Diabetes bei Kindern "Hauptübeltäter sind zuckerhaltige Getränke"

Im Jahr 2025 werden 23.000 Kinder Diabetes Typ 2 haben. Liegt die Verantwortung bei den Eltern? Welche Rollen spielen Schul- und Kitaessen? Antworten von Ernährungsmediziner Hans Hauner.
Essen in der Schulkantine

Essen in der Schulkantine

Foto: Jens Büttner/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Schon heute haben etwa 25.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland Diabetes, schätzungsweise 2000 bis 5000 davon vom Typ 2. Ein Hauptauslöser ist Fettleibigkeit, die inzwischen häufigste chronische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Ernähren sich die Kinder heute zu ungesund?

Zur Person
Foto: MRI-TUM/ Michael-Stobrawe

Professor Hans Hauner ist seit 2003 Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München und am Wissenschaftszentrum Weihenstephan. Er widmet sich der Erforschung von ernährungsmitbedingten chronischen Krankheiten wie Adipositas und Diabetes Typ 2 sowie der Entwicklung neuer Ernährungskonzepte.

Hans Hauner: Mit dem Vorwurf der Eigenverantwortung wäre ich vorsichtig. Kinder und Jugendliche entscheiden selten wirklich frei, was sie essen und trinken. Ihr Ernährungsverhalten wird von vielen Seiten beeinflusst. Werbung, das Essverhalten von Eltern und Gleichaltrigen, aber auch schnell verfügbare Snacks an Imbissen bestimmen, was Kinder zu sich nehmen. Hinzu kommt, dass der Typ-2-Diabetes eine starke genetische Komponente hat. Vor einigen Jahren haben wir eine Studie an 500 Kindern durchgeführt. Bei mehr als fünf Prozent stellten wir eine Störung des Glukosestoffwechsels fest. Das waren durchweg adipöse Kinder, deren Großeltern bereits Diabetes hatten. Das heißt jedoch nicht, dass der Lebensstil gar keine Rolle spielt. Durch Ernährung und Bewegung lässt sich auf jeden Fall der Ausbruch und Verlauf der Krankheit beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Jedes Jahr erkranken 200 Kinder neu  an dieser Stoffwechselstörung. Was läuft schief mit der Ernährung im Schulalter?

Hauner: Es ist das alte Lied. Kinder essen zu wenig Obst und Gemüse und zu viel Zucker und fetthaltige Kost. Hauptübeltäter sind zuckerhaltige Getränke. Die machen bis zu 30 Prozent der Gesamtenergie aus, die Kinder durchschnittlich zu sich nehmen. Manche Eltern leben ihnen eine ungesunde Ernährungsweise vor. Aber auch in der Schule sind die Möglichkeiten, gesund zu essen, eher dürftig.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Anteil hat das Schulessen an der Ernährungsmisere?

Hauner: An vielen Schulkiosken und Imbissen dominieren Zuckerwaren, Schokoriegel, Pizza, Pommes und zuckerhaltige Getränke. Das ist weit von dem entfernt, was wir oder die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfehlen. Die DGE hat schon vor zehn Jahren Qualitätsstandards für eine bessere Kita- und Schulverpflegung ausgearbeitet. Bisher wurden diese nur vom Saarland und Berlin landesweit umgesetzt. Dabei kann man schon mit wenig Aufwand viel bewirken. Es gibt Studien von Schulen, in denen der Konsum von Süßgetränken an den Kiosken zurückging, als die Kinder sich kostenlos mit Wasser versorgen konnten. Das wäre ein erster Schritt. Auch ein gesundes und schmackhaftes Schulessen wäre ein wichtiger Baustein für eine bessere Ernährung.

SPIEGEL ONLINE: Schauen wir mal über den deutschen Tellerrand hinaus: In Finnland und Schweden richtet sich die Schulverpflegung nach nationalen Ernährungsrichtlinien - und ist kostenlos. In Frankreich und England gibt es zentral festgelegte Standards für ausgewogenes und nährstoffreiches Schulessen. Warum tut man sich hierzulande so schwer?

Hauner: In Deutschland ist Schule Ländersache. Die Kultusministerien scheinen sich nicht dafür zu interessieren. Die Deutsche Allianz für nicht übertragbare Krankheiten (DANK) hat vor Kurzem alle 16 Kultusministerien danach befragt. Die Antwort in einfachen Worten war: 'Wir mischen uns da nicht ein, das soll jede Schule selbst entscheiden.' Das ist ein Armutszeugnis! Natürlich müssten die Länder für eine vernünftige Schulspeisung auch Geld in die Hand nehmen, zumal gerade viel Geld für den Bau von Speiseräumen oder Mensen bereitgestellt wurde. Andere Länder sind uns da meilenweit voraus.

SPIEGEL ONLINE: Liegt die Verantwortung für gesunde Ernährung nicht hauptsächlich in der Familie und weniger beim Staat?

Hauner: Die Verantwortung liegt bei beiden. Familien können einen gesunden Lebensstil vorleben. Kinder sollten beispielsweise morgens in Ruhe frühstücken und ein Pausenbrot mitbekommen. Das ist keineswegs mehr selbstverständlich - gerade in Familien mit engem Budget. Von einer gesunden Schulverpflegung würden insbesondere auch Kinder aus sozial schwächeren Familien profitieren. Das wäre ein Beitrag zur Chancengleichheit. Allerdings müsste das Essen - und da wären wir wieder bei den Standards - auch eine angemessene Qualität haben und bezahlbar sein.

Zucker-Quiz

SPIEGEL ONLINE: Welchen Anteil hat Bewegungsmangel? Reichen ein bis zwei Stunden Schulsport?

Hauner: Bewegungsmangel ist die zweite Stellschraube. Seit 30 Jahren fordern wir, an Schulen mehr Sport anzubieten. Stattdessen ist es immer weniger geworden. Pro Tag sollte es mindestens eine Stunde Schulsport geben. Insbesondere an Ganztagsschulen wäre das sinnvoller, statt die Kinder bis nachmittags mit Wissen vollzustopfen. Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang, aber es fehlen Angebote. An vielen Schulen sind nach Unterrichtsschluss die Spielplätze abgeschlossen - aus versicherungstechnischen Gründen. Die stehen den Rest des Tages ungenutzt da. Was für eine Verschwendung von Bewegungsmöglichkeiten!

SPIEGEL ONLINE: Hat Bewegung einen größeren Effekt auf Stoffwechsel und Insulinresistenz als Ernährung? An welcher Stellschraube müsste mehr gedreht werden?

Hauner: Man kann nicht sagen, das eine sei wichtiger oder wirkungsvoller als das andere. Der Stoffwechsel ist individuell sehr verschieden. Jeder Mensch reagiert anders, wenn er an seinen Ernährungs- oder Bewegungsgewohnheiten etwas verändert. Bewegung hat für sich genommen aufs Abnehmen einen eher schwachen Effekt. Ein Energiedefizit ist leichter über die Ernährung erreichbar. Bewegung wirkt sich schneller auf die Insulinempfindlichkeit aus. Wobei man natürlich auch über die Ernährung hierfür etwas tun. Ein gesunder Lebensstil schließt beides ein.

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