Mythos oder Medizin Macht Schokolade glücklich?

Liebeskummer, schlechtes Wetter oder einfach nur ein harter Tag? Schokolade erweist sich immer wieder als Tröster in der Not. Machen uns die Inhaltsstoffe tatsächlich glücklich?
Schokolade mit ganzen Haselnüssen: Der perfekte Energiemix

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Foto: Corbis

Gegen Schokolade hat ein Apfel keine Chance - zumindest, wenn es um den Geschmack geht.

Was der Alltag lehrt, haben Forscher 2006 in einer kleinen Studie  untersucht. Sie ließen 37 Frauen einen Riegel Schokolade oder einen Apfel essen. Beide Lebensmittel vertrieben den Hunger und hoben die Stimmung, bei der Schokolade war der Effekt allerdings größer. Die Frauen empfanden Freude.

Tatsächlich enthält Kakao einige Stoffe, die uns glücklich machen können. Dazu zählen natürliche Aufputschmittel wie Koffein oder der Pflanzenstoff Theobromin, der rauschähnliche Zustände hervorrufen kann. Auch ein Baustein des Glückshormons Serotonin steckt im Kakao.

"Der Glückseffekt durch diese Stoffe ist allerdings gering", erklärt Michael Macht von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Würzburg, der die Apfelstudie geleitet hat. Zu klein ist die Konzentration der Muntermacher, erst recht in der besonders beliebten Vollmilchschokolade, die nur etwa 30 Prozent Kakao enthält.

Wären die Aufputschmittel im Kakao große Glücksbringer, müsste Bitterschokolade mit ihrem hohen Kakaoanteil deutlich gefragter sein.

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Die Mischung macht's

Für das Glücksgefühl beim Naschen gibt es demnach andere Gründe. Der wohl unbeliebteste: die vielen Kalorien. Eine Tafel Vollmilchschokolade (100 Gramm) enthält etwa 55 Gramm Zucker und rund 30 Gramm Fett aus der Kakaobutter. Die verbleibenden 15 Prozent sind hauptsächlich Eiweiße aus der Milch. Damit liefert eine Tafel Schokolade ein Viertel der Energie, die ein Erwachsener im Schnitt am Tag verbraucht. Die hohe Energiedichte aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn - wir fühlen uns gut.

Forscher erklären sich das über die Evolution: Der Reiz der Belohnung ließ vermutlich bereits Jäger und Sammler vor Tausenden Jahren beim Essen zulangen - und sicherte ihnen mitunter das Überleben. "Die Menschen waren darauf angewiesen, möglichst viel energiereiche Nahrung aufzunehmen, wenn sie die Gelegenheit dazu hatten", sagt Macht.

Untersuchungen an Ratten weisen zudem darauf hin, dass das Zucker-Fett-Verhältnis von etwa 50 zu 30 in der Schokolade Gelüste weckt, auch wenn wir längst satt sind. Die Kombination aus Zucker und Fett liefert dem Körper den optimalen Energiemix, vermuten Forscher. Zucker bringt dem Hirn schnelle Energie, Fett dient als Reserve für harte Zeiten.

Es gibt nur einen Haken: Viele andere Naschereien, etwa Chips, enthalten Kohlenhydrate und Fette in ähnlichem Verhältnis wie Schokolade. Einzigartig macht diese Mischung die Süßigkeit demnach nicht. Der entscheidende Unterschied liegt im Geschmack.

Futter für die Sinne

"Die Sensorik spielt beim Schokoladeessen die wichtigste Rolle", erklärt Macht, der selbst gern Schokolade isst. Kakaobutter schmilzt bei Körpertemperatur. Sie lässt die Schokolade im Mund zergehen und hinterlässt ein angenehm volles Gefühl. Aromen reizen die Geruchszellen in der Nase und erzeugen einen intensiven Geschmack beim Kauen. "Das erregt die Sinne so stark, dass positive Empfindungen entstehen", so Macht.

Wie wichtig die Konsistenz von Schokolade ist, merkt man auch, wenn ein Stück in der Sonne geschmolzen ist. Dann heften sich die Teilchen in einer neuen Kristallstruktur aneinander. Die wieder erstarrte Schokolade bekommt eine grauweiße Oberfläche und eine körnigere Struktur. Die Folge: Sie schmeckt nicht mehr so gut, obwohl die Inhaltsstoffe gleich geblieben sind.

Zum guten Gefühl beim Naschen trägt zusätzlich bei, dass Schokolade häufig positive Erinnerungen weckt. "Von Natur aus sind wir auf Süßes und Salziges scharf", erklärt Macht. "Aber was genau uns schmeckt, hängt davon ab, was wir mit der Nahrung verbinden." Schokolade bekommen wir schon als Kind vor allem zur Belohnung oder zu besonderen Anlässen, zum Geburtstag, an Weihnachten und Ostern.

Die Konditionierung funktioniert so gut, dass später mitunter der Blick auf ein Stück Schokolade ausreicht, um Gelüste zu wecken, die sich dann nur mit Schokolade stillen lassen. Gelingt das, schüttet der Körper eigens produzierte Botenstoffe aus, beispielsweise Endorphine. Sie werden auch für das sogenannte "Runners High" verantwortlich gemacht, das einige Menschen bei Langstreckenläufen empfinden - und Endorphine gelten als Glückshormone.

Fazit: Wirklich gesund ist Schokolade leider nicht, glücklich machen kann sie trotzdem. Das liegt vor allem an ihrer besonderen Konsistenz und ihrem Geschmack - und daran, dass wir positive Erlebnisse mit ihr verbinden. Ein bisschen Schlemmen muss erlaubt sein.

Zur Autorin

Julia Merlot begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Die studierte Wissenschaftsjournalistin ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit von SPIEGEL ONLINE.

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