Ernährungswissenschaft Macht Milch dick?

Vollfett, fettarm oder besser gar keine Milch: Mancher meidet den Trunk von der Kuh, dabei liefert er viele wichtige Nährstoffe. Und Forscher haben noch zwei Überraschungen parat.
Ein Glas Vollmilch enthält etwa 128 Kilokalorien

Ein Glas Vollmilch enthält etwa 128 Kilokalorien

Foto: Sebastian Gollnow/ picture alliance / Sebastian Gollnow/dpa

Das Image der Milch war mal besser. Einst als Muntermacher gepriesen, hat ihr Ruf in der Gegenwart stark gelitten. Sogar als Dickmacher ist sie verschrien. Zu Recht?

"Obwohl Milch getrunken wird, ist sie kein Getränk. Sie zählt wegen ihrer hohen Nährstoffdichte und des Energiewerts zu den Nahrungsmitteln und ist daher nicht zum Durstlöschen gedacht", sagt Gabriele Kaufmann, Ernährungswissenschaftlerin am Bundeszentrum für Ernährung . So enthält Milch neben Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten auch wichtige Vitamine, Kalzium, Zink und Jod. Ein Glas Vollmilch (200 Milliliter) liefert 128 Kilokalorien. Das entspricht in etwa einem halben Croissant oder knapp drei Vanillekipferl.

Der Verdacht, dass Milch dick macht, liegt daher nahe.

Vor allem Milchfett, aber auch Milchzucker sorgen für den relativ hohen Kaloriengehalt. "Der Milchzucker ist natürlicherweise in der Milch enthalten", sagt Kaufmann. "Ihn müssen aber lediglich Menschen meiden, die eine Laktoseintoleranz haben." Sie können auf spezielle Produkte zurückgreifen, wo dieser bereits aufgespalten und damit besser verträglich ist. Für alle, die den Fettgehalt der Milch fürchten, haben Nahrungsmittelhersteller etliche fettarme Alternativen im Angebot. Doch ist der Griff zu fettarmer Milch wirklich sinnvoll?

Milchtrinker sind sogar etwas dünner

"Dem Rat zu fettarmen Milchprodukten lag weniger die Befürchtung zugrunde, dass Milch dick macht", sagt Bernhard Watzl, Ernährungswissenschaftler und Leiter des Instituts für Physiologie und Biochemie der Ernährung am Max Rubner-Institut  (MRI) in Karlsruhe. "Im Fokus standen die gesättigten Fettsäuren, die generell als schlecht für Herz und Gefäße angesehen wurden."

Allerdings: Bei der Milch hat sich das Bild gewandelt. "Heute betrachten wir weniger die gesättigten Fettsäuren alleine, sondern das Lebensmittel, über das sie aufgenommen werden", so Watzl. "Bei der vollfetten Milch und Milchprodukten gibt es keinen Hinweis darauf, dass ihr Verzehr das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöht." Im Gegenteil: Neuere Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass Milch sogar das Risiko für Diabetes Typ 2 und kardiovaskuläre Erkrankungen senken kann. Hier kann das Milchfett sogar punkten.

Andere Studien  zeigen: Milchtrinker sind sogar dünner als Nicht-Milchtrinker. "Die Datenlage dafür ist aber nicht einheitlich ", sagt Watzl. Erklären ließe sich der positive Effekt der Milch auf das Körpergewicht aber durchaus. "Zum einen sättigen Proteine und das auch für längere Zeit", sagt Kaufmann. Zum anderen ist Milch ein guter Kalziumlieferant. "Kalzium wiederum kann Fettanteile binden. Es verhindert so in geringem Maße, dass diese gespeichert werden", so die Ernährungswissenschaftlerin.

Superkühe - das Experiment
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Drei Kühe, 30 Tage, viele Daten: Das Projekt "Superkühe" verleiht drei Milchkühen eine Stimme. Über Sensoren, Tagebuch und Chatbot kann jeder ihren Alltag mitverfolgen. SPIEGEL ONLINE ist Projektpartner und widmet sich Fragen rund um die Milch: Wie lebt eine Milchkuh? Wie gesund ist Milch? Und was zeigen die Daten aus dem Experiment?

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Sie warnt allerdings davor, diesen positiven Effekt der Milch aufs Gewicht zu überschätzen. "Ein Glas Milch macht sicher nicht den Schokoriegel wett." Und auch Watzl betont: "Die Gewichtsunterschiede sind nur gering. Ich würde daher bei den positiven Aspekten von Milch nicht an erster Stelle nennen, dass sie vor Übergewicht schützt." Eine Milchdiät wäre wohl wenig überzeugend.

Andererseits muss aber auch niemand die Milch als Dickmacher fürchten. "Wer sie in Maßen verzehrt, braucht sich keine Gedanken machen", sagt Kaufmann. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät zu 200 bis 250 Gramm Milch (in etwa ein Glas) oder Milchprodukten täglich. "Die Vorgaben sind allerdings nicht starr zu sehen", so die Ernährungswissenschaftlerin. Wer sich bewegt, darf auch zu mehr greifen, solange nichts anderes - etwa Vorerkrankungen oder Risiken - dagegen spricht. "Ein Lebensmittel alleine ist nie ein Dickmacher", sagt auch Watzl. "Letztlich wird es immer dann problematisch, wenn ich mehr Energie zu mir nehme, als ich verbrauche."

Laut dem letzten Nationalen Verzehrreport  aus dem Jahr 2008 ist Deutschland ohnehin kein Land der Milchtrinker: Im Durchschnitt kommen Männer auf 131 und Frauen auf 98 Milliliter Milch und Milchmischgetränke pro Tag. "Die meisten nutzen Milch als Zusatz zum Kaffee oder im Müsli", so Watzl. "Diese Menge ist auch absolut ausreichend für die Versorgung mit Kalzium."

Kaufmann empfiehlt, immer mal wieder Neues auszuprobieren. "Zu unterschiedlichen Produkten - etwa auch mal Bio- oder Weidemilch - zu greifen und die Herstellermarken in Abständen zu tauschen, kann eine gesunde Abwechslung sein." Denn die Herstellung wirkt sich auf die Milchqualität aus. Weidehaltung oder die Fütterung mit Gras zeigen einen günstigen Einfluss auf das Fettsäurenmuster der Milch. Ob dies jedoch tatsächlich auch einen gesundheitlichen Nutzen bietet, müsse noch untersucht werden, schreibt das MRI .

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