Heilfasten Die grotesken Erwartungen ans Entschlacken

Anhänger des Heilfastens schwören auf die Entschlackung. Doch was ist wirklich dran? Ernährungsexperte Andreas Pfeiffer erklärt, was im Körper passiert - und wie Fasten der Gesundheit nutzt.
Klare Brühe: Der Energieentzug beim Fasten führt zum Abbau schädlicher Proteine

Klare Brühe: Der Energieentzug beim Fasten führt zum Abbau schädlicher Proteine

Foto: Corbis
ZUR PERSON

Professor Andreas Pfeiffer ist Direktor an der Klinik für Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin der Charité Berlin. Er leitet zudem die Abteilung Klinische Ernährung am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (Dife) in Potsdam.

SPIEGEL ONLINE: Herr Pfeiffer, wie wichtig ist die Darmentleerung durch Abführmittel und Einläufe, die von Fastenanhängern immer wieder angepriesen wird?

Pfeiffer: Das spielt überhaupt keine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt aber, es würde das Hungergefühl vermindern .

Pfeiffer: Die Faktoren, die die Hungergefühle steuern, sind Hormone und die Dehnungsrezeptoren der Magenwand. Der Darm spielt da meines Wissens keine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Fastenfans sprechen gerne vom Entschlacken. Was ist da dran?

Pfeiffer: Entschlacken ist ein sehr dehnbarer Begriff. Wenn Sie darunter verstehen, dass Muskeln und Leber von Fett befreit werden, dann findet eine Entschlackung statt. Auch auf zellulärer Ebene kann man von Entschlackung sprechen: Zellen sammeln im Laufe des Lebens schädliche Proteine an, zum Beispiel die bekannten Alzheimer-Proteine. Diese werden durch Enzyme abgebaut, die wiederum durch Energieentzug aktiviert werden. Das ist Teil einer generellen Stressreaktion des Körpers. Sie führt dazu, dass Zellen ihre Komponenten recyceln. Das könnte erklären, warum sich die kognitiven Leistungen von älteren Personen beim Fasten verbessern.

Aber die Vorstellung des Entschlackens beim Fasten hat mitunter groteske Ausmaße angenommen: In Fastenkliniken wird den Leuten teilweise eine Darmspülung verpasst und ihnen dann der Stuhl in Glasröhren vorgeführt. Bei dieser sogenannten Colon-Hydro-Therapie wird nur die Darmwand gespült, sonst passiert da aber gar nichts.

SPIEGEL ONLINE: Der Körper lagert im Fettgewebe Giftstoffe wie etwa Dioxin oder Schwermetalle. Werden diese nicht freigesetzt und ausgeschieden, wenn das Fett schmilzt?

Pfeiffer: Das ist ein Thema, das man noch nicht besonders gut versteht. Zum einen ist unklar, wie viele Gifte im Fettgewebe eingelagert sind - das ist wohl bei jedem Menschen unterschiedlich. Zum anderen weiß man nicht, was mit den Stoffen passiert, wenn sie freigesetzt werden. Das wird derzeit untersucht. Man hat zum Beispiel Hinweise gefunden , dass Leute, die ständig zu- und abnehmen, möglicherweise kürzer leben. Eine Hypothese ist, dass es eben an diesen freigesetzten Giftstoffen liegen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Angeblich bleiben Fettdepots im Körper jahrelang vom System unberührt, wenn sie einmal aufgebaut sind. Stimmt das?

Pfeiffer: Nein, auch Fettgewebe ist aktiv. Die Frage ist nur: Inwieweit betrifft das auch die Stoffe, die dort eingelagert sind. Werden sie bei der Zellaktivität eliminiert oder nicht?

SPIEGEL ONLINE: Wie entstehen die unangenehmen Körpergerüche, die man beim Fasten entwickelt?

Pfeiffer: Wenn keine Nahrung mehr zugeführt wird, verwendet der Stoffwechsel die körpereigenen Vorräte, im wesentlichen Fett. Es wird nicht direkt von den Zellen verbrannt, sondern in der Leber in sogenannte Ketonkörper umgewandelt, die dann im Herz und den Muskeln verbrannt werden können. Nach etwa drei Tagen dann auch in den Hirnzellen, die normalerweise Zucker benötigen. Die Ketonkörper verursachen einen typischen Geruch.

SPIEGEL ONLINE: Ab wann beginnt der Fettabbau?

Pfeiffer: Der Fettabbau läuft immer, natürlich neben der Zuckerverbrennung, das ist ein Mischbetrieb. Aber sobald Sie eine negative Energiebilanz haben, verbrennen Sie Fett.

SPIEGEL ONLINE: Und wie verhindert man den Eiweiß-, beziehungsweise den Muskelabbau beim Fasten?

Pfeiffer: Indem man ein bisschen Zucker und Eiweiß während des Fastens isst. Einige Organe, zum Beispiel das Gehirn und die Nieren, brauchen Zucker. Das stellt der Körper aus Eiweißen her, was er durch Muskelabbau gewinnt.

SPIEGEL ONLINE: Während des Fastens ist der Darm ruhiggestellt. Wie wirkt sich das auf die Darmflora aus?

Pfeiffer: Die Bakterienzahl sinkt natürlich, aber die Anzahl der Arten ändert sich zunächst nicht - so zumindest der heutige Kenntnisstand. Die Darmflora regeneriert sich bei den meisten Menschen nach dem Fasten recht schnell wieder.

SPIEGEL ONLINE: Könnte das Fasten einen Neuanfang für eine gesündere Darmflora setzen?

Pfeiffer: Nein. Aber das ist ein Gebiet, was derzeit stark beforscht wird, weil noch viele Fragen offen sind. Übergewichtige haben nicht die eine "Übergewichtigen-Darmflora", sie variiert sehr stark. Man weiß auch, dass die Darmflora sehr dynamisch ist. Eine "Nature"-Veröffentlichung  von 2014 zeigte, dass man innerhalb von wenigen Tagen allein durch die Ernährungsweise die Zusammensetzung und Aktivität der Darmflora verändern kann.

SPIEGEL ONLINE: Profitieren Menschen mit Darmproblemen vom Fasten?

Pfeiffer: Bei Leuten mit chronisch-entzündlichen Darmproblemen ist Fasten als Intervention noch nicht untersucht worden.

SPIEGEL ONLINE: Welche positiven Folgen hat Fasten für die Gesundheit?

Pfeiffer: Die Blutfette sinken, der Blutdruck ebenfalls, der Zuckerstoffwechsel verbessert sich, Entzündungen verschwinden, Gelenkprobleme werden weniger und man schläft besser. Und durch den Gewichtsverlust verringern Sie das Diabetes-Risiko. Nur 3,5 Kilo weniger senkt es um 60 Prozent. Zudem sinkt mit der Gewichtsabnahme auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

SPIEGEL ONLINE: Fasten soll Gichtanfälle auslösen. Stimmt das?

Pfeiffer: Ja. Wenn Sie fasten, bauen Sie viele Zellen ab. Harnsäure ist ein Abbauprodukt. Das kann Gichtanfälle auslösen. Ebenso Gallensteine. Aber dagegen kann man auch Medikamente nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Fasten ruft bei vielen euphorische Gefühle hervor. Wie entsteht das?

Pfeiffer: Nicht durch die oft beschworenen Endorphine. Wahrscheinlich verändert das Fasten den Serotonin-Stoffwechsel. Wie genau, weiß man aber nicht.