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Fahrradhelme: Nicht auf den Kopf gefallen

Foto: Andreas Gebert/ picture alliance / dpa

Helmpflicht für Radfahrer Reine Kopfsache

Muss jeder Radfahrer einen Helm tragen? Seit Jahren streiten Experten über die gesetzliche Helmpflicht. Eine neue Studie belegt: Sie könnte insgesamt eher schädlich für die Gesundheit sein.

Es ist eine hochemotionale Debatte, die man immer wieder

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: "Jede blöde Bordsteinkante ist deutlich härter als der intelligenteste Menschenschädel. Damit ein möglicher Konflikt beider nicht von vorneherein aussichtslos für den Schädel ist, sollte der Helm drauf - für jeden!", schreibt der eine. Der andere erwidert: "Wenn ich keinen Helm trage, gefährde ich niemanden. Deswegen ist es meine Entscheidung, ob ich einen Helm trage oder nicht. Punkt, Aus, Ende."

Muss wirklich jeder Radfahrer einen Helm tragen? Auch auf dem Kongress Velo-City , der dieser Tage in Wien stattfindet, diskutieren Stadtplaner, Fahrradaktivisten und -lobbyisten aus der ganzen Welt die Helmfrage von allen Seiten.

Weitgehend einig sind sich Forscher darüber, dass ein Helm im Falle eines Sturzes schwere Kopfverletzungen verhindern kann. Einen gesetzlichen Zwang lehnen die meisten jedoch trotzdem ab. "Wir sind gegen eine Helmpflicht", sagt zum Beispiel Ceri Woolsgrove, Sicherheitsexperte bei der European Cyclists' Federation (ECF).

Die Radlobbyorganisation ECF warnt immer wieder vor den womöglich negativen Folgen einer Helmpflicht. Statistiken zeigen etwa, dass nach der Einführung der Helmpflicht in Australien die Radnutzung in Städten um 20 bis 40 Prozent sank. Folge: Der positive gesundheitliche Effekt des Radfahrens für die Gesellschaft ging zurück. Regelmäßige Bewegung mindert bekanntlich das Risiko von Herz- und Kreislauferkrankungen.

Eine unmittelbar vor dem Kongress Velo-City im "British Medical Journal" veröffentlichte Studie  gibt den Helmskeptikern nun neuen Rückenwind. Jessica Dennis von der University of Toronto untersuchte gemeinsam mit Kollegen, wie sich Kopfverletzungen in verschiedenen Provinzen Kanadas entwickelt haben, seit dort das Tragen von Helmen gesetzlich Pflicht ist.

Verblüffende Ergebnisse

Kanada hat zehn Provinzen, sechs davon haben zwischen 1994 und 2003 eine Helmpflicht eingeführt. Die vier Provinzen ohne Helmpflicht konnten die Forscher als Kontrollgruppe nutzen.

Knapp 70.000 Krankenhausbehandlungen verletzter Radfahrer aus den Jahren 1994 bis 2008 sind dokumentiert. 30 Prozent davon betrafen Verletzungen am Kopf. Das verblüffende Ergebnis: Der gesetzliche Helmzwang hat die Kopfverletzungen praktisch nicht beeinflusst.

Zwar sank während des gesamten Studienzeitraums die Verletzungsquote in allen Provinzen. Doch dort, wo eine Helmpflicht gesetzlich eingeführt wurde, registrierten die Forscher keinen stärkeren Rückgang der Kopfverletzungen als in jenen Provinzen ohne Helmpflicht.

Das statistische Ergebnis der Studie ist paradox: Obwohl ein Helm, wie die Forscher betonen, das Risiko für eine Kopfverletzung senkt (weshalb sie auch empfehlen, einen zu tragen), scheint der langjährige Effekt einer gesetzlichen Helmpflicht auf die in Krankenhäusern erfassten Kopfverletzungen minimal. Warum?

