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13. Februar 2013, 16:20 Uhr

Heilfasten

"Die Gewichtsabnahme ist nur ein Mitnahmeeffekt"

Fastenkuren sind umstritten. Ernährungswissenschaftler halten sie für ungeeignet, um langfristig abzunehmen. Im Interview erklärt der Arzt für Naturheilkunde Andreas Michalsen von der Berliner Charité, wann Fasten sinnvoll sein kann - und wie es gesund ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie sinnvoll ist Fasten?

Andreas Michalsen: Bei einer Vielzahl von chronischen Erkrankungen, aber auch für die Prävention ist periodisches Fasten durchaus sinnvoll. Es führt vor allem zur Durchbrechung von eventuell ungesunden Ernährungs- und Lebensstilgewohnheiten, und außerdem können sich Stoffwechselrezeptoren, einige Hormone und auch Verdauungsregulationskreise "erholen". Beispielsweise erhöht sich die Insulinsensivität, oder auch die Blutdruckregulation wird sensitiver.

SPIEGEL ONLINE: Darf jeder fasten?

Michalsen: Es gibt Kontraindikationen. Menschen mit bereits bestehendem Untergewicht sollten nicht fasten, ebenso Menschen mit Essstörungen, hierzu zählen Bulimie und Magersucht. In diesem Zusammenhang sollten auch extremst Adipöse mit einem BMI über 45 nicht fasten oder nur im Einzelfall, da hier meistens ursächlich eine Essstörung vorliegt. Weitere Kontraindikationen sind Schilddrüsenerkrankungen und schwere Leber- und Nierenerkrankungen. Insgesamt sollte beim Vorliegen von manifesten Erkrankungen und einzunehmender Medikation das Fasten nur ärztlich überwacht und in Kliniken stattfinden.

SPIEGEL ONLINE: Ist Fasten sinnvoll, um abzunehmen?

Michalsen: Nur bedingt, die Gewichtsabnahme beim Fasten ist nur ein Mitnahmeeffekt. Ein Teil der Gewichtsabnahme besteht sowieso aus Wasser. Außerdem sollten Fastende auch auf den Jojo-Effekt achten. Aber es zeigt sich, dass nur wenige Fastende damit zu kämpfen haben, weil die Ernährungsumstellung im Nachhinein zum Greifen kommt. Dennoch sehen wir die Gewichtsabnahme nicht als primäres Ziel des Fastens.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man nur mit ärztlicher Begleitung fasten?

Michalsen: Bei Gesunden reicht ein vorheriger Check-up. Bei bestehender Krankheit aber sollte nur ärztlich überwacht gefastet werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fastenform ist am sinnvollsten?

Michalsen: Am bewährtesten und etabliertesten ist das sogenannte Saftfasten, hier nach der Methode von Buchinger. Ebenfalls gute Erfahrungen bestehen mit dem Molkefasten und dem Schleimfasten, insbesondere bei magenempfindlichen Menschen. Nicht sinnvoll erscheint die Schrotkur. In den USA wird häufig das Wasserfasten als Nulldiät durchgeführt. Auch hiervon raten wir ab, da es zu einem unnötigen Eiweiß- und Muskelabbau kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich Heilfasten von anderen Fastenformen?

Michalsen: Heilfasten oder auch therapeutisches Fasten kann man als präventivmedizinische Einflussnahme auf den Körper betrachten. Es dient nicht primär asketischen oder spirituellen Zielen und unterscheidet sich durch seinen weitgehenden Nahrungsverzicht (unter 500 Kilokalorien pro Tag Energiezufuhr) auch von Teilfastenformen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Zeitraum ist optimal?

Michalsen: Das Fasten für Gesunde umfasst in der Regel fünf Tage, kann auch über sieben Tage durchgeführt werden. Das therapeutische Fasten zur Behandlung sollte mindestens sieben Tage umfassen und kann je nach Ernährungsausgangszustand auf maximal drei Wochen ausgedehnt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist von sogenannten Fastenkliniken zu halten?

Michalsen: Da Fasten gut wirksam sein kann, aber doch einige Dinge zu beachten sind, ist die Expertise von Fastenkliniken durchaus sinnvoll. Die günstigen Effekte des Fastens können auch in der Situation des Retreats mit der entsprechenden Ruhe, Entspannungsverfahren und Anwendungen noch verstärkt werden.

SPIEGEL ONLINE: Fasten soll gegen eine Reihe von Krankheiten helfen, zum Beispiel Migräne, Rheuma und Allergien. Wie gut ist das wissenschaftlich belegt? Und ist der Effekt nachhaltig über das Fasten hinaus?

Michalsen: Die beste Evidenz liegt zu den rheumatischen Erkrankungen vor, speziell zur rheumatoiden Arthritis. Hierzu wurden mehrere randomisierte Studien und eine Metaanalyse gemacht. Der Effekt war hier über mindestens ein Jahr nachhaltig, allerdings wurde im Nachhinein auch eine vegetarische Kostform eingesetzt. Für die Nachhaltigkeit des Effektes spielt die Ernährungsumstellung sicher eine große Rolle. Für einige andere Indikationen wie Migräne, Arthrose und metabolisches Syndrom liegen inzwischen erste Daten aus prospektiven, aber nicht randomisierten Studien vor. Aus den USA sind zwei Studien zum Effekt auf Bluthochdruck vorliegend. An meiner Einrichtung laufen derzeit zwei randomisierte Studien zum Effekt des Saftfastens bei Diabetes mellitus sowie in einem komplexeren Zusammenhang bei koronarer Herzerkrankung.

Interessant ist die rasch wachsende Evidenz, die sich aus amerikanischen Studien zur kalorischen Restriktion des zeitweisen Fastens ergibt. Tierversuche zeigen deutliche Effekte des Fastens bei der Prävention von vielen chronischen Erkrankungen, insbesondere der koronaren Herzkrankheit, neurogenerativen Erkrankungen, Parkinson und Demenz sowie Diabetes und einer Vielzahl von Krebserkrankungen. Insbesondere wird dem Insulin und dem insulinähnlichen Wachstumsfaktor IGF-I hier eine ungünstige Rolle zugesprochen. Beides wird durch Fasten signifikant abgesenkt. Aktuelle Studien zeigen auch, dass Fasten als parallele Maßnahme zur Chemotherapie sowohl die Nebenwirkungen einer Chemotherapie reduziert als auch die Ansprechbarkeit der Chemotherapie erhöht. Auch wir werden in diesem Jahr eine Studie zur Wirksamkeit des intermittierenden Fastens bei Chemotherapie in der Behandlung von Krebserkrankungen durchführen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass der Körper Giftstoffe, zum Beispiel Schwermetalle, im Fettgewebe speichert und diese beim Fasten 'entsorgt' werden?

Michalsen: Es stimmt, dass einige Schwermetalle im Fettgewebe gespeichert werden. Es ist aber nicht belegt, dass diese durch das Fasten mobilisiert und entsorgt werden.

SPIEGEL ONLINE: Worauf sollte man beim Fasten achten?

Michalsen: Es ist sehr wichtig, beim Fasten auf Genussgifte zu verzichten und kein Koffein, kein Nikotin zu sich zu nehmen. Darüber sollte man sich ausreichend bewegen. Genauso gut geeignet sind begleitende Entspannungsverfahren und Techniken aus der Mind-Body-Medizin wie autogenes Training, Meditation, Yoga oder Tai-Chi. Diese ergänzen die gut belegten positiven neuroendokrinen Wirkungen des Fastens hervorragend.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

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