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23. Januar 2015, 06:33 Uhr

Sport in der Kälte

"Ein bisschen frösteln ist okay"

Ein Interview von

Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in kurzen Hosen zu joggen ist keine gute Idee, erklärt der Sportmediziner Klaus-Michael Braumann. Wer sich gegen Kälte abhärten will, sollte lieber auf heiß-kalte Duschen setzen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Braumann, was halten Sie von Läufern, die im Winter in kurzen Hosen joggen?

Braumann: Das kommt auf die Temperatur an. Bei zehn Grad Außentemperatur ist das okay, manche Winter sind ja eher mild. Aber wenn das in Ideologie ausartet, wird's schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Ich sehe oft Leute in kurzen Hosen joggen, bei Temperaturen knapp über Null.

Braumann: Solche Leute sind für mein Empfinden etwas auffällig.

SPIEGEL ONLINE: Welche Absicht steht dahinter?

Braumann: Darüber kann ich nur spekulieren: Exhibitionismus? Ein missverstandener Körperkult?

SPIEGEL ONLINE: Es gibt die Vorstellung, man könne sich dadurch "abhärten". Stimmt das?

Braumann: Abhärten ist ein dehnbarer Begriff. Manche verstehen darunter eine Stabilisierung des Immunsystems. Andere ein Training der Blutgefäße der Haut, sodass Temperaturregelungsprozesse besser ablaufen und man gegenüber Kälte unempfindlicher wird. Aber da kann man auch heiß und kalt duschen, das ist effizienter. Bei dem Thema Abhärten schwingt viel Ideologie mit und es wird benutzt, um einen auffälligen Körperkult zu zelebrieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist es gut fürs Immunsystem, sich Kälte auszusetzen?

Braumann: Es ist mittlerweile belegt, dass zum Beispiel durch Kneippsche Therapiekonzepte, die kalte Wassergüsse beinhalten, die Häufigkeit von Infekten gesenkt werden kann. Aber es ist nicht klar, was hier der wirksame Parameter ist - das Immunsystem oder nicht doch eher die Thermoregulation der Haut? Die wird trainiert, mit der Folge, dass man weniger schnell auskühlt und Viren schlechtere Chancen haben. Aber da ist vieles noch Spekulation.

SPIEGEL ONLINE: In Läufer-Diskussionsforen steht, dass Laufen in kurzen Hosen bei Kälte schlecht für Sehnen, Gelenke und Bänder sein soll.

Braumann: Das ist plausibel. Kälte führt zur Durchblutungsdrosselung, und Gelenkkapseln und Bänder sind schon relativ gering durchblutet. Das führt möglicherweise zu einer verringerten Regeneration und damit zu einem höheren Belastungsstress.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn man das regelmäßig macht?

Braumann: Das kann zunächst zu Schmerzen führen und über eine längere Zeit möglicherweise zu schnellerer Abnutzung.

SPIEGEL ONLINE: Steigt eventuell die Unfallgefahr?

Braumann: Ja. Die Nerven für die Weiterleitung der Schutzreflexe sind ja auch unterkühlt und die Schutzreflexe dementsprechend verlangsamt.

SPIEGEL ONLINE: Ab welcher Temperatur würden Sie lange Kleidung empfehlen?

Braumann: Das ist sehr individuell, das muss jeder für sich ausprobieren.

SPIEGEL ONLINE: Ein Marathonläufer hat mal die Empfehlung gegeben, dass sich ein Läufer so anziehen soll, dass er zu Beginn leicht fröstelt. Stimmt das?

Braumann: Ein bisschen frösteln ist okay. Man muss eben darauf achten, nicht zu stark auszukühlen. Läufer sollten aber auch nicht übermäßig schwitzen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist schlimmer? Zu stark zu schwitzen oder zu stark zu frieren?

Braumann: Physiologisch betrachtet ist zu stark zu schwitzen schlechter, weil der Flüssigkeitsverlust stärker die Leistung beeinträchtigt. Das Frösteln können Sie immer noch durch intensivere Körperbelastung kompensieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Immunabwehr soll während des Laufens zunächst ansteigen, danach aber wieder abfallen. Bei längerem Hin- und Rückweg zur Laufstrecke besteht das Risiko, auf dem Heimweg zu sehr verschwitzt zu sein.

Braumann: Das ist eine große Gefahr, die alle Sportler betrifft. Nach einer schweißtreibenden Trainingseinheit ist die Infektionsgefahr extrem hoch, wenn man sich noch lange in nassen Sportsachen aufhält.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Joggen an der frischen Luft sei gut fürs Immunsystem. Ist es das Joggen an sich? Oder das Joggen an der frischen Luft?

Braumann: Erst einmal das Joggen an sich. Bei Muskeltätigkeit werden im Muskelgewebe Myokine freigesetzt, Botenstoffe, die immunmodulierende Wirkung haben. Wenn Sie an der frischen Luft sind, kommen sehr starke psychoregulative Effekte dazu. Psyche, Wohlbefinden und Immunsystem sind eng miteinander verwoben. Kurz gesagt: Bewegen ist gut. An frischer Luft noch besser.

SPIEGEL ONLINE: Es wird immer empfohlen, sich fürs Laufen draußen nach dem Zwiebelprinzip anzuziehen. Zudem soll man Kopf und Hände warm halten und sich noch ein Tuch vor den Mund binden, um die kalte Luft anzuwärmen, die sonst die Lungengefäße schreckt. Das klingt nach Aufwand und ist eine Hemmschwelle überhaupt bei schlechtem Wetter zu joggen. Ist es daher nicht sinnvoller, im Winter einfach aufs Laufband zu gehen?

Braumann: Man muss es auch nicht übertreiben. Auch bei Minusgraden bekommt keiner eine eingefrorene Lunge. Aber klar, bei schlechtem Wetter ist es besser aufs Laufband zu gehen als gar nicht zu laufen.

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