Die Autoren der Studie nehmen an, dass sowohl eine verbesserte Infrastruktur als auch die Aufklärung von Radfahrern und Autofahrern die Statistik ebenfalls beeinflusst haben könnte. Denkbar sei auch, dass die Effektivität von Helmen bei schweren Stürzen nicht so groß sei - davon Betroffene aber eher in Krankenhäusern behandelt würden als Radfahrer mit leichten Verletzungen.

Studie ist nicht auf Deutschland übertragbar

"Die Studie hat für großes Aufsehen gesorgt", sagt Christian Juhra, der am Universitätsklinikum Münster als Unfallchirurg immer wieder verletzte Radler behandelt. "Man kann die Studie aus Kanada aber nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen." In Kanada werde das Fahrrad vor allem als Sportgerät genutzt und weniger im Alltag.

Zwar hat der gesetzliche Zwang dort die Helmtragequote in den betroffenen Provinzen offenbar deutlich erhöht. Allerdings lagen den Forschern nicht für alle Provinzen solche Statistiken vor. Eine weitere Schwäche der Studie: Ob Verunglückte tatsächlich einen Helm getragen haben oder nicht, geht aus den Krankenhausdaten nicht hervor.

Und so offenbart die BMJ-Studie das allgemeine Problem der Fahrradhelmforschung: Praktisch alle Untersuchungen haben methodische Schwächen oder es fehlen wichtige Daten, weil sie nicht erfasst wurden. Zudem lässt sich die Schutzwirkung von Helmen nicht so genau analysieren wie die Wirkung eines neuen Medikaments, wo man kontrollierte Studien mit Scheinmedikamenten durchführen kann (Placebo).

Welche Nebeneffekte bestehen?

Schwer einzuschätzen sind auch psychologische Effekte: Fahren Helmträger riskanter, weil sie sich sicherer fühlen? Nehmen Autofahrer auf Radler ohne Helm mehr Rücksicht als auf Helmträger? Und übt das Tragen von Helmen auch ohne gesetzliche Pflicht einen sozialen Druck auf Helmmuffel aus, der diese vielleicht sogar vom Radeln abhält?

Der australische Mathematiker Piet de Jong von der Macquarie University in Sydney hat 2012 versucht auszurechnen, ob der vermutete Nutzen einer Helmpflicht (weniger Kopfverletzungen) größer ist als der angenommene Schaden einer Helmpflicht (weniger Radfahrer und damit mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen). Eine solche Gegenüberstellung mag zynisch erscheinen, schließlich werden Opfer von Stürzen und Opfer von Herzinfarkten gegeneinander aufgerechnet. Aber es ist die gängige Methode, um den gesamtgesellschaftlichen Nutzen beziffern zu können.

De Jong kam schließlich darauf, dass eine Helmpflicht nur dann positiv wirkt, wenn das Umfeld für Radfahrer gefährlich ist und wenn man optimistische Annahmen über die Schutzwirkung von Helmen macht . In Ländern mit vergleichsweise viel Radverkehr wie in Deutschland oder den Niederlanden wäre eine Helmpflicht demnach kontraproduktiv. Die Studie ist aber durchaus umstritten, weil sie eine Vielzahl von Annahmen erfordert, um überhaupt ein Ergebnis berechnen zu können.

Gegen die Helmpflicht - aber mit Helm!

Der Münsteraner Unfallchirurg Juhra empfiehlt einen klaren Fokus: "Man muss unterscheiden zwischen der Helmpflicht und der Entscheidung jedes Einzelnen, einen Helm zu tragen." Er selbst ist wie viele seiner Kollegen aufgrund der unklaren Datenlage eher gegen eine gesetzliche Helmpflicht - empfiehlt aber ausdrücklich, einen Helm aufzusetzen.

Forscher von der LMU München versuchen derzeit, Fahrradunfälle im Nachhinein zu rekonstruieren. Wie war die Gewalteinwirkung? Was hätte ein Helm gebracht? Was wäre ohne Helm passiert? Endgültige Klarheit über die Helmfrage wird wohl aber auch diese Untersuchung nicht liefern können.

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