Wir machen uns mal frei Friede, Freude, Fastenkur

Das Ende der Fastenzeit naht, auch Jens Lubbadeh hat seine alljährliche Heilfastenkur bald überstanden - ganz ohne Abführ-Folklore. Den Körper hat er dabei nicht unbedingt entschlackt. Dafür aber den Geist.

Tasse Tee: Entschlackung hin oder her - Kolumnist Jens Lubbadeh zieht seine Fastenkur durch
Corbis

Tasse Tee: Entschlackung hin oder her - Kolumnist Jens Lubbadeh zieht seine Fastenkur durch


Ostern steht vor der Tür. Und damit auch das Ende des Darbens. Dann können viele fastende Gläubige endlich wieder nach Belieben genüsslich schlemmen. Auch ich mache jedes Jahr eine Heilfastenkur. Nicht aus religiösen, sondern aus weltlichen Gründen: Zwölf Tage lang gibt es keine feste Nahrung. Stattdessen nur Tee, Saft, Brühe und etwas Buttermilch. Das sind pro Tag etwa 500 Kalorien (in Wahrheit sind es Kilokalorien, aber bekanntlich bevorzugt der Volksmund das einfachere Wort).

Warum ich das tue? Weil ich mich - nach einem anfänglichen Tal der Tränen - gut, aufmerksamer und leichter fühle. Weil es eine gute Gelegenheit ist, sich mal wieder intensiv mit dem Körper zu beschäftigen. Und natürlich, um ein paar lästige Kilos loszuwerden.

Was aber nervt: Heilfasten ist esoterisch enorm aufgeladen. Auf zahlreichen Anleitungen im Netz wird die totale Entschlackung und Entgiftung des Körpers versprochen. Dafür soll man allerlei Firlefanz veranstalten. Blümchentees trinken. Und den Verdauungstrakt durchspülen - von oben und unten, mit Glaubersalz und Einläufen.

Dieses regelmäßige Abführen ist für Fastenfans zentral. Für Fastengegner ist es zum Reizwort geworden. Unter jeglichen Artikeln zum Thema Fasten dominiert es verlässlich in den Leserkommentaren.

Für und Wider der Darmentleerung

Zunächst einmal eine persönliche Bemerkung: Glaubersalz (Nariumsulfat), ist nicht nur widerlich. Es hat mir das größtenteils positive Fastenerlebnis eigentlich immer nur versaut - im Wortsinn. An den Tagen der Anwendung traute ich mich kaum aus einem 10-Meter-Radius von der Toilette weg. Ich fühlte mich nicht nur wie ein armer Tropf, ich war einer.

Auch Experten zufolge kann man sich das Abführen sparen: "Die Darmentleerung spielt überhaupt keine Rolle", sagt der Ernährungsmediziner Andreas Pfeiffer von der Charité im Interview. Weder entgiftet sie noch verhindert sie Hungergefühle - auch wenn Fastenfans das immer wieder behaupten.

Doch ganz so einfach ist es nicht, dem Fasten jegliche Entgiftungsfunktion abzusprechen. "Auf zellulärer Ebene kann man von Entschlackung sprechen", so Pfeiffer. Der Körper reagiere auf die verminderte Energiezufuhr mit einer sogenannten Stressreaktion. Sie führe dazu, dass die Körperzellen angesammelte schädliche Proteine und andere ihrer Bestandteile recyclen.

"Es ist unklar, was mit den Stoffen passiert"

Und was ist mit den ganzen Giften und Schwermetallen -Dioxin, Weichmacher, Quecksilber beispielsweise -, die im Fettgewebe jahrelang eingelagert werden? Werden sie "entschlackt", wenn das Fett beim Fasten schmilzt? "Es ist unklar, was mit den Stoffen passiert, wenn sie freigesetzt werden", so Pfeiffer. Ebenso, ob das gut oder schlecht für den Körper ist.

Entschlackung hin oder her, ich ziehe meine Fastenkur durch - ohne Blümchentees und Abführ-Folklore. Am siebten Tag meiner zwölf-Tages-Odyssee durch den kalorischen Verzicht fühle ich mich fit wie ein Turnschuh und mache regelmäßig Sport. Zwar mit etwas gebremster Leistung. Dafür aber euphorischer als sonst.

Doch bis man an diesem Punkt ist, heißt es Zähne zusammenbeißen. Schließlich rebelliert der Körper zunächst gegen den Nahrungsentzug, der Stoffwechsel muss sich umstellen. Die ersten drei Tage sind hart. Hinzu kommt der Koffeinentzug. Für einen Kaffee-Junkie wie mich ist das eine besondere Herausforderung.

Eigentlich hatte ich dieses Mal mit dem Kaffee Schluss machen wollen, bevor ich mit dem Fasten loslege. Aber ich habe es verpennt. Verpennt bin ich deswegen auch den ganzen ersten Tag meiner Fastenkur. Ich friere - weil ich nichts esse. Ich habe Kopfschmerzen und bin müde - weil ich kein Koffein zu mir nehme.

Wer hat mir all die unsichtbaren Gewichte an Arme und Beine gehängt? Jeder Schritt fühlt sich bleiern an, so dass ich bei jedem auch zweimal überlege, bevor ich ihn mache. Ich nehme lieber den Fahrstuhl. So muss sich das für ältere Menschen anfühlen. Auch mal eine gute Erfahrung.

Den ersten Tage verbringe ich geistig im Bett. Den zweiten auch körperlich. Um mich zu motivieren, schaue ich ein Sechs-Stunden-Interview mit Helmut Kohl. Aber die geistig-moralische Wende kommt nicht. Noch nicht.

Hunger, Appetit und die Vorfreude auf den Genuss

Tag drei. Endlich wird es langsam besser. Dafür ist der Hunger da. Und vor allem der Appetit. Beim Fasten werden die Sinne geschärft. Man riecht alles viel intensiver. Das ist schön, wenn ich auf den Balkon gehe und die Stiefmütterchen mir förmlich in den Riechkolben hüpfen. Leider gilt das auch für das Kaffeepulver. Ich greife zum Gemüsesaft und klappe die Kühlschranktür schnell wieder zu.

Tag vier. Der Hunger vergeht. Der Appetit zwar nicht, aber das ist eine Willensfrage. Und eine der Einstellung: Statt zu jammern, kann man die vielen leckeren Düfte auch als Vorfreude sehen. Und so sehe ich es jetzt auch, an Tag sieben: Was man entschlackt, ist vor allem der Geist. Das Glas Pfefferminztee ist nicht mehr halb leer, sondern halb voll. Meine Fastenzeit ist mehr als zur Hälfte rum. Aber ich bin erst halb voll.

FASTEN - FRAGEN AN DEN EXPERTEN



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