Joggen bei Kälte Raus aus der Komfortzone

Immer eine Ausrede parat, um im Winter nicht zu joggen? Dann läuft was falsch! Nach etwas textiler Vorbereitung steht dem Laufen nichts mehr im Weg.

Warm angezogen, aber nicht zu warm
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Warm angezogen, aber nicht zu warm


Es gibt zwei Sorten Menschen.

Die einen halten Wellness für eine kulturelle Errungenschaft ebenso wie Rolltreppen, Fertiggerichte und TV-Abende. Sie haben es gern warm, schnell, bequem - die Komfortzonis.

Die anderen denken bei Wellness an Legionellen, hetzen mit der Doppelstufentechnik die Treppe empor, um vor den Rolltreppenfahrern oben zu sein, sie kochen drei Monate Rüben-Gerichte, weil die Region gerade nichts anderes hergibt und machen Yoga am offenen Fenster, während sie den Nachbarn voller Verachtung beim Fernsehen zuschauen - die Cojonistas.

Der gesellschaftliche Anteil beider Gruppen ist an einem winterlichen Wochenendmorgen statistisch relativ zuverlässig zu bestimmen: Wo im Sommer Heerscharen traben, stößt bei Temperaturen um die null Grad maximal noch ein Zehntel Freizeitathleten kleine weiße Wölkchen aus.

Jaja, schon klar: die Ruhe, Qualität kommt von Qual, die Sieger des Sommers werden im Wintertraining geschmiedet, auch charakterlich. Die Komfortzonis können die Heldengeschichten der Cojonistas nicht mehr hören. Alles Quatsch, sagen die Sofafreunde: Es ist kalt und eklig, das kann nicht gut sein. Basta.

Und nun? Gar nicht bewegen, Viszeralfett und schlechte Laune aufbauen? In der schlecht gefilterten Luft des Fitnessstudios verenden? Gymnastik auf dem heimischen Flokati? Auch keine Lösung.

Klassische Fehler vermeiden

Daher hier ein paar Hinweise, die den Komfortzoni mit dem Winterlauf versöhnen könnten. Denn Rennen bei widrigem Wetter wird erträglicher, wenn die klassischen Fehler vermieden werden. Fakt ist: Einziger Grund fürs Nichtlaufen ist flächendeckende Spiegelglätte, auch wenn ein paar Freaks dann ihre Spikes unterschnallen.

Genügen im Sommer Hose, Hemd und Schuhe, braucht ein Winterlauf deutlich mehr textile Vorbereitung. Welche Faserkombination erfüllt bei welcher Temperatur die heikle Aufgabe, zu wärmen, aber nicht zu sieden? Ein Paar dicke Socken oder zwei Lagen dünnere? Schafwollene Einlagen gar? Dann aber gleich ein Paar neue Schuhe dazu. Passt ja sonst nicht. Klamottenexperimente muss jeder Winterläufer für sich selbst erledigen. Generell gilt: Leichtes Frösteln am Start ist unangenehm, aber ein guter Indikator für halbwegs sinnvolle Kleiderwahl. Nichts ist ekliger als klatschnass durch den Frost zu taumeln.

Handschuhe? Werden unterwegs fast immer abgestreift. Ein lang gezogener Ärmel tut's auch. Eine dünne, aber winddichte Jacke sollte auf jeden Fall am Leib oder im Gepäck sein. Lässt sich selbst in einen langgezogenen Ärmel stopfen, auch wenn die Beule am Unterarm merkwürdig aussieht. Ästheten schieben das Päckchen in die Bizepsgegend.

Winterwind, ein ekliger Geselle

Das größte Problem ist oft nicht die Temperatur, sondern der Wind, vor allem, wenn er tückisch, aber kaum spürbar von hinten bläst. Schnell werden die Nieren kalt, vor allem, wenn der Kältephobiker zwar viele Lagen übereinander trägt, die aber allesamt hinten rum zu kurz geraten sind. So wie der Braten im geschlossenen Topf Flüssigkeit abgibt, sondert der Läufer in überdicker Kleidung besonders viel Schweiß ab, der bevorzugt am unteren Rücken eine eisige Kältebrücke entstehen lässt. Da hilft ein dünner Nierengurt, wie ihn auch Radrennfahrer tragen. Nicht sexy, aber sinnvoll.

Winterwind ist auch von vorn ein ekliger Geselle. Wer bislang nicht wusste, wo seine Nebenhöhlen genau beheimatet sind - anhaltender Stirnfrost weist zuverlässig auf die Lage hin. Ob Stirnband, Mütze, Tuch oder Kapuze, der Kopf muss warm bleiben. Auch hier an die Nässe denken: Selbst mit Iso-Drinks angereichter Läuferschweiß gefriert irgendwann. Und ein Eisklumpen auf dem Schädel macht sich allenfalls gut fürs Selfie.

