Dubiose Allergietests Weizen und Kuhmilch waren gestern

Ärzte, Heilpraktiker und Labore verdienen Millionen mit sogenannten IgG-Allergietests, dabei sind sie nach Meinung von Fachleuten völlig ungeeignet. Trotzdem vertrauen Menschen den Ergebnissen und stellen ihre Ernährung grundlegend um.
Risiko Brötchenkauf: Der Autorin wurden per Test Allergien gegen Weizen und Roggen zugesprochen

Risiko Brötchenkauf: Der Autorin wurden per Test Allergien gegen Weizen und Roggen zugesprochen

Foto: Oliver Berg / DPA

In meinem Bad steht eine Art Chemiebaukasten, lauter Gläschen mit blauer, rosafarbener und durchsichtiger Flüssigkeit. Gleich werde ich erfahren, welche Lebensmittel ich schlecht vertrage.

Es geht hier nicht um echte Nahrungsmittelallergien, die sofort heftige Reaktionen bis zum Kreislaufzusammenbruch auslösen können. Diese lassen sich mit einem medizinisch anerkannten Bluttest auf IgE-Antikörper und einem Hauttest feststellen.

Im Heimlabor teste ich mich auf "verzögerte Nahrungsmittelallergien vom Typ III". Diese machen sich den Anbietern solcher Tests zufolge erst Stunden oder sogar Tage nach dem Verzehr eines Lebensmittels bemerkbar. Mit Symptomen, die so ziemlich jeder kennt, darunter Blähungen, Gewichtsschwankungen, Konzentrationsschwäche, Müdigkeit nach dem Essen.

Das Geschäft mit der Allergie

Etliche Labore vertreiben die sogenannten IgG-Tests und arbeiten mit Ärzten und Heilpraktikern zusammen, sowohl aus dem schulmedizinischen als auch aus dem alternativmedizinischen Spektrum. Wer Beschwerden hat und nach einer Erklärung sucht, ist willkommener Kunde. Die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie schätzt, dass IgG-Tests im Jahr in Deutschland etwa 10 bis 20 Millionen Euro Umsatz einbringen. Ärzte nehmen bis zu 400 Euro für die Untersuchung, je nachdem auf wie viele Lebensmittel getestet wird.

"Es gibt Allergien vom Typ III, allerdings nur gegen Stoffe wie Sporen von Schimmelpilzen oder Bestandteile von Bakterien, die man einatmet", sagt Jörg Kleine-Tebbe, Arzt und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie. Allergien vom Typ III gegen Nahrungsmittel gebe es praktisch nicht. "Das ist eine reine Erfindung."

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Auch sei die Diagnosemethode nicht aussagekräftig, kritisiert Kleine-Tebbe. Die Labore spüren im Blut sogenannte IgG-Antikörper auf (nicht zu verwechseln mit IgE-Antikörpern), die Abkürzung steht für Immunglobulin G. "Der IgG-Test ist nur in sehr seltenen Fällen sinnvoll, Allergien gegen Nahrungsmittel gehören nicht dazu."

IgG-Antikörper produziere jeder Mensch, wenn er mehrfach mit fremdem Protein, etwa aus einem Lebensmittel, in Kontakt gekommen sei. Das sei völlig normal. "Insofern lassen sich mit dem Test, wenn er empfindlich genug ist, bei jedem Menschen Antikörper im Blut finden, das hat aber gar nichts mit Krankheit zu tun", sagt Kleine-Tebbe.

Irgendwas findet man immer

Für die Anbieter ist genau das verlockend: Es gibt eigentlich immer einen Befund. Deshalb bieten Ärzte und Heilpraktiker den Test oft den Patienten an, die schon komplett durchgecheckt sind, aber immer noch keine Erklärung für ihre Beschwerden haben. Gewöhnlich bekommen die Menschen, die sich auf den Test einlassen, eine lange Liste von Lebensmitteln, die sie von nun an meiden sollen.

In einem Selbstversuch habe ich Ärzten und Heilpraktikern von unspezifischen Symptomen erzählt (gelegentliche Bauchschmerzen, Verdauungsprobleme und Müdigkeit) - und daraufhin eine Nahrungsmittelunverträglichkeit nach der anderen diagnostiziert bekommen. Zweimal wurde mir der IgG-Test empfohlen. Den mache ich jetzt mit meinem Chemielabor aus dem Internet für 79 Euro. Technisch ist es nicht schwierig, die IgG-Antikörper zu messen, der Test für Zuhause kann also funktionieren. Das Problem ist bloß, dass die Antikörper nichts über vermeintliche Unverträglichkeiten aussagen.

