Lothar Leder "Triathlon-Profi? Meine Lehrerin hat mich ausgelacht"

Schweiß, Blut und Spaß: Lothar Leder ist seit fast 30 Jahren Triathlet. Im Interview spricht der 45-Jährige über die Magie des Ironmans, dunkle Ecken der Psyche und falsche Dopingvorwürfe.

Triathlon-Urgestein Lothar Leder
Christian Behnke/ Erdinger Alkoholfrei

Triathlon-Urgestein Lothar Leder


Zur Person
    Lothar Leder, Jahrgang 1971, gilt als das deutsche Triathlon-Urgestein. Er gewann fünfmal den Ironman Europe beziehungsweise die Challenge Roth und belegte zweimal den dritten Platz beim Ironman Hawaii. 1996 unterbot er als weltweit erster Mensch die Acht-Stunden-Marke auf der Langdistanz. Mit 45 Jahren nimmt er immer noch an Wettkämpfen teil und trainiert nebenher die nächste Generation an Triathleten.
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SPIEGEL ONLINE: Herr Leder, Sie durchbrachen als weltweit erster Mensch die magische Acht-Stunden-Marke auf der Ironman-Distanz. Das ist 20 Jahre her. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Leder: Es gab damals nur einen Ironman in ganz Europa, den Wettkampf in Roth. Dort herrscht immer Ausnahmezustand, der ganze Landkreis steht kopf. Das Wetter war optimal und ich fühlte mich super. Ich weiß noch genau: Es war der perfekte Tag. Den hat jeder Sportler nur einmal im Leben.

SPIEGEL ONLINE: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen - wann haben Sie gespürt, dass heute was gehen könnte?

Leder: Das Schwimmen und Radfahren liefen schon gut. Beim Laufen sind die Leute alle ausgerastet: "Du kannst den Weltrekord knacken", riefen sie. Die Sektflasche, die ich im Ziel überreicht bekam, habe ich heute noch. Abends war ich immer noch total aufgedreht und konnte gar nicht schlafen.

SPIEGEL ONLINE: Wann wussten Sie: Triathlon ist mein Ding?

Leder: 1984 lief im ZDF ein Bericht über den Ironman Hawaii. Der hat mich angefixt. Triathlon hat diese spezielle Magie. Mir war sofort klar: Da muss ich hin. An meinem 17. Geburtstag erzählte ich meiner Lehrerin, dass ich Triathlon-Profi werden möchte. Sie hat mich ausgelacht. In meinem Dorf haben alle Fußball gespielt und mich schief angeguckt.

Ich wollte damals die große, weite Welt sehen, plünderte mein Sparbuch und buchte einen Flug zu meinem ersten Ironman in Neuseeland. Das war Wahnsinn - und mehr ein Abenteuer als Sport.

SPIEGEL ONLINE: Den berühmten Ironman Hawaii gewannen Sie nie. Wurmt Sie das?

Leder: Schon ein bisschen. Aber ich konzentrierte mich damals mehr auf das Event in Roth. Ich bin bei sehr vielen Rennen gestartet, um Geld für die Familie aufzubringen. Taktisch war das falsch, denn mit ein paar Rennen weniger auf dem Buckel hätte ich vielleicht auch mal Hawaii gewonnen. Aber ich habe keine schlaflosen Nächte deswegen. Ich bin dort immerhin zweimal Bestzeit gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Mit fast 1,90 Meter und 80 Kilo haben Sie für einen Triathleten eine stattliche Statur. Ist das nicht hinderlich?

Leder: Ich wurde auf keinen Fall für den Triathlon geboren (lacht). Für einen Läufer und einen Radfahrer am Berg war ich zu schwer, für einen Schwimmer zu langsam. Ich war anfangs eine Katastrophe. Ich hatte wenig Talent und habe mir alles erarbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie trotzdem so erfolgreich?

Leder: Ich konnte mich über acht Stunden besonders gut konzentrieren. Bei einem Ironman willst du x-mal aussteigen. Da lernst du die dunkelste Seite deines inneren Ichs kennen, Ecken deiner Psyche, von denen du vorher noch nicht wusstest. Das ist gespenstisch. Ich habe extrem viel trainiert - auch falsch, weil wir es damals nicht besser wussten. Ich war oft übertrainiert und platt im Rennen. Im Nachhinein hätte ich besser nur Halb-Ironman gemacht, weil das für den Körper nicht ganz so hart ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist Triathlon ein Fleißsport?

Leder: Es ist sehr trainingsintensiv. Mit zehn Stunden pro Woche musst du rechnen. Die Herausforderung liegt darin, die richtige Balance aus Training und Alltag zu finden. Das war anfangs sehr schwer. Neben all dem Training ist es wichtig, dass Freunde und Familie nicht zu kurz kommen.

SPIEGEL ONLINE: Das dunkelste Kapitel Ihrer Karriere war sicherlich der Manipulationsverdacht 2007.

