"Maischberger"-Talk über Ernährung "Zucker ist der neue Tabak"

Ist Zucker Teufelswerk oder Genussmittel? Sandra Maischberger diskutierte darüber mit Politikern, Sportlern, Ernährungsprofis - doch viel Neues kam nicht heraus. Das lag auch an der Moderatorin.

WDR/Max Kohr

Zur Sendung: Im Durchschnitt nehme ein Deutscher 35 Kilo Zucker im Jahr zu sich, berichtete Sandra Maischberger. Zugleich werde kein anderes Nahrungsmittel so verteufelt. Ihre aktuelle Sendung stand daher unter dem Motto: "Süße Droge Zucker: Macht die Lebensmittelindustrie uns süchtig?"


Kann man einen Monat lang auf Zucker verzichten? RTL-Moderatorin Katja Burkard hatte diesen Selbstversuch gestartet - und ist gescheitert, wie sie nun im TV-Studio von Sandra Maischberger erzählte. Der Grund für den Test: Burkhard fürchtete, zuckersüchtig zu sein, da sie "es selten schafft, nur ein Stück Schokolade auf einmal zu essen". Inzwischen habe sie sich "so ein bisschen informiert" und wisse jetzt, dass auch in Ketchup und Wurst Zucker enthalten sei.

Der Verzicht habe ihr Probleme bereitet, sagte Burkard. Als "working mom" habe sie keine Zeit gehabt, alles selber zu kochen. Anstrengend fand sie auch, dass sie "in den Joghurt die Früchte selbst reinmachen musste". Außerdem hatte sie "irgendwann Hunger".

Informativer wurde es in der Talkrunde kaum.

Renate Künast, ehemals grüne Verbraucherschutzministerin, hält Zucker für "den neuen Tabak". Dessen Schädlichkeit habe man auch zu lange unterschätzt. Sie persönlich sei überzeugt, dass Zucker krank mache. Ernährungswissenschaftler Uwe Knop warf ein, das sei für ihn wissenschaftlich nicht bewiesen.

Matthias Steiner, ehemaliger Olympiasieger im Gewichtheben, hat Diabetes Typ 1. Seinen täglichen Zuckerkonsum kenne er aber nicht, "weil er sich nicht verrückt machen will". Und Verbraucherschützer Armin Valet wies darauf hin, dass die Lebensmittelkennzeichnung beim Thema Zucker zwar irreführend, aber legal sei. "Tagesschau"-Moderatorin und Ärztin Susanne Holst konnte immerhin etwas zum Zuckerstoffwechsel erklären, kam aber leider zu wenig zu Wort.

Der Talk blieb konzeptlos, was auch an der Moderatorin lag: Maischberger wirkte schlecht vorbereitet und griff kaum ein, Sätze wurden bloß in den Raum gestellt, anstatt sie zu diskutieren. Essen wir heute mehr Zucker als noch vor 50 Jahren oder doch nicht? Wie sehen Studien zur Gesundheitsschädlichkeit wirklich aus? Die Gäste widersprachen sich wahlweise oder redeten aneinander vorbei.

Maischberger hatte keine eigenen Fakten parat, dafür ein Arsenal aus Zuckerwürfeln. Die stapelte sie neben verschiedenen Packungen von Lebensmitteln, um deren Gehalt an Süßmachern zu demonstrieren - anstatt zu klären, wie gesund oder ungesund das nun ist. Wenn sie sehr viele Nutellabrote esse, merke sie jedenfalls, dass sie dann schwerer sei, sagte Maischberger noch.

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Der interessanteste, wenn auch nicht unbedingt sympathischste Gast, war der Sprecher der Lebensmittelindustrie, Christoph Minhoff. Versteckte Zuckerzusätze in Lebensmitteln verteidigte er dermaßen zäh und penetrant, dass Künast energisch entgegen hielt: "Hören Sie endlich auf, Werbung zu machen für Süßigkeiten, wo die Kinder wie ein Tiger sind wenn sie Zucker-Frosties essen!"

Kinder kauften ja schließlich nicht ein, stellte Minhoff sich dumm. Ein anderes Mal argumentierte er dreist, Maischberger solle als Journalistin dankbar für die Einnahmen aus der Süßigkeitenwerbung sein; außerdem verwies er auf die Vorlieben der Verbraucher - die wollen es angeblich so.

Unfreiwillig machte er so klar: Zucker ist vielleicht kein Gift, aber in jedem Fall ein großes Geschäft, auf das die Industrie nicht verzichten mag. Und die Wahlfreiheit der Verbraucher ist nur dann etwas wert, wenn man sie nicht bewusst durch missverständliche Health Claims in die Irre führt - oder schon im Vorschulalter durch Werbung manipuliert.