Ich pikse mir mir in den Finger, fülle Blutstropfen in ein Röhrchen, werfe es in die rosa Lösung, schüttele und gieße die Mischung in eine Plastikschale. Darin sind 48 Punkte mit dem Proteinextrakt von Nahrungsmitteln beschichtet. Nachdem ich auch mit der blauen und der durchsichtigen Flüssigkeit gepanscht und Chemie als neues Hobby entdeckt habe, bekomme ich mein Ergebnis: Ich reagiere unter anderem allergisch auf Kuhmilcheiweiß, Weizen, Roggen und Ei. All das darf ich jetzt nicht mehr essen.

Wie die Anbieter reagieren

Ich konfrontiere Ärzte, Heilpraktiker und Labore, die den IgG-Test anbieten, mit einer Stellungnahme internationaler Allergologen-Verbände , in der die Diagnosemethode schlecht wegkommt: Sie sei ungeeignet und strikt abzulehnen. Die Testergebnisse dienten als Begründung für ungerechtfertigte und häufig einschneidende Diäten und "tragen damit zu erhöhtem Leidensdruck, eingeschränkter Lebensqualität, zur Verunsicherung oder sogar Gefährdung der betroffenen Personen bei."

Die meisten Anbieter, die mir antworten, erzählen Geschichten von einzelnen Patienten, die nach Test und Ernährungsumstellung zum Beispiel von Migräne geheilt waren. Ob der Verzicht wirklich die Ursache für die Besserung war, bleibt bei einzelnen Erfahrungsberichten jedoch unklar. Sicher ist dagegen, dass radikale Diäten schaden können: Ärzte sehen in ihren Praxen Kinder mit Mangelerscheinungen.

Drei Monate später wiederhole ich den Test. Obwohl ich weiterhin alles gegessen habe, bekomme ich diesmal ein anderes Ergebnis: Meine angeblichen Allergien gegen Kuhmilch, Ei und Weizen sind zwar geblieben, auf Roggen jedoch reagiere ich plötzlich nicht mehr. Dafür habe ich neue Allergien gegen Mais und Backhefe entwickelt.

Susanne Schäfers Buch "Der Feind in meinem Topf" beschäftigt sich mit dem Thema Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Dieser Text ist kein Auszug aus dem Buch, sondern beruht auf einer zusätzlichen Recherche.

Seriöse Tests auf Allergien oder Unverträglichkeiten gegenüber Nahrungsmitteln

Hauttest / Pricktest: Lösungen mit Allergenen werden durch winzige Stiche unter die Haut gebracht. Eine Sofortallergie zeigt sich deutlich durch die Bildung einer Quaddel an der Einstichstelle.Bluttest auf Antikörper vom Typ IgE: Nicht zu verwechseln mit dem IgG-Test! IgE produziert der Körper gegen Substanzen, die das Immunsystem als gefährlich einstuft - im Falle einer Allergie also auch das jeweilige Allergen.Achtung! Ein positiver Test zeigt lediglich, dass der Körper auf ein Allergen sensibilisiert ist. Das bedeutet nicht zwingend, dass dieses Allergen auch für beobachtete Symptome verantwortlich ist.Provokationstest: Der Betroffene isst das Nahrungsmittel, gegen das er vermutlich allergisch ist. Der Test kann das Ergebnis von Blut- und Hauttest bestätigen. Er darf nur unter ärztlicher Aufsicht stattfinden, da bei schweren Nahrungsmittelallergien ein gefährlicher anaphylaktischer Schock droht.Auslassungsdiät: Betroffene verzichten auf viele Lebensmittel, essen diese nach und nach wieder und führen Tagebuch über ihre Beschwerden.Wasserstoffatemtest bei Laktoseintoleranz und Fruktoseunverträglichkeit : Der Patient konsumiert für den Test beim Arzt Milch- beziehungsweise Fruchtzucker. Liegt eine Unverträglichkeit vor, gären beide Substanzen im Darm, wobei auch Wasserstoff entsteht, der zum Teil ins Blut übergeht und schließlich ausgeatmet wird. Der Arzt misst deshalb den Wasserstoffgehalt der Atemluft.Diagnose von Zöliakie / Glutenunverträglichkeit: Per Bluttest wird nach bestimmten Antikörpern gegen Gluten-Bestandteile sowie Autoantikörpern gesucht. Zusätzlich wird eine Gewebeprobe von den Dünndarmzotten untersucht.

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