Marathon-Panik "Das Schlimmste an mir ist mein eiserner Wille"

Karriere, Kinder und natürlich Marathonläufer - Nico ist ein typischer Erfolgsmensch. Zumindest äußerlich. Innerlich übermannt den Mittvierziger beim Gedanken an die 42,195 Kilometer blanke Panik. Achim Achilles hat seine Ängste aufgezeichnet.
Läufer in Berlin: Der nächste Marathon naht

Läufer in Berlin: Der nächste Marathon naht

Foto: Hannibal Hanschke/ dpa

Nächsten Sonntag ist wieder Berlin-Marathon, das Festival des Laufsports. Seit Wochen schiebe ich Panik. Der Gedanke an 40.000 gutgelaunte Mitläufer macht mich krank. Bin ich der Einzige, der eigentlich gar nicht starten will?

Warum ich trotzdem laufe? Weil ich noch mehr Angst davor habe, als Versager zu gelten, bei meinem Chef, meinen Kollegen, meiner Frau, den Laufkumpels, aber vor allem bei mir selbst. Ich bin schon ein gutes Dutzend Marathons gelaufen, Bestzeit 3 Stunden und 45 Minuten. Langsam müssten die 3:40 Stunden fallen. Aber ich wäre schon froh, überhaupt ins Ziel zu kommen. Ich bin nicht gut trainiert, weil mir einfach die Zeit fehlt. Und die Kraft. Müdigkeit ist mein ständiger Begleiter.

Der Job stresst mich, um meine Familie kümmere ich mich viel zu wenig. Aber alle halten mich für einen Wunderknaben, weil ich alle Schwierigkeiten weglache. "Es gibt keine Probleme, nur Lösungen", sage ich immer. Und alle glauben das. Nur ich nicht.

Im Job habe ich seit Anfang des Jahres eine neue Position; ich soll den Vertrieb auf Touren bringen. "Sie schaffen das", hat der Chef gesagt: "Wer Marathon rennt, bekommt ja wohl eine neue Software zum Laufen." Jeden Tag bete ich, dass niemand merkt, dass ich die Programmierer mit ihrem Fachchinesisch nicht verstehe. Durch die Meetings schlängele ich mich mit zwei Dutzend Buzzwords. Eines Tages werden alle merken, dass ich keine Ahnung habe.

Vor jedem Training Höllenpanik

Meine Frau ist großartig, sie kümmert sich um die Kinder. Sie glaubt, dass mir das Laufen als Ausgleich guttut, deswegen meckert sie nicht, wenn ich das ganze Wochenende durch den Wald wetze und die restliche Zeit halbtot in der Badewanne hänge. Laufen soll ja die Testosteron-Produktion ankurbeln. Bei mir passiert das Gegenteil. Meine Libidokurve entspricht dem Zinsverlauf der amerikanischen Notenbank.

Vor nicht allzu langer Zeit war Laufen Entspannung für mich: die frische Luft, die Ruhe, Hirn auslüften. Heute bedeutet das Gerenne genauso viel Stress wie alles andere. Ich gucke dauernd auf die Uhr in der bekloppten Hoffnung, ich sei so schnell wie früher. Für die Welt der Nichtläufer bin ich eine Rakete, für meine Sportkumpels ein Absteiger, der seiner früheren Form verzweifelt hinterherrennt.

Wie kann ich den Marathon absagen, wenn ich der ganzen Welt vorspiele, dass ich alles im Griff habe? Meine ganze Fassade vom gutgelaunten Erfolgsmenschen wäre kaputt und damit mein Leben. Soll ich zugeben, dass ich von zehn Burnout-Anzeichen mindestens zwölf habe? Was bleibt dann noch?

"Disziplin!", brülle ich mich innerlich an

Früher bin ich morgens um halb sechs losgerannt. Das habe ich neulich mal wieder versucht. Nach zehn Minuten habe ich mich auf eine Parkbank gesetzt und einfach nur in der Morgensonne gedöst. Eigentlich herrlich. Aber ich hatte das unendlich schlechte Gewissen des Under-Performers.

Mir tut alles weh, die Hüfte, die Knie, der Rücken. Ich schmiere und schlucke, was die Apotheke hergibt, dazu Eiweiß-Drinks und Multivitamin-Cocktails. Doch alles, was in Bewegung kommt, ist mein Magen. Das Sodbrennen killt mich. Ich habe mir schon tausend Ausreden überlegt, warum ich den Berlin-Marathon in der letzten Minute absage. Neulich beim Training habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, beim Stretchen mit einem Ruck so weit in die Dehnung zu gehen, dass die Sehne kracht. Nie wäre ein Höllenschmerz erleichternder gewesen. Aber ich habe es nicht geschafft.

Ich kann nicht kneifen, weil ich mir sonst noch schlapper vorkomme. Bestzeit habe ich abgehakt, ich will nur heil über die Strecke kommen. Schließlich erfülle ich alle Voraussetzungen für einen, der unterwegs die Augen zumacht. "Disziplin!", brülle ich mich innerlich an: "Reiß' Dich zusammen, du Weichei!" Das Schlimmste an mir ist mein eiserner Wille.

Zum Autor
Foto: Frank Johannes

Achim Achilles, Jahrgang 1964, lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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