DFB-Fitnesstrainer Mark Verstegen "Medizinbälle sind nicht so altmodisch, wie man denkt"

Mit seinem Fitnesskonzept hat Mark Verstegen die deutsche Fußballnationalelf trainiert. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt er sein Work-out - und wie sich mit nur kleinen Veränderungen der Alltag optimieren lässt.
Verstegen mit der deutschen Nationalelf: Training für Körper und Geist

Verstegen mit der deutschen Nationalelf: Training für Körper und Geist

Foto: DFB

SPIEGEL ONLINE: Herr Verstegen, ist die deutsche Fußballnationalmannschaft dank Ihres Fitnesskonzepts Weltmeister geworden?

Verstegen: Klar, die Fitness gehört dazu, aber da gibt es noch viele andere Gründe. Die deutsche Nationalmannschaft ist einfach ein bemerkenswertes Team. Am Morgen nach dem Finale bin ich mit einem Lächeln aufgewacht. Zehn Jahre haben wir für diesen Titel gearbeitet. Dieses Mal haben wir es bis nach ganz oben geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Sie trainieren die Nationalelf seit 2004. Was war dieses Mal anders als in den Jahren zuvor?

Zur Person
Foto: EXOS

Mark Verstegen, Jahrgang 1969, ist US-amerikanischer Fitnessexperte und Buchautor. Er entwickelte das Fitnesskonzept "Core Performance" und ist seit 2004 Fitnesstrainer der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Sein neues Buch "Jeder Tag zählt" ist in diesem Jahr im riva Verlag erschienen.

Verstegen: Das deutsche Team hat eine ganz besondere Kultur. Die Spieler treten nicht als Individuen auf, sondern als Mannschaft. Sie treffen Entscheidungen nicht für sich selbst, sondern für das Team. Letztendlich hat dieser Teamgeist zum Titelgewinn geführt. Außerdem waren wir dieses Mal sehr fokussiert: Wir haben uns auf unser Ziel konzentriert und nie den Glauben daran verloren.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern unterscheidet sich Core-Performance von anderen Fitness-Work-outs?

Verstegen: Es geht darum, seine sportliche Leistung zu verbessern. Gleichzeitig soll das Verletzungsrisiko minimiert werden. Nach einem Work-out soll niemand das Gefühl haben, gerade bestraft worden zu sein. Im Gegenteil: Die Übungen sind so aufgebaut, dass man sich hinterher frischer und vitaler fühlt. Die Bewegungen trainieren nicht nur die Muskeln, sondern wirken auch anregend auf Geist und Gehirn.

SPIEGEL ONLINE: Sie trainieren viele professionelle Athleten: Sind Hobbysportler überhaupt in der Lage, Ihr Fitnessprogramm zu bewältigen?

Verstegen: Auf jeden Fall. Die Übungen eines Core-Performance-Work-outs kann jeder nachmachen, egal wie fit oder alt man ist. Ganz wichtig beim Training ist die "Säule". Der Begriff bezeichnet Schultern, Rumpf und Hüfte. Jede Bewegung, die wir machen, hat ihren Anfang in der Körpermitte. Egal welchen Sport man betreibt: Ob Laufen, Radfahren, Tennisspielen, Tanzen - je stärker die Säule, umso einfacher die Bewegungen, die man ausführen möchte. Wer seine Säule trainiert, wird leistungsfähiger, schneller und ausdauernder.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die Übungen konkret aus?

Verstegen: Es gibt Übungen, die ohne zusätzliche Geräte auskommen. Aber auch Übungen mit Hilfsmitteln. Sehr effektiv sind zum Beispiel Medizinbälle. Die sind gar nicht so altmodisch, wie man denkt. Es gibt welche, die springen können. Wenn man die gegen eine Wand wirft, hat man nicht nur ein tolles Ganzkörper-Work-out, sondern auch jede Menge Spaß. Außerdem baut die Übung Aggressionen ab - besser, als sich zu prügeln (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Ihr Fitnesskonzept geht über den Sport hinaus. In Ihrem Buch "Jeder Tag zählt" schreiben Sie über Selbstoptimierung im Alltag. Ist das Leben nicht schon anstrengend genug?

Verstegen: Ja. Jeder von uns muss im Leben viel leisten: im Beruf, im Alltag, beim Sport. Jeder strengt sich an. Aber gut ist nicht gut genug. Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann: ausreichend schlafen, gesünder essen, mehr Sport treiben. Wir wollen jeden Tag Leistung zu bringen. Deshalb müssen wir auch alles dafür tun, dass es uns gut geht.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Optimierungswahn nicht noch zusätzlicher Druck, den man zum eh schon strapaziösen Alltag meistern muss?

Verstegen: Nein, gar nicht. Es geht nicht darum, zu sagen: Leute, arbeitet noch mehr und noch härter. Im Gegenteil: Wir wollen, dass die Menschen effizienter und cleverer arbeiten. Viele klagen, sie hätten keine Energie, fühlten sich ausgelaugt. Dagegen kann man etwas tun. Es sind nur ein paar kleine, einfache Dinge, die man im Alltag verändern muss. Aber die können uns das Leben leichter machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen diese Veränderungen konkret aus?

Verstegen: Es geht nicht darum, sein Leben von heute auf morgen komplett umzukrempeln. Man muss kleine Schritte machen. Jeden Morgen eine halbe Stunde früher aufstehen, damit man in Ruhe frühstücken kann. Statt Fahrstuhl die Treppen benutzen , einen Mittagsschlaf machen. Oder statt abends einfach nur auf der Couch zu sitzen und fernzusehen, sich gleichzeitig mit einer Schaumstoffrolle selbst massieren, um die Regeneration anzukurbeln. All das bedeutet nicht viel Aufwand - schafft aber trotzdem ein gutes Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem scheitern viele an diesen vermeintlich kleinen Veränderungen.

Verstegen: Ja. Deshalb braucht jeder Mensch ein Ziel im Leben. Nur wer sich immer wieder vor Augen führt, was ihm im Leben wichtig ist oder was er erreichen will, hat einen Antrieb. Ich bezeichne dieses Ziel als "Es", das jeder für sich selbst definieren muss. Ich rate den Leuten immer: Sobald ihr aufwacht, denkt an euer "Es". Das hilft euch, den Tag zu bewältigen und konzentriert zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr "Es"?

Verstegen: Ich sage oft: "I love my life, I love my wife" ("Ich liebe mein Leben, ich liebe meine Frau"). Das Leben bietet so viele Möglichkeiten, und Beziehungen sind der Schlüssel dazu. Es lohnt sich immer, in Beziehungen zu investieren. Denn es gibt nichts, das erfüllender sein könnte.

Interview: Julia Schweinberger
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