiter nach vorn komme?

Frage 22: Sozialprestige. Marathon unter vier Stunden, Mitteldistanz beim Triathlon unter fünf Stunden - –das schafft Ansehen in der Trainingsgruppe ...

Maas: Wers braucht. Ich nicht ...

Frage: Woran denken Sie auf längeren Strecken?

Maas: An alles: Privates, Berufliches, das Licht, die Landschaft, das Leben, bis der Kopf leer ist. Sehr befreiend.

Frage 23: Musik beim Laufen? 

Maas: Eher selten. Wenn, dann Linkin Park, Foo Fighters oder Thirty Seconds to Mars.

Frage 24: Wir sparen uns Wortspiele. Bestes Album?

Maas: Minutes to Midnight.

Frage 25: Achtung, Sozialdemokratenfrage: Ist Sport ein Luxusgut? Klamotten, Zeit, Material, Kursgebühren –- das kann sich ein alleinerziehender Mensch mit Mindestlohn nicht leisten.

Maas: Die Kommerzialisierung des Freizeitsports ist in der Tat ein Problem. Deswegen ist die deutsche Vereinskultur so wichtig, wo alle Menschen ein gutes Angebot finden.

Frage 26: Ihre Laufjacke war auch nicht billig.

Maas: Zehn Jahre alt. Gutes Investment.

Frage 27: Wie viele Rennräder?

Maas: Vier, aber für unterschiedliche Funktionen.

Frage 28: Zeitfahrmaschine?

Maas: Cervelo P2.

Frage 29: Keine 3000 Euro und nicht mehr ganz der letzte Schrei. Da kann man aufrüsten.

Maas: Ein gewisser Achilles schrieb mal: Es sind die Beine, die zählen.

Frage 30: Rasiert, wie bei Radprofis üblich?

Maas: Wem es nur um Ankommen geht, der hat so was nicht nötig.

Frage 31: Sixpack?

Maas: Ist das wichtig?

Frage 32: Klar. Wofür machen wir denn den ganzen Mist, außer für Ränge und Muskeln. Ihre Uneitelkeit hat was Merkelhaftes.

Maas: Ich nehme das mal als Kompliment. Politiker neigen eben dazu, alle denkbaren Schlagzeilen mitzudenken, und die undenkbaren auch noch.

Frage 33: "Maas prahlt mit Sixpack" –ist doch nicht schlimm.

Maas: Aber unnötig.

Frage 34: Schwachstelle?

Maas: Achillessehne. Sehr lästig.

Frage 35: Welche sportliche Leistung macht Sie bis heute stolz?

Maas: Mein erster Triathlon in Hamburg mit Schwimmen in der Binnenalster

Frage: …Im Urin von Olaf Scholz gewissermaßen...

Maas: ...Sie sind eklig. Außerdem muss es was anderes gewesen sein. Ich konnte beim Schwimmen nicht mal meine Hände erkennen. Aber überlebt.

Frage 36: Motivationsmantra?

Maas: Dabei sein, durchhalten, ankommen.

Frage 37: Dient Ihnen Sport als Therapie?

Maas: Allerdings. Gerade wenn das Stresslevel mal wieder ungesund hoch ist. Wenn ich da auch noch versuche, Zeit zu sparen, indem ich den Sport runterfahre: großer Fehler. Wenn ich regelmäßig trainiere, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Druck, geht es mir deutlich besser.

Frage 38: Hat Ihnen eigentlich Ihr Imageberater zum Triathlon geraten?

Maas: Unsinn. Das war lange vorher...

Frage: ...langfristige Planung halt...

Maas: ...es gab eine Phase vor zehn Jahren, da wusste ich mit meinem Körper nichts anzufangen. Da steht man vor der Frage: Lasse ich mich jetzt gehen oder greife ich noch mal an...

Frage: ...Sigmar Gabriel und Peter Altmaier haben sich anders entschieden...

Maas: ...und ich war immer fasziniert von Hawaii. Leider konnte ich nicht schwimmen. Mehrere Kilometer am Stück? Völlig unvorstellbar. Also bin ich ein halbes Jahr lang jede Woche mit einem Trainer ins Bad und habe Kraulen gelernt, in der Sportschule Saarbrücken.

Frage 39: Und die Profitriathleten nebenan haben gewiehert und gesagt: Guckt mal da, der Typ da im Schwimmreifen, der will Kanzler werden?

Maas: Ihr Mitgefühl ist rührend. Ich war inkognito da.

Frage 40: Werden Sie bei Wettkämpfen erkannt?

Maas: Die beiden Polizisten hinter mir fallen schon etwas auf.

Frage 41: Liebste Trainingsbegleitung?

Maas: Ich genüge mir beim Sport meistens selbst.

Frage 42: Sind Triathleten bessere Führungskräfte?

Maas: Nicht unbedingt. Aber: Sportler können meistens Teamspiel. Als ich im Justizministerium anfing, hat sich kein Mitarbeiter getraut, zu mir in den Aufzug zu steigen. Das hat sich zum Glück geändert.

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