Stoffwechsel beim Sport Der Irrglaube vom schädlichen Laktat

Laktat macht Muskeln müde und hilft dabei, das Training zu steuern, schallt es durch viele Sportvereine. Alles Quatsch, weiß die Wissenschaft heute. Laktattests bringen kaum etwas. Außerdem stärkt die Milchsäure den Körper - und kann sogar ähnlich wirken wie ein Höhentraining.
Pieks ins Ohr: Zum Steuern des Trainings kaum geeignet

Pieks ins Ohr: Zum Steuern des Trainings kaum geeignet

Foto: Uli Deck/ picture-alliance/ dpa

Kaum ein Stoffwechsel-Baustein wird so konsequent missverstanden wie das Laktat: Glaubt man der althergebrachten Trainingslehre, ist das kleine Molekül bloß ein wertloses Abfallprodukt des Kohlenhydratstoffwechsels, das den Körper belastet. Das Salz der Milchsäure ermüde die Muskulatur, so die vorherrschende Meinung. Allerdings eigne es sich prima, um das Training zu steuern.

Darauf hören, sollte man lieber nicht. Denn auch wenn sich dieses Bild des Laktats hartnäckig in den Köpfen mancher Athleten hält, ist es wissenschaftlich längst überholt. Heute weiß man, dass das Laktat weder verantwortlich ist für Muskelkater, noch dem Körper schadet. Es macht nicht müde, und zu einer einfachen Begutachtung der aeroben Fitness nützt es praktisch überhaupt nichts. Stattdessen beginnen Forscher langsam zu realisieren, wie wichtig das Salz tatsächlich ist.

Denn Laktat ist bildlich gesprochen keineswegs nur nutzlose "Asche", wenn Glukose bei großer Anstrengung mangels Sauerstoff quasi "verschwelt". Im Gegenteil: Es transportiert wieder frische "Kohle" ins Feuer. Und das nicht nur innerhalb der Zellen. Milchsäure ermöglicht es, erschöpfte Muskulatur aus der gesamten Peripherie des Körpers wieder aufzutanken. Der bekannte Kapstadter Sportwissenschaftler Tim Noakes hält Laktat sogar für einen "der wichtigsten Energiebrennstoffe im Körper".

Irrglaube durch Messfehler und falsche Interpretationen

Laktat beschäftigt seit seiner Entdeckung als wichtiger Stoffwechsel-Baustein Anfang des 19. Jahrhunderts Heerscharen von Wissenschaftlern. Eine Melange aus Fehlmessungen und Fehldeutungen der Messergebnisse führte dazu, dass Forscher den Zucker-Metaboliten jahrzehntelang falsch interpretierten. Auch fehlten damals noch moderne biochemische Verfahren, um aufzuklären, was im Zellinneren im Detail passiert.

Der Irrglaube, Laktat würde den Muskel ermüden, beruht vermutlich auf dem Denkfehler eines Physiologen in den zwanziger Jahren. Zwar hängt das Erschlaffen der Muskulatur tatsächlich mit dem Milchsäurespiegel zusammen - nur eben nicht mit dem Laktat. Schuld sind stattdessen die Wasserstoffionen, eine Begleiterscheinung. Sie hemmen die Aufnahme von Kalzium, das wiederum benötigt wird, um frische Energie aus Adenosintriphosphat (ATP) freizusetzen, einem wichtigen Energieträger des Körpers.

"Auch die Behauptung, hohe Laktatspiegel würden die für den Energiestoffwechsel zuständigen Mitochondrien quasi "wegbrennen", hat sich in der letzten Dekade als Verleumdung entpuppt", sagt Wilhelm Bloch, Leiter der Abteilung Molekulare und zelluläre Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Wenn jemand durch zu hohe Belastungen übertrainiert ist, rührt das nicht von zu wenigen Mitochondrien her, sondern dem Entgleisen komplexer Regelsysteme".

Doch das ist noch nicht alles: Der unterschätzte Zwerg wirkt als potentes Signalmolekül. Als anaboler Stimulus aktiviert Laktat sowohl die Wundheilung als auch die Neubildung von Gefäßen. Dadurch erzeugen hohe Laktatspiegel einen ähnlichen Effekt wie ein Höhentraining.

Wenn es allerdings um Leistungsdiagnostik geht, sehen moderne Sportwissenschaftler das Molekül weit weniger euphorisch. Das liegt unter anderem daran, dass die übliche anaerobe Schwelle oder Laktatschwelle von 4 Millimol Laktat pro Liter Blut, bei der der Körper zunehmend in Sauerstoffnot gerät, überhaupt nicht aussagekräftig ist.

Das betonte immer wieder Alois Mader, ehemaliger Sporthochschul-Lehrer in Köln und konsequent falsch zitierter Pionier der Laktatdiagnostik. Mader hatte die Marke 1976 höchstpersönlich selber belegt - allerdings nur als Durchschnittswert: "Kein Einziger der untersuchten Sportler hatte wirklich einen Schwellwert von vier", stellt Christian Manunzio von der Sporthochschule Köln richtig. "Die individuellen Werte streuten zwischen zwei und sechs Millimol".

Tests sind noch nicht ausgereift

Hinzu kommen noch zwei weitere Unsicherheitsfaktoren. Zum einen stellt sich ein echtes Gleichgewicht noch längst nicht nach den drei Minuten pro Belastungsstufe ein, wie sie beim althergebrachten Laktattest absolviert werden, sondern erst nach rund der dreifachen Zeit. Zum anderen scheint das Testdesign an sich schon sehr zweifelhaft. Und das hat einen einfachen Grund.

"Was wir mit dem herkömmlichen Test messen, ist ein Mischmasch aus Produktion und Abbau des Moleküls," erläutert Manunzio, der in seiner Diplomarbeit ein neues Testverfahren entwickelt hat. "Um den echten Laktat-Metabolismus zu bestimmen, müssen die Spiegel erst einmal richtig hochgetrieben werden."

Dazu werden die Probanden vor Ablauf des eigentlichen Stufentests zunächst für 30 Sekunden voll ausbelastet. Dann ruhen sie sich 10 Minuten lang aus. "Erst danach ist genügend Laktat im Blut vorhanden, um die wahren Abbauraten (metabolische Kapazität) des Körpers zu messen", erläutert Manunzio seinen "Zwei-Stufen-Rampentest". Zu einer umfassenden Leistungsdiagnostik reiche allerdings selbst dieser nicht aus, schränkt der Kölner ein. "Da gehört neben dem Puls auch eine Spirometrie dazu."