Pulsuhr-Training im Freizeitsport Wer misst, misst Mist

Ohne Pulsuhr gehen Jogger und Radfahrer kaum noch außer Haus. Sie unterwerfen sich dem Diktat der piepsenden Geräte, um bei idealer Herzfrequenz zu trainieren. Doch die Pulskontrolle ist überholt: Viel wichtiger ist das Gefühl für den eigenen Körper. Das kann man üben.
Radfahrer beim Berganstieg: Messsysteme sind bei Profis bereits Standard

Radfahrer beim Berganstieg: Messsysteme sind bei Profis bereits Standard

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Bei Deutschlands Hobbysportlern piept es. Wem sein Körper etwas wert ist, der trägt am Handgelenk eine Pulsuhr, die bei zu schnellem Herzschlag einen Warnton abgibt. Dann bremsen Radfahrer oder Läufer ihr Tempo. Denn, so die Lehre, nur wer langsam genug trainiert, der verbrennt auch Fett. Und hohe Belastungen sind sowieso nicht gesund.

Die Erfindung der ersten Pulsuhr war 1983 eine Weltsensation. Die finnische Tüftelei hat in den vergangenen Jahrzehnten zunächst das Ausdauertraining von Profis geprägt, mittlerweile gehört das Gerät auch zur selbstverständlichen Ausrüstung von Laien.

Viele der vermeintlichen Vorteile des pulsorientierten Trainings beruhen auf der Trainingswissenschaft der siebziger Jahre. Da hatte der DDR-Radsporttrainer Wolfram Lindner einst den Ausdauersport revolutioniert. Seine provokante These: Nicht so sehr auf Geschwindigkeit und die zurückgelegte Strecke kommt es an, sondern auf Puls und Trainingsdauer.

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Doch die Theorie ist überholt. Zwar stimmt es, dass permanente Überlastung nicht zum gewünschten Trainingserfolg führt. Wer aber wirklich stärker werden will, der muss den Puls auch schon mal kräftig hochtreiben. Denn ein niedriger Puls nutzt nicht viel, wenn der Sportler einfach nicht schneller wird.

Der Trend geht stattdessen zur Leistungsmessung. Schon Ende der achtziger Jahre kam dem Ingenieur und Rennradfahrer Ulrich Schoberer die Idee, die Tretkurbel an einem Rennrad mit Dehnmessstreifen auszustatten, um die Trittkraft des Fahrers zu messen: Multipliziert man das Drehmoment mit der Winkelgeschwindigkeit, dann erhält man die Wattzahl.

Körpergefühl statt Pulsuhr

Mittlerweile sind solche Messsysteme Standard im Profi-Radsport. Bei Läufern dagegen ist eine Leistungsmessung nicht so einfach - die müssen sich nach wie vor an der Geschwindigkeit orientieren. "Gerade das heute moderne Hochintensitätstraining (HIT) lässt sich mit einer Pulsmessung nicht zuverlässig steuern", sagt Christian Manunzio von der Sporthochschule Köln.

So gilt nach heutigem Stand der Wissenschaft das Intervalltraining als effektivste Form, den Laktatstoffwechsel zu verbessern. Dabei soll der Athlet insgesamt drei- bis zehnmal jeweils 30 Sekunden möglichst schnell laufen oder Rad fahren, gefolgt von 30 Sekunden Erholung. "Bei solch hohen Belastungen", sagt Manunzio, Trainer und selber aktiver Triathlet, "korrelieren Puls, Laktat und Leistung aber praktisch überhaupt nicht mehr."

Doch nicht alles spricht gegen die Pulskontrolle. Gerade beim Nachwuchs ist es sinnvoll, erst einmal eine Weile lang das Körpergefühl zu trainieren. Spürt man zuverlässig, in welchem Trainingsbereich man sich gerade befindet, lenkt eine Pulsuhr dann aber unnötig ab. Manunzio: "Wo liegt der Sinn, bei der kleinsten Steigung abzubremsen, nur weil die Pulsuhr piept?"

Leichte Überlastung erwünscht

Auf der anderen Seite lassen auch viele Leistungsporttrainer die Uhr gerne mitlaufen - allerdings mit abgeschaltetem Alarm. Wertet man die Aufzeichnung nach dem Training zusammen am Rechner aus und berücksichtigt die absolute Leistung, kann man Trainingsfortschritte gut dokumentieren. "Entweder wird der Athlet bei gleichem Puls schneller", erklärt der Kölner. "Oder die Leistung bleibt gleich bei niedrigerem Puls."

Überholt ist auch die Angst vor hoher Belastungsintensität. Heute weiß man, dass starke Kraft- oder Kreislaufbelastungen nicht einmal Kindern schaden: "Vorausgesetzt natürlich, sie sind gesund", warnt Manunzio. "Ohne eine sportmedizinische Untersuchung sollte niemand an seine Leistungsgrenze gehen." Gibt ein Sportmediziner grünes Licht, dann kann es losgehen. "Erst bei hoher Intensität werden Kreislauf und Stoffwechsel genügend gekitzelt", sagt der Sportwissenschaftler. "Da merkt der Körper erst, dass er zulegen muss."

Dabei sollten geübte Athleten ganz auf ihr Körpergefühl vertrauen. Wichtig ist eine feinfühlige Balance zwischen Anstrengung und genügend Ruhe. Wer sich permanent überlastet, wird nicht stärker, sondern schwächer. Oder sogar krank. Auf keinen Fall sollte man sich auf technische Gadgets verlassen - die sind weit weniger verlässlich, als der Laie denkt. Getreu der alten Messtechniker-Weisheit: "Wer misst, misst Mist".

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