Leder: Nach einem Dopingverdacht wurde ein Verfahren gegen mich eröffnet, das aber gleich wieder eingestellt wurde. Der Veranstalter hatte damals inkorrekte Blutwerte von mir veröffentlicht. Das hätte niemals passieren dürfen. Meine Blutwerte waren in Ordnung, aber mein Ruf war nachhaltig geschädigt.

SPIEGEL ONLINE: Ist Doping ein akutes Problem in Ihrem Sport?

Leder: Im Spitzensport, egal in welcher Sportart, kann man Doping leider nie ausschließen, in der Spitze wie in der Breite. Auch beim Triathlon nicht. Und das, obwohl wir sehr harte Kontrollen haben. Erschreckend und gefährlich ist aber, dass oftmals selbst Hobbyathleten Schmerztabletten einwerfen wie Smarties. Ein Profi nimmt keine Schmerzmittel, weil er natürlich sofort wissen will, wenn etwas mit dem Körper nicht stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Heute arbeiten Sie als Trainer. Einer Ihrer Motivationsvorträge lautet: "Die Kunst niemals aufzugeben".

Leder: Der Kopf spielt beim Triathlon eine viel größere Rolle als der Körper. Triathlon-Einsteiger unterschätzen das oftmals und wollen schon nach einem Jahr einen Ironman absolvieren. Das ist Wahnsinn. Die psychischen Kräfte holst du dir nur über Rennerfahrung.

SPIEGEL ONLINE: Die Sportler von heute wollen zu viel?

Leder: Sie brauchen es immer extremer. Heute muss es ein Traillauf über 160 Kilometer sein, ein Trans-Europa-Lauf oder ein Race Across America. Der Ironman ist manchen schon zu soft. Diese Sachen sind für Kopf und Körper zu viel, allein der Schlafentzug ist hart. Aber auch ich habe um die 80 Ironmans gemacht, 30 weniger wären besser gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 45 und immer noch aktiv. Ist Ihnen das Leben ohne Triathlon zu langweilig?

Leder: Wenn ich ehrlich bin, dann schon (lacht). Man wird abhängig vom Reisen und den Wettkämpfen. Aber auch der Spaß am Sport treibt mich weiterhin an, jetzt gebe ich mein Wissen als Coach weiter. Und wenn ich heute bei einem Rennen überholt werde, denke ich: Ach Junge, kein Problem, ich habe hier schon ein paar Mal gewonnen und war schon da, wo du hinwillst (lacht).



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
andros0813 08.07.2016
1.
Lothar, du hast alles richtig gemacht...du und dein Sport kommen gut rüber, geben anderen Mut und für die, die es brauchen, auch wichtige Lebenserfahrung.. wünsche dir noch viele Jahre 'auf der Strecke'.
BSC 09.07.2016
2. Ll
Lothar Leder hat den Sport bekannt gemacht. Er war für so viele Sportler ein Vorbild, für mich auch. Als Marathonläufer wußte ich immer, einmal willst du wenigstens einen Triathlon machen, weil diese Sportart so faszinierend ist. danke dafür!
eubuerger 09.07.2016
3. Triathlon
Diese Sportart wurde quasi von mir erfunden: Als übergewichtiger Azubi hielt ich es für eine gute Idee, mit dem Rad zum nächsten Hallenbad zu fahren (16 km), dort zwei Stunden zu schwimmen und wieder zurückzufahren. Als ich die Rückfahrt antreten wollte, fehlte nicht nur die Luft in den Reifen, sondern auch die Ventile. Der Fahrradladen im Ort hatte schon geschlossen, sodaß ich zu Fuß nach Hause laufen mußte. Dieses Malheur muß sich wohl irgendwie rumgesprochen und zur Sportart Triathlon weiterentwickelt haben!
matimax 09.07.2016
4. Was machen die Knie- und Schultergelenke - zwickt die Hüfte?
Ich wünsche Lothar Leder, dass er auch mit 70 noch schmerzfrei Treppen steigen kann - ich mir auch. Zugegeben, es interessiert mich sehr, wie sein Körper die extremen Belastungen aus Training und Wettkampf verkraftet (hat) - mit 45 immer noch keine dauerhaften Schäden im Bewegungsapparat? Ehrlich!? Als alter Sack selbst im Fitnesswahn, versuche ich gerade - wie offensichtlich Millionen andere Mainstreamer - dem Unausweichlichen durch immer mehr sportliche Aktivität davon zulaufen. Forever young ist das Ziel, um dereinst, wenn es denn unbedingt sein muss, wenigstens fit wie ein Turnschuh in die Kiste zu hüpfen - und (hoffentlich) ohne biomechanischem Verschleiß-Aua-Aua.
ich-geb-auf 09.07.2016
5.
" Diese Sachen sind für Kopf und Körper zu viel, allein der Schlafentzug ist hart. Aber auch ich habe um die 80 Ironmans gemacht, 30 weniger wären besser gewesen." Schade, dass Spon da nicht nachgehakt hat, was meint Lothar damit? Dass sein Körper auch Schäden bekommen hat durch zu viele Triathlons? Wenn ja welche?
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