SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. September 2012, 09:42 Uhr

Herzinfarkt

Fettleibige Kinder stärker gefährdet als gedacht

Die Gesundheit sehr dicker Kinder leidet möglicherweise noch stärker als bisher angenommen. Das zeigt eine britische Studie. Demnach schadet starkes Übergewicht schon im Kindesalter Herz und Gefäßen, später im Leben droht ein deutlich höheres Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Fettleibige Kinder könnten später im Leben ein höheres Risiko für gefährliche Krankheiten haben als bisher gedacht: Britische Wissenschaftler haben eine Vielzahl an Studien über die möglichen Folgen von Übergewicht im Kindesalter ausgewertet und dabei festgestellt, dass organische Schäden teilweise schon früh auftreten können. Wie das Autorenteam um Claire Friedemann von der University of Oxford im "British Medical Journal" berichtet, schade starkes Übergewicht bereits im Kindesalter dem Herz und den Gefäßen - der Effekt würde später verstärkt.

In ihrer umfassenden Analyse kommen die Forscher zu dem Schluss: "Ein Body-Mass-Index (BMI) jenseits der Norm hat einen wesentlichen Einfluss auf die Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen bei Kindern im Schulalter." Zudem warnen Friedemann und Kollegen vor den möglichen Folgen: Wenn diese Risikofaktoren über die Jahre hinweg erhalten blieben, steige die Gefahr im Erwachsenenalter, einen Schlaganfall oder eine Herzkrankheit zu erleiden um 30 bis 40 Prozent im Vergleich zu Normalgewichtigen.

Die Forscher untersuchten insgesamt 63 Studien, an denen 49.220 gesunde Kinder im Alter von 5 bis 15 Jahren teilgenommen hatten. Die Untersuchungen erfolgten nach 1990 in führenden Industriestaaten und waren zwischen 2000 und 2011 veröffentlicht worden. Alle Studien erfassten das Körpergewicht und mindestens einen Herz-Risikofaktor wie etwa hohen Blutdruck oder erhöhte Cholesterinwerte.

Fettleibige Kinder (ab einem Body-Mass-Index von 30) hatten einen deutlich höheren Blutdruck und einen deutlich höheren Cholesterinwert als die normalgewichtigen. Auch zwischen übergewichtigen (BMI zwischen 25 und 30) und normalgewichtigen Kindern bestanden Unterschiede, allerdings waren diese weniger groß. Die fettleibigen Kinder zeigten den Forschern zufolge bereits ein erhöhtes Risiko für Diabetes.

Die Wissenschaftler Lee Hudson und Russel Viner vom UCL Institute of Child Health in London betonen in einem Kommentar zur Studie, dass die neue Untersuchung auch die unmittelbaren Auswirkungen von Fettleibigkeit bei Kindern analysiert. Bisherige Arbeiten hätten sich vor allem auf die Folgen im Alter konzentriert. Diese frühen Auswirkungen seien am besorgniserregendsten - so habe sich bei einigen fettleibigen Kindern schon eine verdickte linke Herzkammer gezeigt, schreiben Hudson und Viner. Eine Krankheit, unter der eigentlich ältere Menschen mit chronischem Bluthochdruck leiden.

Noch nicht ganz klar sei aber, ob die Ursache tatsächlich starkes Übergewicht in der Kindheit sei - oder ob die Erkrankungen mit bleibender Fettleibigkeit im Erwachsenenalter einhergingen. Es gibt aber Hinweise, dass der Kindes-BMI die Krankheitsrisiken unabhängig vom Gewicht im Erwachsenenalter erhöht, schreiben die Experten.

Hudson und Viner werfen zudem die "Schlüsselfrage" auf, ob der Zusammenhang zwischen BMI und dem Risiko für Herzerkrankungen linear ansteige - oder, ob es eine bestimmte Schwelle gebe, von der an eine erhöhte Gefahr bestehe. Friedemann und Kollegen ließen dies unbeantwortet. So sei auch nicht bekannt, ab welchem Gewicht Kinder abnehmen müssten, um das Risiko eines kranken Herzens zu verringern.

cib/dpa

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung