Ernährung Die Scharlatanerie mit Krebsdiäten

Im Netz und in den Buchhandlungen wimmelt es von vermeintlich gesunden Diäten gegen Krebs: Wer auf Zucker verzichtet, hungert den Krebs aus. Antioxidantien besiegen Tumorzellen. Doch viele dieser Pseudoweisheiten sind gefährlich.
Auf Diät: Wer an Krebs erkrankt ist, sollte sich in Sachen Ernährung individuell beraten lassen

Auf Diät: Wer an Krebs erkrankt ist, sollte sich in Sachen Ernährung individuell beraten lassen

Foto: Corbis

Die einen raten zum Fettverzicht, die anderen zu gutem Leinöl. Manche empfehlen, am besten nur Säfte oder Smoothies zu trinken. Einige predigen nahezu völligen Verzicht auf Eiweiß, andere schwören auf mehr Protein: Empfehlungen für die richtige Ernährung bei einer Krebserkrankung gibt es zuhauf.

Doch was ist dran an den sogenannten Krebsdiäten?

"Unstrittig ist, dass die Ernährung den Verlauf einer Tumorerkrankung beeinflussen kann", sagt Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München und Leiter der Arbeitsgemeinschaft "Ernährung und Krebs" des Tumorzentrums München. "Versprechen, dass sich Krebs mit der 'richtigen Ernährung' heilen lasse, sind dagegen hochgradig unseriös."

Zwar lasse sich die Rückfallquote durch eine Umstellung der Ernährung wahrscheinlich etwas verringern, sagt der Ernährungsmedizinier. "Aber eine allgemein gültige Krebsdiät gibt es nicht." Denn während mancher Tumorpatient abmagert, kämpfen andere mit einer ungewollten Gewichtszunahme. Nötig sei deshalb vielmehr eine individuelle Ernährungsberatung, die auf den Einzelfall abgestimmt ist. "Es geht darum, den Körper mit allen nötigen Nährstoffen gut zu versorgen, um eine gute Lebensqualität zu erhalten", so Hauner.

Mangelernährung als Folge von Krebs

Bereits 2006 hatten Forscher die Ernährungssituation von deutschen Klinikpatienten untersucht . Das Ergebnis: Mehr als jeder vierte Patient wies eine Mangelernährung auf.

Bei älteren Patienten waren es sogar mehr als 40 Prozent. Besonders gefürchtet ist eine sogenannte Tumorkachexie, eine schwere Begleiterscheinung, von der etwa 50 Prozent aller Krebspatienten betroffen sind. Dabei führt eine Melange aus Appetitlosigkeit und einer Stoffwechselstörung zu einem deutlichen Verlust von Muskelmasse, Entzündungen und einer Schädigung des Immunsystems. Nach der Blutvergiftung ist die Tumorkachexie die häufigste Todesursache bei Krebserkrankungen.

"Wichtig ist es, frühzeitig mit einer hochkalorischen Kost gegenzusteuern ", sagt Hauner. "Nur so lässt sich der massive körperliche Verfall stoppen und die damit verbundene Anfälligkeit für Infektionen vermeiden".

Manche bekannte Krebsdiäten fordern genau das Gegenteil, wie etwa die Fastenkur des österreichischen Elektromonteurs und Heilpraktikers Rudolf Breuß, der zu Lebzeiten davon überzeugt war, dass Krebs "nur von festen Speisen lebt, die der Mensch zu sich nimmt". Deshalb empfahl er 42 Tage nur Tee und Gemüsesaft.

Hauner hält diese Empfehlung für unverantwortlich. Ähnlich sieht das eine Analyse von deutschen Krebsexperten : Sie nennen die Breuß-Diät eine "hochgradige Mangelernährung". Es bestehe die "Gefahr der Verstärkung einer Tumorkachexie" - ein potenzielles Todesurteil.

Besonders populär ist derzeit die sogenannte Ketogene Diät. Diese fußt auf der Warburg-Hypothese, wonach Krebszellen einen eingeschränkten Stoffwechsel besitzen und besonders Glukose benötigen, um zu überleben, während normale Zellen problemlos Fette und sogenannte Ketone verstoffwechseln können. Daraus entstanden ist die Idee, Tumoren mithilfe einer kohlenhydratarmen Diät quasi auszuhungern.

Keine seriösen Studien

Ketogene Diäten sind bei einer Reihe von Stoffwechselerkrankungen oder auch bei Epilepsie durchaus sinnvoll. Doch es gibt bisher keine seriöse Studie, die einen positiven Einfluss auf Tumorerkrankungen wissenschaftlich untermauern kann. Im Gegenteil: Es gibt sogar zumindest Hinweise aus Tierexperimenten darauf, dass der Verzicht auf Kohlenhydrate kontraproduktiv sein könnte.

"Zwar führt die kohlenhydratarme Kost bei Tumor-Mäusen zunächst zu einer Wachstumsverzögerung der Zellen", sagt Hauner. "Aber danach wurde teilweise ein beschleunigtes Wachstum beobachtet." Als Ursache wird eine Resistenzbildung vermutet: "Eine Kohlenhydratrestriktion könnte die Krebszellen unter einen hohen Selektionsdruck setzen, der das Überleben von Tumorstammzellen möglicherweise fördert", so Hauner.

Doch das ficht manchen selbst ernannten Tumorspezialisten nicht an. So griff etwa ein Bestsellerautor die Idee vom Kohlenhydratverzicht als "Anti-Krebs-Ernährung"  auf. Ganz nebenbei werden noch die passenden Nahrungsergänzungsmittel angeboten.

Gerade die Verquickung von diätetischen Ratschlägen mit dem Verkauf solcher Produkte findet Hauner deshalb hochproblematisch: "Das grenzt an Betrug." Im besten Fall brächten die Diäten nichts, mit Pech werde es gefährlich. Und das nicht nur wegen der Mangelernährung. Zum Beispiel wisse man heutzutage, dass Antioxidantien, die gern als effektive Waffe gegen Krebs gepriesen werden, in hohen Dosen "keinen Nutzen bei Menschen mit Krebserkrankungen haben und teilweise sogar krebsfördernd wirken könnten".

Wer seriösen Rat wolle, sollte sich an eines der offiziellen Tumorzentren wenden, um individuelle Ernährungsratschläge einzuholen, rät Hauner. Ansprechpartner findet man etwa beim DKFZ  in Heidelberg oder auf der Homepage der LMU in München . Zwar könne keine Diät der Welt eine Krebserkrankung nachweislich heilen. Aber der Gesamtzustand und die Lebensqualität des Patienten ließen sich deutlich verbessern.

Die wichtigsten Nährstoffe

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