Mutters Rat befolgen

Winterlaufen lässt sich als eine Unterabteilung des Zen betrachten: Denn die kalte Jahreszeit erzwingt Entschleunigung. Weil die Muskeln kalt sind und die Wege hartgefroren, wäre es geradezu suizidal, das Tempo und die Kilometer eines Frühlingstrainings absolvieren zu wollen. Es ist keine Schande, sehr gemächlich zu starten, an glatten, steilen Stellen ein paar Schritte zu gehen und nach einer Stunde ebenso aufgewärmt wie durchgefröstelt im Ziel zu sein. Hier gilt Mutters Rat: Immer gleich was Trockenes auf die Haut. Zumal Spaziergänger äußerst bewundert gucken, wenn der Läufer für einige Sekunden den nackten Oberkörper dampfen lässt.

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Und noch was, auch wenn es keiner hören mag: Gerade auf gefrostetem Boden neigen Läufer vor lauter Sturzangst zu stilistisch fragwürdigem Getrippel. Gut für die Koordination, sagen die einen. Sorgt für Verspannungen, sagen die anderen. Was hilft? Genau: Gymnastik, Kraft- und Stabilisierungsübungen, anmutig daheim auf dem Perser dargeboten. Wenn Kinder und Gattin lachen, dann bekommt die mentale Härte gleich noch eine Extraportion Training.

Mehr Infos zu Achims Lieblingslaufklamotten und Gesundheitsthemen wie Knutschen, Kiffen und Überzuckerung in der aktuellen Podcast-Episode.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
norgejenta 10.01.2017
1. das beste, wo gibt:)
Also laufen bei Kälter ist immer noch gesünder und nützlicher als bei Temperaturen ab 26 Grad aufwärts.. Ja anfangs ist es kalt, und windig vielleicht, und es schneit.. aaaaber.. dann wird's warm. Besonders auf Schneedecke laufen, wunderbar... AAAAAAAAAAber.. Handschuhe sind empfehlenswert. Mütze.. nicht zu dick.. Früher bin ich teilweise noch mit kurzer Hose gerannt, die Zeiten sind endgültig die Saalach hinunter... Lange Hose ist angesagt.. Dann duschen und auf die Couch und warten bis die Müdigkeit kommt... göttlich.....
sammilch 10.01.2017
2.
Zitat von norgejentaAlso laufen bei Kälter ist immer noch gesünder und nützlicher als bei Temperaturen ab 26 Grad aufwärts.. Ja anfangs ist es kalt, und windig vielleicht, und es schneit.. aaaaber.. dann wird's warm. Besonders auf Schneedecke laufen, wunderbar... AAAAAAAAAAber.. Handschuhe sind empfehlenswert. Mütze.. nicht zu dick.. Früher bin ich teilweise noch mit kurzer Hose gerannt, die Zeiten sind endgültig die Saalach hinunter... Lange Hose ist angesagt.. Dann duschen und auf die Couch und warten bis die Müdigkeit kommt... göttlich.....
Mache ich auch so. Aber mit Stirnband statt Mütze, das regelt das Schwitzen ganz gut. Kniegelenke bekommen eine dünne Bandage drum, dann "kriecht" die Kälte nicht hinein. Trotzdem... bei -10 Grad ist Schluss.
starwars2001 10.01.2017
3. Es gibt keinen Grund...
...bei Kälte nicht zu laufen. Bis -10 Grad ist das überhaupt kein Problem....Wichtig sind die richtigen Klamotten. Wer im Winter regelmäßig läuft, hat die meist.
jufo 10.01.2017
4. Ich laufe generell nicht gerne
Egal bei welchem Wetter.
taste-of-ink 10.01.2017
5.
Die ersten Kilometer beim Laufen im Winter geben mir immer einen guten Ausblick darauf, wie es sich im Alter anfühlen muss... Das wichtigste Utensil im Winter ist m.E. eine gute, dünne Windjacke (bzw. bei Regen eine Regenjacke). Damit und mit einer Lang- /Kurz-Kombination lässt es sich dann durch alle Temperaturbereiche kombinieren. Die schlechteste Wahl stellen immer dicke Baumwollpullover dar, die sich in kürzester Zeit mit Schweiß voll saugen und den Körper dann so richtig auskühlen. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviele noch im Winter so unterwegs sind.
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