Ironman Hawaii "Dort liegt der Ursprung des Triathlonsports"

Verena Walter ist eine der besten Triathletinnen der Welt, dieses Jahr startet sie zum fünften Mal beim Ironman Hawaii. Im Interview erklärt sie, warum der Wettbewerb so besonders ist.

Verena Walter
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Verena Walter

Ein Interview von Frank Joung


Zur Person
  • Oliver Pohl
    Verena Walter, Jahrgang 1981, ist eine deutsche Triathletin. Sie nimmt zum fünften Mal am Ironman Hawaii teil - zum ersten Mal als Profi. Dieses Jahr gewann sie den Bonn-Triathlon und den Ironman 70.3 Otepää in Estland. Neben dem Sport arbeitet sie als selbständige Mediengestalterin.
    www.verenawalter.net

SPIEGEL ONLINE: Frau Walter, am Samstag starten Sie beim Ironman Hawaii. Ist das Event wirklich so besonders?

Walter: Auf jeden Fall. Dort liegt der Ursprung des Triathlonsports. Hier entstand alles - aus einer Wette zwischen Schwimmern, Läufern und Radfahrern, wer wohl der Fitteste sei. Bei der 35. Auflage des Ironman waren einige der Gründer eingeladen, ich war da. Das war nur eine Handvoll Leute, die diese verrückte Idee hatten. Das war so geil.

SPIEGEL ONLINE: Der Ironman ist fast vierzig Jahre alt. Immer noch träumen alle Triathleten von Hawaii. Hier werden Anekdoten zu Legenden.

Walter: Lustig fand ich die Geschichte von dem einen, der am Tag nach dem Wettkampf in der Schule angeben wollte, was er alles Tolles gemacht hätte am Wochenende. Leider war er noch nicht im Ziel, als der Unterricht begann (lacht). Solche Geschichten machen es aus. Verrückt, was heute draus geworden ist. Der Sport reißt so viele Menschen mit - und ich bin ein Teil davon. Das finde ich cool.

SPIEGEL ONLINE: Ist dieser Spirit überhaupt direkt spürbar? Die Strecke von Hawaii ist nicht gerade von Menschenmassen gesäumt. Da ist der Challenge Roth zum Beispiel viel atmosphärischer.

Walter: Stimmt, es gibt sicher schönere Rennen. Aber man spürt, dass jeder stolz ist, sich qualifiziert zu haben und da zu sein. Gerade für uns Deutsche ist es noch mal speziell, weil es eine halbe Weltreise ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Atmosphäre zwischen den Athleten anders als bei anderen Wettkämpfen?

Walter: Ich habe das Gefühl, dass jeder noch ein bisschen mehr Respekt vor dem anderen hat. Jeder weiß, dass hier die Weltelite versammelt ist: die Besten der Besten. Da schielt man schon mal genauer auf die Bauchmuskeln und hat noch ein bisschen mehr Schiss.

SPIEGEL ONLINE: Das ist jetzt das fünfte Mal, dass Sie dabei sind. Was machen Sie jetzt anders als beim ersten Mal?

Walter: 2007, als ich mich das erste Mal qualifiziert habe, musste ich erst mal meinen alten Diercke-Weltatlas rauskramen. Ich wusste nicht mal, wo Hawaii liegt. Alle sagten nur: 'Geil, da musst du hin.' Also bin ich hin. Als ich da war, dachte ich nur: Scheiße, nur gute Athleten, die wie die Wahnsinnigen trainieren. Ich war geflasht, aber es war gar nicht so angenehm. Ich wusste nicht, was auf mich zu kommt und konnte nicht so gut damit umgehen. Jetzt kann ich es viel mehr genießen und lasse mich nicht verrückt machen von dem ganzen Hype.

SPIEGEL ONLINE: Beim zweiten Mal, 2009, sind Sie den vollen Marathon gegangen. Warum?

Verena Walter beim Ironman 70.3 in Estland - sie siegte
Finisherpix

Verena Walter beim Ironman 70.3 in Estland - sie siegte

Walter: Ich hatte mich früh qualifiziert und mich dann verletzt: eine schlimme Schambeinentzündung. Schwimmen und Radfahren ging einigermaßen, aber Laufen gar nicht. Ich wollte aber unbedingt an den Start gehen. Deswegen gab es für mich keine andere Möglichkeit, als den Marathon gehend zu absolvieren. Ich hatte mir aber vorher nicht klargemacht, was das heißt, diese Miststrecke auf Asphalt zu gehen. Ich hatte riesige Schmerzen - in den Füßen.

SPIEGEL ONLINE: Wie waren die Reaktionen auf Ihre Geh-Aktion?

Walter: Ich hatte mir extra ein Schild umgehängt: "I am not walking, I am enjoying". Damit es offensichtlich wird, dass ich absichtlich gehe, und ich nicht an jeder Ecke angefeuert werde, dass ich wieder laufen soll. Das Schlimme war, dass mich selbst Ältere gehend überholt haben. Es war ein kleiner Kampf.

SPIEGEL ONLINE: War das nicht riskant mit so einer großen Verletzung anzutreten?

Walter: Das Schlimmste war, dass kein Arzt wusste, was mit mir los war. Ich hatte solche Schmerzen, dass ich mich nachts gekrümmt habe. Mein Hausarzt hatte aber keine Ahnung und hat mir einfach immer stärkere Schmerztabletten gegeben - bis die Leberwerte so schlecht waren, dass ich ins Krankenhaus sollte. Das war absurd. Irgendwann haben wir uns auf Schambeinentzündung geeinigt.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hatten Sie damit zu kämpfen?

Walter: Irgendwann habe ich Kortisontabletten bekommen. Damit ging es dann besser, aber es hat Jahre gedauert und ist bis heute nicht ganz weg. Manchmal spüre ich noch ein Ziepen, aber vielleicht ist das auch nur so eine Art Erinnerungsschmerz. Jedenfalls habe ich keine schlimmen Schmerzen mehr.

SPIEGEL ONLINE: Unglaublich, dass Sie überhaupt beim Sport geblieben sind.

Walter: Triathleten sind stur. Die Ärzte meinten anfangs, ich würde wohl keinen Leistungssport mehr treiben können. Gut, dass ich nicht auf sie gehört habe.

SPIEGEL ONLINE: Triathleten sind auch Streber. Ist das bei Ihnen auch so?

Walter: Ja. Ich halte mich streng an meinen Trainingsplan. Wenn da steht: vier Stunden Radfahren und ich komme nach 3:50 rein, fahre ich noch mal zehn Minuten. Das ist echt lächerlich und peinlich. Ich schäme mich dafür. Aber je näher es an den Wettkampf geht, desto weniger bin ich Streber. Dann trinke ich schon mal ein Bier. Ist wahrscheinlich die Angst vor dem Rennen.



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