Achilles' Verse Gips nicht, gibt's nicht

Nach elfeinhalb Monaten Pause auf dem Sofa wollen Hobbyskifahrer mit eleganten Hüftschwüngen die Berge hinunterjagen, nur zum Angeben. Kein Wunder, dass so viele Unfälle passieren, findet Achim Achilles. Dabei gäbe es so eine einfache Lösung für all die Lifestyle-Urlauber!

Wintersport: Bitte nicht ohne Vorbereitung
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Wintersport: Bitte nicht ohne Vorbereitung


Preisfrage: Warum verbieten Bundesliga-Clubs ihren Kickern das Skifahren? Missgunst? Spaßbremserei? Nein, schnöde Ökonomie. Wenn die Saison wieder losgeht, soll das teure Personal nicht an Krücken schlurfen. Wenn Kreuzband, dann in heroischer Rasenschlacht und nicht Sylvie-mäßig in Schneekanonengewittern.

Dass Kälte und Feuchtigkeit bisweilen zu Glätte führen, die sportliche Betätigung gerade für Flachländer zu einem unkalkulierbaren Abenteuer machen kann, beweist das Schicksal der Kanzlerin, die um Weihnachten auf ihrer Germina-Langlauflatte unterwegs war: Selbst majestätisches Niedrigtemperaturfahren kann zum Bundesbeckenbruch führen. Beim Dolomiten-Wandern wäre das nicht passiert.

Nein, es soll hier nicht noch einmal um den tragischen Fall des vergleichsweise durchtrainierten Michael Schumacher gehen. Dem Mann ist widerfahren, was Rennradlern, Mountainbikern, eigentlich allen Freizeitathleten passieren kann, die schneller als Sportangler unterwegs sind - ein Sturz. Zur Strafe wird der arme Mann nun mit Feuilletonisten-Debatten traktiert, die man nicht mal mit klarem Kopf versteht. Dabei hat er wirklich Ruhe nötig.

Die Skisaison - ein Fest für Unfallchirurgen

Zwei prominente Fälle beweisen: Wintersport ist und bleibt ein risikoreiches Hobby. Auf der statistisch sulzigen Grundlage anekdotischer Evidenz stellen wir jeden Januar erneut fest, dass das halbe Land am Stock geht, wuchtige Manschetten ums Bein trägt oder eindrucksvolle Edelstahlgerüste. Heißa, die Skisaison ist ein Fest für alle Unfallchirurgen im Alpenraum. Gips nicht, gibt's nicht.

Bergbewohner wissen: Fortbewegung auf Skiern, zumal bergab, erfordert Übung, Talent und Fitness. Die kann sich sogar aneignen, wer den Bewegungsapparat im Rest des Jahres mit Mobilitätsverweigerung und Kampfspachteln auf minimale Elastizität und maximalen BMI getrimmt hat. Früher zum Beispiel, als das Fernsehen noch schwarzweiß war, boten die dritten Programme der ARD Skigymnastik an, zum Mitmachen. Ja, es sah merkwürdig aus, wie Menschen in Strumpfhosen im Schlusssprung über Turnmatten hüpften. Aber die Idee dahinter war richtig: Wer zum Adipösen neigt und ausdauernd erklärt, er empfinde für Sport so viel Sympathie wie Churchill, der sollte sich nicht nur vom Schnäpschen aufgewärmt die schwarze Piste hinabstürzen. Andernfalls winkt ein Rang ganz oben auf der Kandidatenliste für den kunstvoll gedrechselten Spiralbruch mit multiplem Sehnenabriss.

Vorbereitung ist wichtig

Die Belastung für Knochen und Gelenke ist gerade für notorisch untrainierte Lowlander immens, die koordinative Aufgabe nicht zu unterschätzen, die dünne Höhenluft gewöhnungsbedürftig. Kurzum: Skifahren ist tatsächlich Sport, und zwar technisch deutlich anspruchsvoller als Alltagsdisziplinen wie Laufen, Radfahren, Schwimmen. Der Physiotherapeut rät zu ein klein wenig athletischer Vorbereitung.

Nur wann? Früher war ja nicht nur mehr Lametta, sondern auch noch Zeit für dieses Aufgewärme. Keiner hat den Schreibtisch am Freitagabend um 22 Uhr verlassen, um den SUV sechseinhalb Stunden durch die Nacht zu prügeln, nur um am Samstagmorgen als Erster den frisch gefallenen Flaum auf dem Gletscher zu zertrampeln. Wer nur fünf Tage hat, der wird am vierten Föntag halt ungeduldig und ballert irgendwo runter, Piste hin oder her. Man will ja im Golfclub was zu erzählen haben.

Vorbereiten? Pah, kostet Zeit. Und die ist Geld. Dabei gibt es doch diesen Carving-Ski, das E-Bike unter den Wintersportgeräten. Mit dem Jagertee auf nüchternen Magen ist die Angst wie weggeblasen. So wedelt sich jeder Horst ins Glück - oder in die Unfallchirurgie. Na und? Freiflug im Heli hat auch nicht jeder. Wofür ist man denn ADAC-Mitglied? Und wenn die Kasse nicht zahlt, dann marschiert der Anwalt. Selbstverstümmelung ist mein gutes Recht.

Zwischen Lifestyle und Fahruntüchtigkeit

Zwischenfazit: Wie Golfen oder Nordic Walking heißt Skifahren für geschätzte zehn Prozent tatsächlich Sport im Sinne von Technik, Koordination, Ausdauer und systematischer Vorbereitung. Für die restlichen 90 Prozent dagegen bedeutet Winter in den Alpen vor allem Lifestyle der neonprallen Putin-Klasse, daunenwurstige soziale Abgrenzung mit lässigem Oligarchen-Barbie-Blick und vor allem die gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit, sich gleich nach dem Frühstück bis zur Fahruntüchtigkeit zuzulöten. Höher, schneller, breiter - bis die Bergrettung kommt.

Wir halten fest: Da es eh nicht um Sport geht, sollte man die Komponente Skifahren einfach weglassen. Das erspart den Krankenkassen mindestens einen zweistelligen Milliardenbetrag, wie Alarmismus-Experte Karl Lauterbach garantiert errechnen kann. Zudem entfiele das völlig sinnlose Ballern der Schneekanonen, und die Gletscher würden weniger leiden. Stattdessen stapft der Winterurlauber samt Hightech-Klamotten direkt in die Kneipe. Vorteil: Man kann die Preisschilder dran lassen an den teuren Accessoires, die man wie zufällig vor sich ausbreitet. Und mit dem Salz vom Tequila streut man sich den Weg zurück ans Buffet. Dieser Wintersport macht einfach hungrig.

Guter Vorsatz für 2014: mal ein gutes Buch lesen und mehr Sport! "Bewegt Euch! Die Glücksphilosophie des Achim Achilles"



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