Sportmedizin Laktattest für Langsame

Höher, schneller, weiter: Nach diesem Motto trainieren nicht nur Profis, auch Hobbysportler wollen mehr über ihre Leistungsfähigkeit erfahren. Neben Medizinern bieten immer mehr kommerzielle Anbieter teure Diagnostiken an. Was aber bringen Laktattest und Ergospirometrie dem Otto-Normal-Athleten?
Sportler bei der Ergospirometrie: Vermessung des Körpers

Sportler bei der Ergospirometrie: Vermessung des Körpers

Foto: Evelyn Steinweg/ Bongarts/Getty Images

Es ist das Ziel Tausender Hobbysportler: einmal einen Marathon laufen. Früher wurde das Rennen über die 42,195 Kilometer gerne in den Bereich des Extremsports für besonders Verrückte gerückt. Heute joggt die ganze Welt - nahezu jeder Park ist in deutschen Großstädten fest in der Hand von laufenden Freizeitsportlern.

Einfach nur auf gute Turnschuhe und fleißiges Training verlässt sich dabei aber niemand mehr. Längst hat modernste Leistungsdiagnostik Einzug in den Freizeitbereich gefunden. Was früher nur Profis vorbehalten war, suggeriert dem Otto-Normal-Athleten: Du kannst deutlich mehr aus deinem Körper holen. Ob aufwendige Analyseverfahren wie eine Ergospirometrie oder gar eine Muskelbiopsie überhaupt Sinn machen, fragen sich nur wenige.

Die wichtigsten Methoden zur Leistungsdiagnostik

Die mobile Messung der Herzfrequenz während des Trainings und Wettkampfs hat die Leistungsdiagnostik revolutioniert. Die ersten Pulsuhren kamen mit einem Brustgurt zu Beginn der achtziger Jahre auf den Markt - davor konnte außerhalb des Labors per Handmessung und Stoppuhr oder durch ungenaue Systeme höchstens ein Schätzwert abgegeben werden. Mit den Geräten ist es möglich, grobe Aussagen über den individuell unterschiedlichen Stoffwechsel unter Belastung machen zu können. Wenn der Sportler seinen Maximalpuls bestimmt hat, kann er ungefähr abschätzen, wo sein aerober oder anaerober Bereich liegt. Für exaktere Aussagen reicht die Messung der Herzfrequenz alleine aber nicht aus.

Als Anfang der achtziger Jahre die ersten teuren Herzfrequenzmessgeräte für das Handgelenk auf den Markt kamen, hat das die Trainingswissenschaft im Freizeitbereich revolutioniert. Heute läuft nahezu jeder Marathonläufer mit Pulsmesser. Aber auch Fahrradfahrer, Schwimmer und andere Hobbyathleten messen, was zu messen geht. Dazu wird in Foren wild diskutiert, ob ein monatlicher Laktattest (siehe Kasten) zum Abgleich des Trainingsplans sinnvoll ist. Inzwischen bieten neben Sportmedizinern auch Fitnessstudios oder Personal Trainer komplizierte Leistungsdiagnostik an.

440 Euro und eine Sonnenbrille für das Gesamtpaket

Dazu gehört auch der Hamburger Heiko Lehmann. Vier verschiedene Leistungsdiagnostik-Pakete können Ausdauersportler bei ihm buchen und dafür bis zu 440 Euro ausgeben. Zur "Carbon-Diagnostik" gibt es dann auf Wunsch sogar noch einen Gutschein für eine Sportsonnenbrille. "Meine Kunden sind überwiegend ambitionierte Hobbysportler. Aber auch immer mehr Anfänger, die einen Laktattest und eine Ergospirometrie machen, um Sicherheit zu haben", sagt Lehmann.

Vor allem Ergospirometrien werden von dem studierten Sportler häufig durchgeführt. Dabei handelt es sich um eine Methode, bei der unter Belastung die Atemgase des Athleten per Maske untersucht werden. So wird vor allem die maximale Sauerstoffaufnahme ermittelt. "Ich rate gerade Hobbysportlern zu so einer Untersuchung", sagt Lehmann. Sein Argument: "Ihnen steht weniger Trainingszeit als Profis zur Verfügung. Deshalb können sie es sich nicht leisten, falsch zu trainieren." Besonders Hobbyläufer würden dazu neigen, im Training zu schnell zu laufen. Im Wettkampf seien sie dann aber zu langsam.

Das sieht Joachim Mester von der Deutschen Sporthochschule in Köln ähnlich. "Auf der Datengrundlage einer fachmännisch durchgeführten Ergospirometrie lassen sich recht präzise Aussagen über den optimalen Trainingsbereich und die Leistungserwartungen eines Ausdauersportlers treffen", sagt der Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportinformatik.

Allerdings seien gerade kommerzielle Anbieter für Leistungsdiagnostik oft keine Mediziner. Deshalb sollten Laufanfänger unbedingt vor dem Trainingsstart einen Sporttauglichkeitstest beim Arzt machen. Rauchern und Menschen, die vorher sehr wenig Sport gemacht haben oder übergewichtig sind, rät er zudem zu einem sogenannten Echokardiogramm. Bei dieser Untersuchung per Ultraschall lassen sich etwaige Herzschäden feststellen.

"Manche Freizeitsportler müssen wir vor sich selbst schützen"

Ist die Sporttauglichkeit bestätigt, greifen viele Breitensportler gleich auf die gesamte Trickkiste der Leistungsdiagnostik zurück. Mester hält das für überzogen. Auch mit einfachen Lauftests könnten Anfänger Daten über die eigene Leistungsfähigkeit sammeln - etwa mit dem Cooper-Test. Bei der einfachen Übung, die auf den amerikanischen Sportwissenschaftler Kenneth Cooper zurückgeht, wird die zurückgelegte Strecke über einen Zeitraum von zwölf Minuten gemessen. Wer als untrainierter Endzwanziger über 2800 Meter schafft, hat beste Voraussetzungen für ein Marathontraining.

Problematisch ist für viele Sportwissenschaftler und Mediziner zudem der übersteigerte Ehrgeiz vieler Hobbysportler. Aufgrund der erschwinglich gewordenen Technik und den entsprechenden Analysemethoden des körpereigenen Leistungssystems vergessen viele den Rest. "Manche Freizeitsportler müssen wir vor sich selbst schützen", sagt Mester. "Bei Laktattest und Ergospirometrie wird die muskuläre und orthopädische Seite oft vergessen. Wenn der Sportler nicht die entsprechende Muskulatur hat, kann es zu Überlastungen kommen."

Dagegen sei etwa eine Muskelbiopsie völlig unangemessen und nur etwas für Profis. Bei der Analyse wird operativ ein kleines Stück Muskelgewebe aus dem Oberschenkel entfernt und untersucht. So können Aussagen über Kraft, Ausdauerfähigkeit und abgerufenes Potential des Athleten gewonnen werden. "Eine Muskelbiopsie ist aufwendig, teuer und hat für Freizeitsportler keine Aussagekraft", sagt Mester.

Dass es einige Breitensportler übertreiben, weiß auch Heiko Lehmann. Zwar empfiehlt er zu Beginn der Laufkarriere eine Leistungsdiagnostik und nach drei bis vier Monaten eine Kontrolle, um zu schauen, wie der Athlet auf den Trainingsvorschlag reagiert oder ob ein anderer Trainingsansatz gefunden werden muss. Aber auch er sagt: "Ein Laktattest einmal pro Jahr ist mehr als ausreichend."

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