Zur Autorin
  • Hanna Lenz
    Irene Habich studierte Tiermedizin und Journalistik. Sie arbeitet als freie Wissenschaftjournalistin in Berlin und Hamburg.


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wanderer777 26.05.2016
1. Komm, lass uns Zucker trinken
Selbst heute noch, nach vielen Jahrzehnten der Aufklärung, sehe ich beim Einkaufen noch Leute, die tatsächlich literweise zuckerhaltige Getränke kaufen. Da ein Liter Limo bzw Cola an die 40 Stück(!) Würfelzucker enthält, könnten diese den Zucker doch gleich Esslöffelweise in sich hineinschaufeln. Und das sind dann die, die ständig jammern, sie würden immer dicker, obwohl sie gar nicht so viel essen. Klar - sie TRINKEN das Zeug ja.
andresel 26.05.2016
2. weniger ist mehr
Zucker ist kein Lebensmittel! Einfach mal lesen, was auf der Packung steht. Dann würde kein Mensch seinen Kindern Nesquick oder Kaba in die Milch rühren - bei 75% Zucker! Danke, Herr Seehofer.
ctwalt 26.05.2016
3. Working mom, laber...........
Meine Frau ist Intensivärztin mit Wochenend- und 24h Schichten, ich bin Geschäftsfüher und wir schaffen es trotzdem, uns gesund, ausgewogen UND frisch zu ernähren. Dieses ganze rumgeheule von wegen keine Zeit. Man muss eben Prioritären setzen und nicht die Ernährung ganz hinten anstellen!
gustavsche 26.05.2016
4. Was ist Zucker?
Meinen die nur, was wir umgangssprachlich als Zucker bezeichnen? Also Haushaltszucker, Disaccharide? Zucker ist aber mehr und umfasst das ganze Spektrum vom Einfachzucker (Fructose, Glucose, Galaktose) bis hin zum Mehrfachzucker (z. B. Kartoffelstärke). Welchen Sinn ergibt es sich, sich die Umgangssprache zum Vorbild zu nehmen und den Zweifachzucker ins Visier zu nehmen, wenn dieser doch weniger Energie enthält und auch ein moderateren Einfluss auf den Blutzuckerspiegel hat? Ich habe vor kurzem einen anderen Weg eingeschlagen. Wegen Verdauungsstörungen, habe ich beschlossen, vorerst auf Gluten zu verzichten. Produkte aus Weizen und Roggen sind bei mir gestrichen. Dieses Opfer ist groß, weil das Frühstück Brötchen und Käse flachfällt und ich vorher darin ein wichtiges Stück Lebensqualität sah. Was passierte danach? Die Verdauungsstörungen waren nach einem TAg passé. Der Stuhl ist in der Regel fester und weniger Blähungen habe ich auch. Die Achterbahnfahrten meinem Blutzuckerspiegel sind beendet. Vorher bekame ich Müdigkeitsattacken am Nachmittag und frühen Abend. Ich schlief fast im Büro ein. Zu Hause auf dem Sofa schlief ich mit Sicherheit, wenn ich mich um 18 Uhr mal niederlegte. Ich fühlte mich schlapp. Das ist vorbei, seitdem ich auf Getreide verzichte. Ich am frühen Abend durch, dafür schlafe ich wieder um Mitternacht ein und kann auch früh aufstehen. Mein Einstechzeit im Büro liegt im Mittel bei 7 Uhr. Ich fühle mich fitter. Ich merke das auch beim Sport. Innerhalb der ersten drei Wochen nahm ich sogar fünf Kilogramm ab. Und was ich am wenigstens erwartete: Mein Kopfhautpsoriasis hat sich auch noch gebessert. Ob es da einen Zusammenhang gibt oder nur Zufall ist, weiß ich noch nicht. Möglicherweise gibt es den. Mal gucken, wie lange das anhält.
beethovensneunte 26.05.2016
5. kein Zucker-Problem
Neben diesem Beitrag auf der Website befindet sich eine Liste über "Zucker in Lebensmitteln". Interessant dabei für mich: Ich nehme davon höchstens 1-2 selten zu mir. Anders herum betrachtet: Wer sich so miese Sachen regelmäßig und im Rahmen der Gewohnheit zuführt, muss nicht über Zucker klagen, sondern über seinen Verstand. Es ist wahr, dass man sich heute - ohne dass man sofort zum Ernährungs-Hipster wird - gesund oder normal ernähren kann, mit viel Freude, das muss aber auch erlernt und gewollt sein. - Die Leute, die so stark zuckerhaltigen Mist oft essen, haben auch sonst ein Problem, das wohl eher aus dem Bereich der Psychologie entstammt, wenn nicht gerade ein selbstverschuldetes Bildungsdefizit zugrunde liegt.
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