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23. Juni 2014, 09:23 Uhr

Fitness-Trend

"Kettlebell steigert Schnellkraft und Koordination"

Ein Interview von

Früher haben wir Hanteln gestemmt, jetzt sollen wir die Kugel schwingen: Kettlebell-Training liegt im Trend. Was bringt das Schwitzen mit dem Gusseisen? Und darf jeder mit der Kettlebell üben? Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse gibt Antworten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Froböse, bringt das Schwitzen mit der Kettlebell wirklich was?

Froböse: Bei korrekter Ausführung bietet die Kettlebell ein funktionales Training für den ganzen Körper, das nicht nur die Muskulatur kräftigt, sondern auch Schnellkraft und koordinative Fähigkeiten steigert. Außerdem verbessert sich die Körperwahrnehmung, da man das Gewicht der Kettlebell durch die Schwungbewegungen ständig kontrollieren muss.

SPIEGEL ONLINE: Früher haben wir Hanteln gestemmt, jetzt sollen wir die Kugel schwingen - wo liegt der Unterschied?

Froböse: Kettlebell-Training ist eher ganzkörperlich orientiert. Während man mit der Hantel meist isolierte Muskelgruppen anspricht, trainiert man durch die schwingenden Bewegungen ganze Muskelketten, die gleichzeitig angesprochen und gekräftigt werden. Die dreidimensionalen Bewegungen fördern die Aktivierung und das Zusammenspiel der Halte- und Bewegungsmuskeln, da die Dynamik mehr muskuläre Aktivität voraussetzt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt vor allem nach einem größeren Muskelkater...

Froböse: Zu Beginn ist die Muskelkatergefahr sicherlich groß, da das Abbremsen der Kettlebell ungewohnt ist. Zudem werden Muskelgruppen angesprochen, die bei isoliertem Krafttraining weniger beansprucht werden. Nach einiger Zeit und bei regelmäßigem Training normalisieren sich die Muskelschmerzen aber.

SPIEGEL ONLINE: Dafür sind die Trainingseinheiten mit der Kettlebell meist erstaunlich kurz - reicht das überhaupt?

Froböse: Unsere Muskeln brauchen nicht viel - sie sind sehr genügsam. Da in kurzer Zeit viele Muskelgruppen beansprucht werden, kann auch ein kurzes Training effektiv sein. Trotzdem ist eine ausreichende Erwärmung wichtig, um die Muskulatur auf die intensive Belastung vorzubereiten. Sonst sind Verletzungen vorprogrammiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Übungen sind komplex, bei Fehlern drohen Verletzungen - wem würden Sie ein solches Training empfehlen?

Froböse: Personen, die sich intensiv mit der Materie beschäftigt haben und ansonsten keine körperlichen Einschränkungen haben. Menschen mit kognitiven Störungen, neurologischen Problemen oder akutem Rückenleiden ist davon abzuraten. Wer vorbeugend etwas zur Stärkung der Rumpfmuskulatur tun will, kann dies bei richtiger Ausführung mit der Kettlebell erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Also sollte man die Kugel besser bei einem Trainer schwingen?

Froböse: Unbedingt! Eine ausführliche Bewegungsschulung ist unerlässlich. Erst nach einer fachgerechten Einführung durch einen Trainer sollte man alleine arbeiten. Beim Kettlebell-Training gibt es viele Freiheitsgrade in der Bewegung, und bei falscher Ausführung steigt die Verletzungsgefahr. Deshalb sollte man als Einsteiger anfangs nur leichte Schwungübungen absolvieren, damit man sich an die Kugel gewöhnt und lernt, richtig damit umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es sportwissenschaftliche Erkenntnisse zu dem Fitness-Trend?

Froböse: Dänische Forscher haben eine Studie mit 40 pharmazeutischen Angestellten durchgeführt. Diese haben über acht Wochen zwei- bis dreimal wöchentlich ein Kettlebell-Training durchgeführt. Eine Kontrollgruppe absolvierte ein normales Work-out als Vergleichsgruppe. Das Ergebnis zeigte eine Verbesserung der unteren Rückenschmerzen bei 57 Prozent der Probanden und weniger Schulter- und Nackenschmerzen bei 46 Prozent. Außerdem war die Kräftigung der Rumpfmuskulatur im Vergleich zur Kontrollgruppe besser.

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