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23. Januar 2015, 06:43 Uhr

Abhärtung gegen Kälte

Guckt mal, ich friere gar nicht!

Nur die Harten kommen in den Garten, beziehungsweise in den Park. Oder warum sonst joggen viele Männer bei Minusgraden in kurzen Hosen, fragt sich Jens Lubbadeh. Der Abhärtungswahn ist nicht nur unsinnig, sondern auch ungesund.

Ich hatte mal einen Kollegen, nennen wir ihn Björn, der immer nur T-Shirts trug. Als ich den Job begann, war es Sommer, in dieser Jahreszeit war Björn maximal unauffällig. Auch im Oktober, als ich längst Rollkragenpullover trug, wunderte ich mich noch nicht über Björns Garderobe. Ich hielt ihn einfach für einen harten Hund. Als der Dezember kam und er unter seiner Winterjacke immer noch nichts anderes als ein T-Shirt entblößte, fragte ich mich das erste Mal, ob irgendetwas mit ihm nicht stimmte.

Ich beobachtete ihn heimlich. An Björn waren keinerlei Anzeichen von unterdrückter Gänsehaut oder Kältetremor zu erkennen. Auch seine Hautfarbe war physiologisch korrekt. Völlig ruhig saß er da mit seinen nackten Armen, während mich die Wolle am Hals kratzte. In der Mittagspause kontrollierte ich heimlich seinen Heizkörper - er war abgedreht. Nein, der spielte nichts vor. In mir löste das einen Gefühlsmix aus Bewunderung, Unverständnis, Fremdfrösteln und Scham aus. Was, wenn mit mir etwas nicht stimmte? War ich zu verweichlicht?

Heimlich begann ich Björn nachzueifern. Als ich sicher war, dass die Heizkörper auf das Maximum hochgedreht waren, zog ich demonstrativ meinen Rollkragenpullover aus. Absichtlich hatte ich mein liebstes T-Shirt angezogen. Am nächsten Tag ließ ich den Rollkragenpullover gleich zu Hause. Am Tag darauf saß ich - jetzt nicht mehr im T-Shirt - im Wartezimmer meiner Hausärztin: Verdacht auf Lungenentzündung.

Was ist nur los mit diesen jungen Leuten?

Mit dieser Erfahrung beendete ich meine Abhärtungsversuche. Die meiner Mitmenschen verfolge ich jedoch weiter mit Interesse. Seit einigen Jahren gibt es da Bewegung: Immer häufiger fallen mir Mitmenschen auf, die im tiefsten Winter herumlaufen als wär's gerade Frühsommer. Aber nicht so wie Björn, der wenigstens noch eine Jacke trug. Sondern richtig mit Botschaft. Der Typ neulich am Hamburger Hauptbahnhof zum Beispiel: Armeehose und Muskelshirt - bei zwei Grad plus. Ruhig wartete er am Bahnsteig auf den Zug, die Hände demonstrativ in den Hosentaschen und nicht etwa um Reibungshitze bemüht auf der Haut reibend. Seine Botschaft: Schaut mal, was ich für eine coole Sau bin. Und dann all die Jogger, denen ich im Winter im Park begegne, die in kurzen Hosen durch Schnee und Eis stapfen. Es sind immer Männer, und sie sind immer zwischen 20 und 35 Jahren alt. Was ist mit denen nur los?

"Bei dem Thema Abhärten schwingt viel Ideologie mit", sagt der Sportmediziner Klaus-Michael Braumann im Interview. Vor allem werde es seiner Ansicht nach dazu benutzt, um einen auffälligen Körperkult zu zelebrieren. Dabei fehlen nicht nur Belege dafür, dass Joggen in kurzen Hosen im Winter irgendetwas bringt, es ist auch noch alles andere als gesund: "Kälte führt zur Durchblutungsdrosselung, und Gelenkkapseln und Bänder sind schon relativ gering durchblutet", sagt Braumann. "Das führt möglicherweise zu einer verringerten Regeneration und damit zu einem höheren Belastungsstress."

Heißt: Joggen in kurzen Hosen im Winter führt zu Schmerzen und schnellerer Abnutzung der Gelenke. Außerdem steigt die Unfallgefahr. Schon mal ein Insekt im Winter beobachtet? Schon mal darüber gewundert, warum das so langsam ist? Weil die Nerven in der Kälte langsamer leiten. Natürlich sind Menschen keine Insekten, sondern Warmblüter. Trotzdem kann die Körperheizung nicht alle Bereiche gleich gut warm halten, vor allem nicht die Außenbezirke. Wer mit Eisklumpen statt Füßen umknickt, reagiert langsamer, fällt aber genauso schnell.

Abhärten ist möglich

Dabei kann man sich tatsächlich abhärten. Wer etwas für sein Immunsystem tun will, sollte in die Sauna gehen und sich danach kalt abduschen. Dass das Immunsystem von diesen Kaltwasser-Abschreckungen profitiert, haben Studien mittlerweile belegt. Auch die guten alten Wechselduschen boosten die Körperabwehr. Kneipp-Kuren sind nichts anderes als dosierte Kältereize auf der Haut

Zwar ist die Studienlage zu ihrer Wirksamkeit noch dünn, aber sie ist besser als die zum Joggen in kurzen Hosen im Winter. Nur sind Sauna und Kneipp-Kuren nicht so cool wie in Rocky-Balboa-Hoodie und Shorts durch den Schnee zu stapfen.

Aber wer weiß, vielleicht sind die Kurze-Hosen-Jogger gar nicht so zahlreich, wie ich denke. Meine Freundin glaubt, dass das in Wahrheit Kurzzeitjogger sind. Einmal vor allen den harten Mann gegeben und dann ganz allein zu Hause krank geworden.

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