Glücklich ohne Marathon Senioren-Pogo verbrennt auch Kalorien

Was? Achim Achilles läuft gar nicht täglich Marathon? Seine Wettbewerbsabstinenz in diesem Jahr hat Deutschlands Läufer geschockt. Der Jogging-Guru erklärt, wie er zu seiner neuen No-Race-Religion fand.

Läufer beim Marathon
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Läufer beim Marathon


Wie konnte es zu meiner neuen No-Race-Religion kommen? Was war geschehen? Zuerst wuchs da nur diese beklommene Ahnung. Wollte ich wirklich die wenigen Restwochen meines Lebens damit verbringen, ab Mittwoch Panik, Kohldampf und schlechte Laune zu schieben, weil ich nicht genug trainiert hatte? Und wollte ich Sonntagnachmittag bis Mittwoch damit vertrödeln, unter den nicht erfüllten eigenen Erwartungen zu leiden? Wer jedes Wochenende wettkämpft, sichert sich eine durchgehende Psychokrise.

"Aufräumen!", sagt Mona immer mal wieder, womit sie nicht nur den Schrank meint, aus dem die Laufklamotten quellen. Nein, aufräumen gilt auch für Kopf und Terminkalender. Weg mit Beschäftigungen, die mehr Druck als Freude bereiten. Warum mich ausgerechnet in den paar Stunden selbst quälen, die ich mühsam freigeschlagen habe? Für mich, wie Rio Reiser so ähnlich einmal sagte, für immer und mich. Stress gibts sonst schon genug.

Hinzu kommt die Selbsterkenntnis, dass ich ein Anti-Götze bin: ganz ordentlich beim gleichmäßigen Dieseln durch den Alltag, aber lausig im Endspiel. Warum packte aber ich mir dann jedes Wochenende so ein Finale in den Kalender?

Verfetteter, disziplinloser Walker?

Die quälendste Frage bei meiner Neuorientierung war: Was würde sich ändern? Bislang war es die Panik vor dem nächsten Rennen, die mich trainieren ließ. Und jetzt? Würde ich zu einem adipösen Bewegungsvermeider mutieren, der dem Herzverfettungstod entgegenwalkt? Zu einem disziplinlosen Wurm, der umgehend vergessen würde, dass jede Vergnügung vorher abzuarbeiten ist, nach dem Motto 15 Minuten Laufen = ein Bier (0,33)?

Die bahnbrechende Erkenntnis: Nichts von alledem passiert. Ich habe zwei Kilogramm über dem optimalen Renngewicht drauf, erstmals seit Jahren keine Zipperlein, viel mehr Wochenendfreizeit, beste Laune. Und ich laufe fast so viel wie sonst, nur ohne Plan. Dafür aber mit Spaß.

Einzig nötiger Gedankendreher: Ich betrachte meinen Körper nicht länger als Feind, den es permanent niederzuringen gilt, sondern eher wie einen neuen Lover, dessen Bedürfnisse man allzu gern bedient. Worauf hast du Bock, Baby? Und der Körper antwortet: Heute würden mir ein paar zackige Kilometer Spaß machen. Oder Berglauf. Oder ein paar Stabis auf der Wiese. Oder ein 15-Minuten-Quickie am frühen Morgen. Oder 90 Minuten Eremitentum im Wald.

"Du hast dein Ziel erreicht"

Dann droht hinterher auch kein Gemecker, dass das alles wieder nicht richtig, nicht schnell, nicht lang genug war. Wo kein Ziel, da kein schlechtes Gewissen, wo kein Plan, da kein Scheitern. Stress gibt's sonst schon genug. Wichtige Fähigkeit: Man muss tatsächlich auf den Körper hören und darf sich nicht vom Kopf ablenken lassen, der natürlich dauernd dazwischenquatscht.

Zum neuen Konzept gehört auch, den Begriff der Trainingseinheit kreativ zu erweitern. Wer bis morgens um drei Uhr tanzt und dabei die Pulsuhr trägt, wird sich freuen, wenn er mit verquollenen Augen beim Aufwachen diesen wunderbaren Satz auf dem Display liest: "Du hast dein Ziel erreicht." Dafür brauchte es bisher mindestens eine Stunde Gehoppel durch den Wald.

Mein herrliches Fazit: Senioren-Pogo ersetzt Dauerlauf mit dem schönen Kollateralnutzen, dass man bei einem von beiden sogar währenddessen Bier trinken kann. Alle 15 Minuten eins.

Finale Frage: Wie gehts weiter? Nie wieder Marathon? Ganz ehrlich: keine Ahnung. Es gehört zu den großen Luxusmomenten, nicht immer sofort auf alles eine Antwort zu haben. Aber ich sag es mal so: Die nächste Lebenskrise kommt bestimmt. Und damit auch der nächste Marathon. Aber jetzt genieße ich erst mal den Sommer.



insgesamt 3 Beiträge
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kai_bach 31.05.2016
1. Was heißt
Den Begriff finde ich herabwürdigend. Korrekt ist allerdings: laufen ist laufen und muss nicht zwangsläufig assoziativ mit "im Wettbewerb" stehen. Ganz im Gegenteil bedeutet "laufen" für mich, in Einklang mit mir selbst zu kommen. Abschalten, dem Gehirn Ruhepause zu gönnen, einfach nur laufen, atmen, laufen. Ganz egal, wie weit oder wie lang - 10, 15, 20 oder 30 Kilometer. Am Ende zählt nur, der Seele und dem Körper etwas Gutes getan zu haben. Wer dazu den Wettbewerb braucht: bitteschön. Aber getreu dem Motto "leben und leben lassen" - auch die akzeptieren, die einfach laufen um des Laufens willen. Das schließt Begrifflichkeiten wie "Senioren-Pogo" mit ein.
Rainer Hackenberg 31.05.2016
2. laufen, joggen oder doch nur gehen
Ist der Autor jetzt wirklich gelaufen oder nur gegangen? Seit auch im Spiegel in verschiedenen Beiträgen von Laufen die Rede ist, obwohl jemand eigentlich nur gegangen ist muss man wohl, um Klarheit zu schaffen, den Anglizismus "joggen" verwenden, wenn man läuft. Ist der Autor also gelaufen?
doubletrouble2 01.06.2016
3. Achilles verliert den Glauben !
Eine Tragödie nimmt ihren Lauf, nein schlimmer noch, sie kommt mit einem platten Jogger-Stil angewalzt. Kein Imitatio Christi, keine Via Dolorosa am Wochenende mehr - hin zum inneren Pontius Pilatus. Wieso ? Der Laufgott schreibt es selbst: Es fehlen die Identitätskrisen, die so sinnstiftend wirken, so segensreich und glaubensstärkend. Nun ersetzt Hedonismus die entspiritualisierte Askese, wie Sloterdijk den modernen Sport so treffend nennt. Achilles ist plötzlich aufgeklärt und erkennt, dass er nie ein Wettkämpfer war, sondern Wettkämpfer spielte. Ein schönes Spiel für Best-Ager. Wessen Karriere aber von einem oder zwei erfolgreichen Marathon-Wettkämpfen im Jahr abhängt, kann darüber nur milde lächeln, wie Boateng über Gauland : Traurig, dass es so etwas noch gibt. Leider ist Aufklärung völlig unheroisch und so erschreckend rational. Achilles, der kleine Lauf-Held, sollte es wie die großen Krieger machen : Einen oder zwei Marathons pro Jahr, der Rest in Unterdistanz und Vorbereitung investiert. Denn die nächste Sinnkrise hat ihre Pfeile schon im Köcher.
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