Paradoxes Training Forscher finden Mittel gegen Krämpfe

Es ist der schlimmste Moment für einen Athleten: Plötzlich beerdigt ein Krampf jede Aussicht auf den Sieg. Sportwissenschaftler haben womöglich einen Weg gefunden, die schmerzhafte Leistungsbremse zu verhindern.
Verkrampfte Muskeln (Illustration): Mindestens eine Woche soll der Schutzeffekt vor Krämpfen anhalten

Verkrampfte Muskeln (Illustration): Mindestens eine Woche soll der Schutzeffekt vor Krämpfen anhalten

Foto: Corbis

Reihenweise traf es die hochtrainierten Sportler bei der Fußball-WM. Mit schmerzverzerrten Gesichtern lagen sie auf dem Rasen und sehnten sich das Wettkampfende herbei. Das mangels Alternativen eingenommene Magnesium half da nur wenig, wie der Siegener Neurologe und Verfasser der Leitlinien für Muskelkrämpfe , Rainer Lindemut, auch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE betont hatte.

"Zwar können Natrium- oder Magnesiummängel tatsächlich Krämpfe auslösen", räumt auch Michael Behringer ein, Leiter der Muskelforschung an der Sporthochschule Köln. "Aber meist scheint eher eine neuromuskuläre Dysbalance die Ursache zu sein."

Um Krämpfe zu vermeiden, müsste also dieses Gleichgewicht wiederhergestellt werden. Genau das scheint der Sporthochschule Köln im Trainingslabor gelungen zu sein - indem Forscher bei Sportlern gezielt Krämpfe ausgelöst haben. "Das Ergebnis war für uns völlig unerwartet", freut sich der Kölner Sportwissenschaftler. "Denn eigentlich wollten wir nur die Kraftentwicklung messen."

Gestörtes Gleichgewicht

Schon 1997 hatte der Kapstadter Sportmediziner Martin Schwellnus vermutet, dass es sich bei einem Krampf um eine Art fehlerhaften Rückenmarksreflex  handelt. Daran beteiligt sind zwei Messfühler: Das Golgi-Sehnenorgan  und die Muskelspindeln  erfassen Länge und Spannung eines Muskels. Zwischen diesen beiden Messfühlern spielt sich normalerweise ein Gleichgewicht ein. Beim Krampf scheint es gestört zu sein. "Wenn die ermüdete Muskulatur verkürzt ist, scheint das Feedback vom Golgi-Sehnenorgan zu fehlen", sagt Behringer. "Gleichzeitig erhöht sich die Entladungsrate der Muskelspindeln in Ruhe."

Die Kölner Studie  weist in dieselbe Richtung. Zehn Athleten wurden entweder stehend in eine Art Skistiefel gezwängt oder konnten ihre Beine auf einem Tisch sitzend baumeln lassen. Die Beine wurden dann abwechselnd mit einem EMS-Elektrogerät  per Wechselstrom innerviert. Erwartungsgemäß löste die Stimulation nur im Sitzen einen Krampf aus, da hier die Wadenmuskulatur verkürzt ist. Insgesamt wurden sechs Wochen je zwei Trainingseinheiten absolviert.

Schutzeffekt hält mindestens eine Woche an

Beim Auslösen von Krämpfen kommt es weniger auf die Stromstärke an als vielmehr auf die Frequenz. Normalerweise liegt die Krampfschwelle im Mittel bei rund 22 Hertz. Nach nur sechs "Krampfsitzungen" sei diese Schwelle auf mehr als 33 angestiegen, nach zwölf Trainingseinheiten sogar auf mehr als 35 - "ein hochsignifikantes Ergebnis", sagt Behringer. Bei einem Probanden war es sogar überhaupt nicht mehr möglich, mit dem EMS-Elektrogerät einen Krampf auszulösen.

"Der protektive Effekt hält mindestens eine Woche an", sagt der Sportwissenschaftler. "Wie lange genau, müssen Folgestudien zeigen." Gleichzeitig zeigten die Sportler praktisch keinerlei Kraftzuwachs, wundert sich Behringer: "Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet."

Eine Untersuchung, die gerade ausgewertet und voraussichtlich Anfang 2015 erscheinen wird, soll klären, ob eventuell sogar eine einzige Sitzung ausreicht, um die Krampfschwelle signifikant anzuheben. "Wir hoffen Athleten auf diese Weise vor Krämpfen wie bei der Fußball-WM schützen zu können", sagt Behringer. "Denn im Wettkampf entscheidet ein Krampf über Sieg oder Niederlage".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.