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18. Juni 2013, 15:56 Uhr

Achilles' Verse

Schorfgeflechte gehören in den Schuhknast

Barfußlaufen ist archaisch, mythologisch, steinzeitlich - und Trend. Beim Blick auf nackte Zehen allerdings wird klar, dass Schuhe ein Segen sind. Achim Achilles appelliert an die Läufergemeinde: Behaltet eure wundgescheuerten Füße für euch.

Neulich wieder so ein Vogel im Stadion. Reißt sich die Laufschuhe von den Füßen, stopft die stinkigen Socken in die Treter und schlurft selig barfuß über den Rasenrand. Exhibitionismus muss nicht immer lustig sein. Zum Glück stand das Gras so hoch, dass das Elend nur zu ahnen war.

Läuferfüße sind ästhetisch selten ein Genuss und völlig zu Recht der einzige Körperteil, den der Ausdauersportler ganzjährig penibel verhüllt. Hat er was zu verbergen, der Läufer? Aber ja: Blaue Zehennägel, wenn überhaupt noch welche dran sind, Pilzinseln, Schorfgeflechte, Schrunden und Nagelecken wie Geierkrallen. Der Fuß ist das Prekariat des Läuferkörpers. Muss ständig rackern, wird aber nie dafür belohnt.

Klar, dass knallharte Non-Konformisten wie Läufer eines Tages aufbegehren: nieder mit dem Schuhknast, Freiheit für die Zehen, frische Luft ins Dunstgewölbe. Barfußtraining soll außerdem schneller machen, sagt Laufpapst Matthias Marquardt. Schickte Fußballtrainer Christoph Daum nicht einst seine Kicker zum Feuerlauf? Geholfen hat's allerdings nicht. Aber war schön archaisch, mythologisch, voodooartig.

Grashalme nagen, Steine lutschen, Hirnverkleinerung

Barfußlaufen passt in die aktuelle Paläo-Begeisterung: Grashalme nagen, Steine lutschen, auf Saurierfell schlafen, und ganz nebenbei noch eine Hirnverkleinerung - zurück zum herrlich einfachen Leben des Neandertalers mit seiner Lebenserwartung von gut 30 Jahren. Die schafft der Barfußläufer allemal, wenn er beim Großstadtslalom durch Joint-Stummel, Hundehaufen und Bierflaschensplitter verletzungsfrei bleibt. Den ersten Barfuß-Run gab es natürlich auch schon. Und wieder ging der prominente Schuhverweigerer Jesus voran.

Inzwischen gehört der Barfußläufer zu jedem Volkslauf und der Barfußgänger ins Stadtbild. Ist tatsächlich Training. Denn zwischen Pfennigabsätzen und Stahlkappen wird die Flinkfüßigkeit geschult. Mit Rücksicht auf instabile Mägen zwängen die meisten ihre Zehen immerhin in jene froschartigen Schuhe, bei denen man immer zweimal hinschauen muss, weil es zunächst aussieht, als ob da einer im Handstand durch die Gegend läuft. Manche können alles tragen; viele aber auch nichts.

Schlachtlinie entlang des Geschlechtergrabens

Klar, dass erste Glaubenskriege geführt werden: Sohlen, und seien sie noch so dünn, gälten nicht als barfuß, sondern als Weicheierei, sagen die Hardcore-Jünger. Schön, dass das gewohnte deutsche Polarisierungsspiel auch bei derlei Kleinthemen zuverlässig und umgehend losgeht. Dabei verläuft die Schlachtlinie nicht zwischen nackt und angezogen, sondern entlang des Geschlechtergrabens.

Wenn es in durchgegenderten Zeiten überhaupt einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt, dann sind es die unteren Extremitäten. Jedes Jahr wieder sorgt der Sandalendruck ab spätestens März für einen halbwegs gepflegten Frauenfuß, auch wenn das Talent zum ansehnlichen Aufbringen von Nagellack ähnlich ungerecht verteilt ist wie das läuferische Können. Die Herren dagegen pflegen zu ihren Füßen ein ähnlich selbstbewusstes Verhältnis wie zu den Fingernägeln; einen hübschen Kerl kann halt nichts entstellen.

Doch seit der schräge Pirat Ponader die Alltagssandale nachhaltig diskreditiert hat, ist offenes Schuhwerk endgültig untragbar. Und Adiletten schon lange. Was da vorn bisweilen herausquillt, changiert zwischen ernster Gefahr für die Volksgesundheit und Schlachthof, erst recht, wenn je beim Grillen ein Stück glühender Holzkohle Haut und Gummi lebenslänglich verband.

Ich zieh' zum Training ab sofort nur noch die extra dick besohlten Laufschuhe an. Denn immer gilt die alte Regel: Was heute total unmodern ist, wird morgen angesagt sein.


Achilles beugt sich dem Druck und läuft doch barfuß. Bei seiner Aktion "Tu's barfuß" können Barfußläufer ihre Videos einsenden, abstimmen und tolle Preise gewinnen.

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