Gesundheit

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Mythos oder Medizin

Kann der Körper übersäuern?

Basenfasten, teure Pulver aus zermalmten Korallen und Entgiftungssocken - der Kampf gegen die Übersäuerung des Körpers ist ein lukratives Geschäft. Aber ist er überhaupt notwendig?

Von und (Grafiken)

imago

Nicht Zitrusfrüche gelten als Säurenbilder, sondern Fleisch

Dienstag, 09.08.2016   11:51 Uhr

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Wer Übersäuerung googelt, stößt unweigerlich auf eine Fülle von Ratgeberseiten. Fühlen Sie sich schlapp? Müde? Energielos? Oder sind Sie sogar krank? Dann, so wird es suggeriert, gehören Sie zur großen Gruppe der Übersäuerten. Die Lösung liefert das Internet gleich mit.

In basischem Wasser getränkte Socken sollen über die Fußsohlen entgiften, zermalmte Steinkorallen den Mineralstoffhaushalt auffüllen. Und wem das zu abstrus ist, der kann beim Basenfasten auf Sylt an seinem Säurehaushalt arbeiten. Keine Frage, der Kampf gegen das Übersäuern ist ein lukratives Geschäft. Aber fördert er tatsächlich die Gesundheit?

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Die Theorie dahinter hält sich in der Alternativmedizin bereits seit Jahrzehnten. Sie besagt, dass sich durch eine Ernährung voller Fleisch und mit wenig Gemüse Säuren im Körper anhäufen, die fast alle Krankheiten und Unannehmlichkeiten verursachen - von Arthrose über Cellulite bis hin zu Sodbrennen. Ein Blick in Studien zeigt, dass die Vorstellung im Kern tatsächlich stimmt. Die Folgen einer Übersäuerung aber sind ganz andere, als oft befürchtet.

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Drei Fakten:

1. Eine fleischlastige Ernährung schwemmt tatsächlich Säuren in den Körper.

"Es gibt säurebildende und basenbildende Lebensmittel", sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Dabei kommt es nicht darauf an, wie sauer etwas schmeckt oder wie viel Säure es von Natur aus enthält. Stattdessen geht es darum, in welche Stoffe Verdauung und Stoffwechsel die Lebensmittel zerlegen:

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Die Regel erklärt, warum Zitronen, Orangen und Grapefruits trotz ihres sauren Geschmacks bei Basendiäten oft auf den Tisch kommen. Die Zitrusfrüchte liefern viele Mineralstoffe, die basisch wirken. Gleichzeitig kann der Stoffwechsel ihre Fruchtsäuren leicht abbauen. Auf der anderen, der sauren Seite hingegen stehen Lebensmittel mit tierischen Eiweißen wie Schnitzel, Bratwurst oder Parmesan. Sie bringen kaum basische Bestandteile mit sich, dafür häuft der Körper bei ihrem Abbau Schwefelsäure an.

Um einen Anhaltspunkt für die Einteilung der Lebensmittel in basisch und sauer zu finden, untersuchten Forscher in den Neunzigerjahren nach dem Essen die Zusammensetzung von Säuren und Basen im Urin. Die Ergebnisse sprechen für eine einfache Grundregel, über die weitgehend Einigkeit herrscht:

"Obst und Gemüse zählen in der Regel zu den Basenbildnern", sagt Gahl. "Fleisch, Fisch, Wurstwaren, Eier, Käse und Lebensmittel mit Phosphat gelten hingegen als Säurebildner." Demnach stimmt es, dass eine Ernährung mit viel Fleisch und wenig Gemüse einen Überschuss an Säuren in den Körper schwemmt. Die Frage ist nur: Schadet das wirklich der Gesundheit?

2. Der Körper kann übersäuern - wirkt dem aber mit einem ausgeklügelten System entgegen.

Bei vielen Stoffen entledigt sich der Körper einer Überdosis einfach, indem er den Überschuss im Darm belässt, bis er in die Toilette wandert. Was die Säurebelastung durch Lebensmittel angeht, ist die Entsorgung deutlich schwieriger. Schließlich geht es um Endprodukte der Verdauung - also Stoffe, die der Körper längst aus dem Darm aufgenommen hat.

Um sie loszuwerden, musste der Stoffwechsel ausgeklügelte Mechanismen entwickeln. Viele Organe sind auf eine konstante Säurekonzentration angewiesen, um arbeiten zu können. Während etwa in der Scheide ein saures Milieu Krankheitserreger abwehrt und im Magen Salzsäure Eiweiße zersetzt, neutralisieren basische Galle und Bauchspeicheldrüsensaft die Magensäure im Zwölffingerdarm.

