Achilles' Classics Wie würde der Dalai Lama laufen?

Seniorenrunde im Schlurf-Modus - das soll Laufen sein? Der innere Monolog des Läufers ist von Vorwürfen und Selbstzerfleischung geprägt. Geht das auch anders?
Jogger im Wald

Jogger im Wald

Foto: © Fabrizio Bensch / Reuters/ REUTERS
Achilles-Klassiker

In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2009.

Laufen ist Qual, egal, ob man läuft oder nicht. Die Wade reißt schon beim Schleifemachen. Und das ist erst der Anfang. Jeder Schritt ein Martyrium, oben, unten, überall. Wenn man nicht läuft, ist es noch schlimmer: Dann pocht das schlechte Gewissen. Wirklich wohl fühlt man sich allenfalls für wenige Minuten nach dem Laufen. Dann tut zwar alles weh. Aber das schlechte Gewissen pocht etwas leiser.

Doch kaum tropft der Schweiß nicht mehr, geht das innere Psycho-Massaker wieder los: 'Letztes Jahr ging die Runde um den Schlachtensee aber noch bedeutend zügiger. Vor allem zweimal. Wenn schon nicht schnell, dann wenigstens nicht so kurz - hatten wir uns mal vorgenommen, oder? Und woher kommt dieses Knarzen eigentlich? Hüfte? Leiste? Leber? Kein Wunder, bei dem Lebenswandel. Aber immer große Fresse, von wegen Marathon. Und dann doch nur die Seniorenrunde im Schlurf-Modus. Das soll Laufen sein?'

Die innere Stimme legt noch einen drauf: 'Die Spaziergänger grinsen ja schon. Die überlegen, ob sie den Rettungswagen rufen. Kein Wunder, bei der lila Birne. Auf den Reklamefotos liegt dieses elend teure Laufhemd ganz eng an. Warum weigert es sich bei dir? Du siehst aus wie ein verhängtes Kettenkarussell, das in Zeitlupe durch den Wald wackelt. Läufst du noch oder stirbst du schon, du dicke, lahme Ente?' Leider stimmt jedes Wort. Weghören geht nicht. Kommt ja von innen. Ich sehne einen Tinnitus herbei.

Wie würde der Dalai Lama laufen?

Laufen, das ist aber auch Hoffnung, zum Beispiel darauf, nach dem samstäglichen Gehechel durch den Grunewald nicht ganz so fertig zu sein wie beim letzten Mal. Oder einfach mal zu federn statt wie ein Brontosaurus auf den Boden zu platschen. Lächeln statt Hecheln. Vergeblich.

Die größte Illusion ist Gelassenheit: Einfach mal Bewegung genießen, frische Luft einsaugen, zwei Minuten lang nicht auf die Uhr gucken. Loslassen, empfiehlt die Vernunft. Geht nicht, antwortet der Läufer.

Wie würde der Dalai Lama wohl laufen? Erst mal lachen, als Grundhaltung. Helfe ja schon eine Menge, wenn sich die notorisch maulende Läuferbande daran halten würde. Dann ganz langsam lostraben, locker und meditativ entschwebt. Kein Trainingsplan im Nacken, weder GPS, BMI noch VO2max. Laufen ohne Vorgabe, ohne Ziel, ohne Druck. Urlaub auf Luftpolstersohlen.

Es ist die Angst, die uns treibt

Schöne Idee, aber leider völlig unrealistisch. Wer läuft, will Qual und Zweck: Anerkennung, abnehmen, Bestzeit rennen, von Kollegen bestaunt werden, durchhalten. Wo kommen wir denn da hin, wenn Laufen auf einmal Spaß macht? Es ist die Angst, die uns treibt, nicht das Vergnügen.

Und so dreht sich der Läufer in einer endlosen Redundanzschleife der Dialektik: Hoffen und Bangen, Sucht und Unlust. Lachen und Leiden erzeugen ein stetes Feuerwerk der Emotionen, das uns mehr als ohnehin schon an uns zweifeln lässt.

Ein Mal, nur ein einziges Mal, wollen wir den großen Sieg, am liebsten über uns selbst. Aber die Anstrengung auf dem Weg dorthin umgehen wir mit allerlei Listen. Verträge mit uns selbst schließen wir nur, um sie alsbald frohgemut zu brechen. Natürlich könnten wir schneller sein und dünner. Aber jetzt gerade nicht. Nächste Woche vielleicht oder nächstes Jahr. Aber da klappt es wahrscheinlich auch nicht. Egal. Trotzdem laufen wir weiter. Damit wir weiter leiden können.

Lauf und Leid gehören zusammen - nicht immer pures Glück, aber immer noch besser als die meisten Alternativen.

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