Lebenskrise Vom Schwergewicht zum Gleichgewicht

Weg von höher, schneller, weiter: Michael Klotzbier, Ex-160-Kilo-Mann, begräbt seine Mission, unter 100 Kilo zu wiegen. Warum? Weil er als "Botschafter der Dicken" gegen die Stigmatisierung von Übergewichtigen kämpft.

Getty Images/EyeEm

Wer glaubt, dass ich nun bei 80 Kilogramm angekommen bin und ein Leben in einem durchtrainierten Körper führe, den muss ich leider enttäuschen. All die lauten Kritiker, die prognostizierten, dass ich nach meinem Marathon an meinem 37. Geburtstag wieder fett werde, hatten leider recht: Ich wiege momentan stattliche 135 Kilo.

Meine Mission "Unter 100" ist gescheitert, erledigt, begraben.

Wie es dazu kam und warum ich heute entschlossener, motivierter und vor allem erfahrener als je zuvor ein neues Ziel verfolge, darüber möchte ich hier berichten. Ehrlich und ohne Selbstbeschiss.

Ein Bierchen hier, ein Törtchen da

Ich war am 1. Januar 2015 als 160-Kilo-Koloss angetreten, um mit Spaß, gesund und in den Alltag integriert abzunehmen. Ich bin mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, habe regelmäßig Nordic Walking und gelegentlich Aqua Jogging gemacht. Die schlimmsten Ernährungssünden wie gezuckerte Getränke, Pommes, Pizza und Alkohol habe ich konsequent weggelassen.

Zur Person
  • Michael Klotzbier
    Von 160 Kilo auf 108, jetzt wieder 135. Michael Klotzbier hat nach erfolgreich absolviertem Marathon wieder zugenommen. Warum, und wie es jetzt weitergeht, darüber berichtet er bei SPIEGEL ONLINE.

Und siehe da: Wenn man mehr Energie verbraucht, als man zu sich nimmt, verliert man Gewicht. Nach knapp zwei Jahren hatte ich 50 Kilo abgenommen, am Tag des Berlin-Marathons im September 2016 wog ich 108 Kilo. Das Ziel erreichte ich in 04:56:04 Stunden, anschließend habe ich sogar noch mit Familie und Freunden gefeiert.

Ab da begann jedoch - rückblickend betrachtet - die Rolle rückwärts in alte Gewohnheiten. Ich lockerte die Zügel und gönnte mir öfter mal etwas. Ein Bierchen hier, ein Törtchen da. Was zwei Jahre lang gar nicht auf meinem Speiseplan gestanden hatte, oder ich mir als "Sünde" einmal pro Woche erlaubt hatte, genoss ich ab diesem Zeitpunkt wieder regelmäßig.

Alles lief scheußlich schief

Bis zur Triathlon Challenge gegen meinen ehemaligen Kollegen Hajo Schumacher im September 2017 nahm ich so fast unbemerkt zehn Kilo zu. Weil ich aber nicht nur regelmäßig joggte, sondern zusätzlich auch mehrere 100 Kilometer pro Woche mit dem Rennrad absolvierte und regelmäßig Schwimmen ging, bereiteten mir die zusätzlichen Kilos keine Sorgen.

Im Video: Mission Marathon - Ex-160-Kilo-Mann erfüllt sich seinen großen Traum

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Nach dem Triathlon allerdings fehlten mir die Ziele - und mein Schweinehund samt alter Essgewohnheiten gewann in den kommenden Monaten die Oberhand: Ich nahm noch weiter zu. Weniger Sport und schlechte Ernährung waren das eine, es kamen aber auch Stress in der Familie und der Tod eines sehr guten Freundes hinzu. Zusätzlich verlor ich meinen Job und wurde von vermeintlichen Freunden enttäuscht.

Ich fühlte mich wie 20 Jahre zurückversetzt in die Zeit, als ich noch ein aufstrebendes Fußballtalent war, das vom Profifußball träumte - und als ein Kreuzbandriss alles kaputt machte. Damals waren plötzlich mein liebstes Hobby und meine Freunde aus der Mannschaft weg, meine Freundin verließ mich. Ich schaffte mein Abi nicht und wurde zum Mobbingfall im Ausbildungsbetrieb.

Auch 2018 schien alles nur scheußlich schiefzulaufen. Anders als im Alter vor 18 Jahren aber wusste ich immerhin, dass man so ein Tief überwinden kann. Dass Jammern nicht hilft, Verdrängen aber auch nicht.

Tiefschläge sind Teil des Lebens

Ich kämpfte mich Schritt für Schritt - mit mittlerweile 15 Kilo mehr am Leib - zurück ins Leben. Neuer Job, neue Stadt, neue Kollegen, neue Freunde. Das alles kostete mich Energie, Kraft und vor allem Zeit, die mir am Ende des Tages für Bewegung und gesunde Ernährung fehlten.

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Gleichzeitig waren Frust und Einsamkeit oft stärker als mein Kampfgeist. Ich war häufig krank und bewegte mich noch weniger. Inzwischen wog ich 135 Kilo und hatte einen Blutdruck von 160/130 mmHg. In meiner Brust spürte ich häufiger ein Stechen. Als mein Arzt Ende 2018 auch noch eine Thrombose in meinem Bein entdeckte und ein Tumor als Ursache vermutet wurde, machte sich in mir ein einziges Gefühl breit: Angst. Ich war genau dort gelandet, wo ich nie wieder hinwollte.

