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26. Mai 2016, 04:08 Uhr

"Maischberger"-Talk über Ernährung

"Zucker ist der neue Tabak"

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Ist Zucker Teufelswerk oder Genussmittel? Sandra Maischberger diskutierte darüber mit Politikern, Sportlern, Ernährungsprofis - doch viel Neues kam nicht heraus. Das lag auch an der Moderatorin.

Zur Sendung: Im Durchschnitt nehme ein Deutscher 35 Kilo Zucker im Jahr zu sich, berichtete Sandra Maischberger. Zugleich werde kein anderes Nahrungsmittel so verteufelt. Ihre aktuelle Sendung stand daher unter dem Motto: "Süße Droge Zucker: Macht die Lebensmittelindustrie uns süchtig?"


Kann man einen Monat lang auf Zucker verzichten? RTL-Moderatorin Katja Burkard hatte diesen Selbstversuch gestartet - und ist gescheitert, wie sie nun im TV-Studio von Sandra Maischberger erzählte. Der Grund für den Test: Burkhard fürchtete, zuckersüchtig zu sein, da sie "es selten schafft, nur ein Stück Schokolade auf einmal zu essen". Inzwischen habe sie sich "so ein bisschen informiert" und wisse jetzt, dass auch in Ketchup und Wurst Zucker enthalten sei.

Der Verzicht habe ihr Probleme bereitet, sagte Burkard. Als "working mom" habe sie keine Zeit gehabt, alles selber zu kochen. Anstrengend fand sie auch, dass sie "in den Joghurt die Früchte selbst reinmachen musste". Außerdem hatte sie "irgendwann Hunger".

Informativer wurde es in der Talkrunde kaum.

Renate Künast, ehemals grüne Verbraucherschutzministerin, hält Zucker für "den neuen Tabak". Dessen Schädlichkeit habe man auch zu lange unterschätzt. Sie persönlich sei überzeugt, dass Zucker krank mache. Ernährungswissenschaftler Uwe Knop warf ein, das sei für ihn wissenschaftlich nicht bewiesen.

Matthias Steiner, ehemaliger Olympiasieger im Gewichtheben, hat Diabetes Typ 1. Seinen täglichen Zuckerkonsum kenne er aber nicht, "weil er sich nicht verrückt machen will". Und Verbraucherschützer Armin Valet wies darauf hin, dass die Lebensmittelkennzeichnung beim Thema Zucker zwar irreführend, aber legal sei. "Tagesschau"-Moderatorin und Ärztin Susanne Holst konnte immerhin etwas zum Zuckerstoffwechsel erklären, kam aber leider zu wenig zu Wort.

Der Talk blieb konzeptlos, was auch an der Moderatorin lag: Maischberger wirkte schlecht vorbereitet und griff kaum ein, Sätze wurden bloß in den Raum gestellt, anstatt sie zu diskutieren. Essen wir heute mehr Zucker als noch vor 50 Jahren oder doch nicht? Wie sehen Studien zur Gesundheitsschädlichkeit wirklich aus? Die Gäste widersprachen sich wahlweise oder redeten aneinander vorbei.

Maischberger hatte keine eigenen Fakten parat, dafür ein Arsenal aus Zuckerwürfeln. Die stapelte sie neben verschiedenen Packungen von Lebensmitteln, um deren Gehalt an Süßmachern zu demonstrieren - anstatt zu klären, wie gesund oder ungesund das nun ist. Wenn sie sehr viele Nutellabrote esse, merke sie jedenfalls, dass sie dann schwerer sei, sagte Maischberger noch.

Der interessanteste, wenn auch nicht unbedingt sympathischste Gast, war der Sprecher der Lebensmittelindustrie, Christoph Minhoff. Versteckte Zuckerzusätze in Lebensmitteln verteidigte er dermaßen zäh und penetrant, dass Künast energisch entgegen hielt: "Hören Sie endlich auf, Werbung zu machen für Süßigkeiten, wo die Kinder wie ein Tiger sind wenn sie Zucker-Frosties essen!"

Kinder kauften ja schließlich nicht ein, stellte Minhoff sich dumm. Ein anderes Mal argumentierte er dreist, Maischberger solle als Journalistin dankbar für die Einnahmen aus der Süßigkeitenwerbung sein; außerdem verwies er auf die Vorlieben der Verbraucher - die wollen es angeblich so.

Unfreiwillig machte er so klar: Zucker ist vielleicht kein Gift, aber in jedem Fall ein großes Geschäft, auf das die Industrie nicht verzichten mag. Und die Wahlfreiheit der Verbraucher ist nur dann etwas wert, wenn man sie nicht bewusst durch missverständliche Health Claims in die Irre führt - oder schon im Vorschulalter durch Werbung manipuliert.

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