Oberste Priorität im Säure-Basen-Haushalt hat allerdings das Blut, dessen pH-Wert mit winzigen Abweichungen um 7,4 schwankt. Sinkt der Wert nur um eine Nuance, unter 7,35, diagnostizieren auch Schulmediziner eine Azidose - eine Übersäuerung. Die Folgen sind drastisch: Das mehr an Säuren verhindert, dass Nerven in Gehirn und Rückenmark richtig miteinander kommunizieren. Im Extremfall kommt es zu Desorientierung und Koma.

"Allein durch eine säurelastige Ernährung in diesen pH-Bereich zu kommen, ist jedoch quasi unmöglich", sagt Thomas Remer, der an der Universität Bonn zum Säure-Basen-Haushalt forscht. Auch laut Antje Gahl von der DGE müssen sich Gesunde nicht vor einer Übersäuerung durch ihre Ernährung fürchten. In der Realität droht das Szenario nur, wenn Nieren oder die Atmung nicht mehr richtig funktionieren. Zusammen bilden sie die Hauptakteure der Säure-Abfallwirtschaft.

Schwemmen zu viele Säuren ins Blut, kann der Körper das kurzfristig über die Lunge ausgleichen. Dafür ist es nur notwendig, tiefer und schneller ein- und auszuatmen - und so den Kohlendioxidausstoß zu steigern. Der Grund: Kohlendioxid bildet in Kombination mit Wasser (also auch dem Blut) Kohlensäure. Weniger Kohlendioxid bedeutet deshalb auch automatisch weniger Säure.

Für die langfristige, entscheidende Entsorgung der Säuren sind die Nieren zuständig. Sie können positive Wasserstoffionen - also die sauer wirkenden Bestandteile - in den Urin pumpen, bis dieser bis zu tausendmal saurer ist als das Blut. Die Säuren gelangen dann, abgepuffert ohne Schaden anzurichten, in die Toilette. Ablagern hingegen tun sie sich nicht, anders als häufig propagiert.

3. Es lohnt sich trotzdem, auf die Säurelast seiner Ernährung zu achten - sonst schadet sie wahrscheinlich indirekt.

Trotz der ausgeklügelten Regelmechanismen warnt Remer davor, dass eine säurelastige Ernährung der Gesundheit auf Dauer schaden kann. "Wir haben uns angeguckt, was im Körper passiert, wenn er ständig eine hohe Säurelast ausscheiden muss", sagt der Wissenschaftler. Demnach steigt dabei unter anderem der Wert des Stresshormons Cortisol.

"Ist das Cortisol über Monate und Jahre leicht erhöht, rechnet man damit, dass der Blutdruck steigt und das Skelettsystem beeinträchtigt wird", sagt Remer. Ziel seiner Forschung ist nicht, Säuren zu verteufeln. Sondern zu ergründen, welche Mechanismen eine einseitige Ernährung ungesund machen. "Einseitig heißt dabei, sich ausschließlich von Bockwürsten, Käse, Fleisch, Fisch und Eiern zu ernähren", beruhigt er alle, die ab und an gerne ein Steak verspeisen. "Fehlen dann ausreichend Gegenspieler wie Salat, Spinat oder anderes kaliumreiches Obst und Gemüse, entstehen mehr Säuren als Basen."

Für den Ernährungswissenschaftler und Hormonforscher gibt es deshalb vor allem eine Lösung des Säure-Basen-Problems: "Wer seine Säurelast reduzieren möchte, sollte zur Banane oder anderem Obst und reichlich Gemüse greifen", sagt er. "Nahrungsergänzungsmittel braucht es dafür nicht." Auch kurzfristige Interventionen wie eine Basendiät bringen seiner Ansicht nach nur etwas, wenn die Ernährung langfristig umgestellt wird - auf mehr Obst und Gemüse.

Wer hingegen schon abwechslungreich isst, also neben dem Steak auch etwa Kartoffeln, Spinat oder Brokkoli, muss sich nicht um seinen Säure-Basen-Haushalt sorgen. Müdigkeit und Schlappheit haben dann auf jeden Fall einen anderen Grund.

FAZIT: Der Körper kann übersäuern, allerdings nur, wenn Nieren oder Atemwege nicht richtig funktionieren. Eine einseitige Ernährung voller Fleisch und ohne Gemüse schadet dennoch - dabei könnte auch der Säure-Basen-Haushalt eine Rolle spielen. Wer sich abwechslungsreich ernährt, hat aber nichts zu befürchten.

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