Heute weiß ich: All diese Rück-, Schicksals- und Tiefschläge sind Teil des Lebens. Ich gestehe mir mein Scheitern ein. Aber ich will mich wieder um mich und meine Gesundheit kümmern, ich möchte der Verantwortung für mein Kind gerecht werden. Ernährung soll keine Religion werden und Sport Spaß machen. Ich will weg von höher, schneller, weiter, weg von einer Zahl. #vomschwergewichtzumgleichgewicht ist mein neues Credo.

Als Botschafter der Dicken kämpfe ich für die Entstigmatisierung von Übergewichtigen. Wir sind nicht krank, faul oder undiszipliniert. Jeder von uns hat seine eigene Geschichte. Aber ich bin davon überzeugt, dass keine Situation ausweglos ist.

Den Weg zu meinem Wohlfühlgewicht, auf dem ich mich mit den Themen Bewegung, Ernährung und mentaler Gesundheit beschäftigen will, werde ich hier und in meinem Tagebuch auf www.michaelklotzbier.de wieder in regelmäßigen Abständen dokumentieren.



insgesamt 55 Beiträge
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der_anonyme_schreiber 11.02.2019
1. Als "Insider"
Als jemand, der selbst auch kontinuierlich diesen "Kampf" austrägt, in ähnlichen Gewichtsklassen wie der Autor, kann ich sagen, dass das abnehmen technisch natürlich auf dem Speiseplan, mit der Kalorienzufuhr und dem Kalorienverbrauch, aber langfristig ausschließlich im Kopf entschieden wird. Wenn es nicht gelingt, das "Belohnungssystem" zu durchbrechen, d.h. sich NICHT mit Essen zu Belohnen ( oder auch zu bestrafen) dem wird kein dauerhafter Erfolg beschieden sein. Und da sind natürlich "Einmalbelohnungen" wie "den bestimmten Triathlon machen" oder "den Marathon durchhalten" absolut Kontraproduktiv, der Rückfall ist vorgezeichnet. Mir hilft es, mich selbst darauf dressiert zu haben, bewusst zu essen, d.h. mich beim Essen 2 Dinge zu fragen: Habe ich Hunger und warum will ich jetzt das essen? Und: Ist es wirklich das, was ich da in der Hand habe, was ich jetzt will? Die "außerplanmässigen Fütterungen" gilt es abzuschaffen. Es ist praktisch unmöglich , das Thema rein durch Sport zu lösen.
RobertW 11.02.2019
2. Guter Artikel, mieser Anreisser
Es ist wirklich Schade, nein eigentlich wirklich ärgerlich, wie die Überschriften und Anreisser mittlerweile häufig einen Ton für einen Artikel vorgeben, den dieser nicht Halten kann oder wie in diesem Fall: will. "Ex-160-Kilo-Mann, begräbt seine Mission, unter 100 Kilo zu wiegen. Warum? Weil er als "Botschafter der Dicken" gegen die Stigmatisierung von Übergewichtigen kämpft." Nein das ist nicht das "warum"! Das hört sich nach einem vorgeschobenen Grund an, im Artikel wird aber deutlich das die wirklichen Gründe reflektiert und vor allem ganz andere sind!
jufo 11.02.2019
3. Respekt für diese Offenheit
... und alles Gute, Zufriedenheit und Wohlbefinden.
benedetto089 11.02.2019
4.
Von einem Bierchen hier und einem Törtchen da nimmt man nicht in kurzer Zeit 10 kg zu, vor allem wenn man regelmässig Sport macht. Ich habe schon oft, auch im persönlichen Umfeld gesehen, wie dicke Menschen sich hinsichtlich des Essens selbst betrügen. Da wird dann ein 600 kcal "Snack" überhaupt nicht als vollwertiges Essen gesehen, der Liter Cola wird beim Kaloriezählen nicht mitgerechnet usw. Es kann nicht jeder eine superschlanken Sportskanone sein und ja, es mag auch vereinzelt kerngesunde und sportliche dicke Menschen geben aber allmählich nervt mich die Body-Positivity-Bewegung. Da wird teilweise extremes Übergewicht, das in ganz vielen Fällen einfach von Faulheit und Undiszipliniertheit kommt als was tolles dargestellt und jedem der mal eine kritische Bemerkung zur Ernährung, Disziplin oder auch Gesundheitsrisiken macht wird sofort Diskriminierung unterstellt.
der_anonyme_schreiber 11.02.2019
5. ach ja...
Was ich vorher vergessen hatte: Übergewicht ist nicht primär ein soziales Stigma, zumindest habe ich das nie so empfunden, sondern schlicht und ergreifend außerordentlich schädlich. D.h. ich nehme nicht ab, um sozial akzeptiert zu werden, sondern um gesundheitlichen Beeinträchtigungen vorzubeugen. Vielleicht ist das auch ein Denkfehler: Ich nehme ab und bin dann der Held und bei allen beliebt... an so einer Erwartung scheitert man dann zwangsläufig auch.
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