Ergebnisse der Weltgesundheitsorganisation Wie gefährlich ist Mikroplastik in Trinkwasser?

Ob aus Flaschen oder aus der Leitung - überall auf der Welt haben Forscher Mikroplastik in Trinkwasser nachgewiesen. Die WHO hat analysiert, ob die Kunststoffe der Gesundheit schaden.

Auch in Trinkwasserproben aus Deutschland wurde Mikroplastik nachgewiesen
Jose A. Bernat Bacete/ Getty Images

Auch in Trinkwasserproben aus Deutschland wurde Mikroplastik nachgewiesen


Plastik ist der Wunderstoff der vergangenen Jahrzehnte: billig, formbar, hart oder weich, durchsichtig oder milchig - je nach Wunsch. Seit seiner Erfindung in den Fünfzigerjahren hat die Menschheit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert, schätzen Forscher. Das Gewicht entspricht etwa 41.500 Hamburger Elbphilharmonien. Das Volumen dürfte deutlich größer sein, Folie ist wesentlich leichter als Backstein.

Auch wenn Plastik inzwischen in Verruf geraten ist: Der Boom ist ungebrochen. Mehr als die Hälfte der gesamten weltweiten Menge wurde seit dem Beginn der Nullerjahre produziert. Inzwischen hat sich der Kunststoff überall auf dem Planeten verbreitet. In der Tiefsee, in Wolken, im menschlichen Stuhl.

Auch in Trinkwasserproben haben Forscher weltweit Mikroplastik nachgewiesen, sowohl in Leitungswasser als auch in Mineralwasser aus Flaschen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat nun erstmals analysiert, welche gesundheitlichen Folgen das trinkbare Plastik haben könnte.

Das Ergebnis ist deutlich beruhigender, als viele erwartet haben dürften: Es existieren derzeit keine Hinweise darauf, dass Mikroplastik im Trinkwasser der Gesundheit schadet.

Der Haken

Trotzdem gibt es laut WHO keinen Grund zur Erleichterung. Das Hauptproblem: Die Studienlage ist sehr dünn. Für die Untersuchung hat die Organisation die Ergebnisse von 50 aktuellen Studien zusammengetragen, nur neun davon beschäftigten sich gezielt mit Mikroplastik in Trinkwasser.

Noch sind sich Forscher nicht einmal einig darüber, was Mikroplastik überhaupt ist. Eine einheitliche Definition fehlt. In den meisten Fällen zählen alle Partikel in diese Kategorie, die kleiner als fünf Millimeter sind. Relevant für das Vorkommen in Trinkwasser sind jedoch nur die kleinsten Partikel. Ihre Größe wird in Mikrometern angegeben, also Tausendstel Millimetern.

Es ist unwahrscheinlich, dass sich Stückchen im Körper anlagern, die größer als 150 Mikrometer sind, heißt es in dem Bericht der WHO. Bei kleineren Plastikteilchen könnte das anders sein, doch bisher gibt es dazu kaum Studien.

Ähnlich unklar ist die Lage im Hinblick auf mögliche Folgen für die Gesundheit. Die existierenden Studien wurden vor allem mit Ratten und Mäusen durchgeführt. Ihre Ergebnisse lassen sich nicht direkt auf den Menschen übertragen. Zudem wurden die Versuchstiere oft extrem hohen Plastik-Konzentrationen ausgesetzt, die Menschen nur schwer erreichen.

"Basierend auf den begrenzt verfügbaren Informationen scheint Mikroplastik im Trinkwasser auf dem jetzigen Niveau kein Gesundheitsrisiko darzustellen", sagt die WHO-Expertin Maria Neira. Weitere Untersuchungen seien dringend nötig. Aus heutiger Sicht seien jedoch andere Verunreinigungen im Wasser wesentlich bedeutsamer als die Plastikpartikel.

Die Probleme ließen sich der WHO zufolge gemeinsam lösen. Reinigungsanlagen könnten nicht nur 90 Prozent des Mikroplastiks aus Trink- und Abwasser fischen, sondern auch Krankheitserreger. Weltweit haben laut Uno zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Situation in Deutschland

Auch in deutschen Trinkwasserproben wurde in einer Analyse aus dem Jahr 2017 Mikroplastik nachgewiesen, allerdings in sehr geringen Mengen. Durchschnittlich schwammen zweieinhalb mikroskopisch kleine Teilchen in einem Liter Wasser aus Hamburg und Dortmund. In Proben aus anderen Ländern wurden laut WHO bis zu 100.000 Partikel entdeckt.

Generell sei in deutschem Leitungswasser weniger Mikroplastik nachgewiesen worden als in Mineralwasser, sagte Martin Wagner von der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim. Kläranlagen entfernten den Großteil der Plastikpartikel. "Das Problem ist allerdings, dass sich das Mikroplastik dann im Klärschlamm befindet und wieder in die Umwelt gelangt, wenn der Klärschlamm zur Düngung in der Landwirtschaft verwendet wird."

Der Plastikkreislauf geht weiter.

koe/dpa

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murksdoc 22.08.2019
1. Eiszeitplastik
Eine der faszinierenden Eigenschaften von Mineralwasser ist, daß es bis zu 5000 Jahre alt ist, auf die Erbauer von Stonehenge und deren Zeitgenossen geregnet hat, zum Teil noch aus der letzten Eiszeit stammt und durch seinen langen Weg in die Tiefe von allen Arten von Verunreinigungen, so es sie damals gab, zuverlässig befreit wurde. Wenn bei Ötzi keine Plastiktüte gefunden wurde, in der er sein getrocknetes Mammut transportierte, kommt mir die Aussage, "Mineralwasser enthalte mehr Plastikteilchen als Leitungswasser", gellinde gesagt "spanisch" vor. Ein Norweger weiss vielleicht nicht, daß bei uns der Begriff "Mineralwasser" gesetzlich geschützt ist und nicht für in Plastikflaschjen gefülltes mit oder nicht mit Kohlensäure versetztes Leitungswasaser verwendet werden darf, so wie Coca Cola es in Budapest mit "BonAqua" macht, der Stadt mit den größten Mineralwasserquellen Europas. Die Zweitgrößten befinden sich übrigens in Stuttgart / Bad Cannstadt. Da kann man es sich kostenlos an der Quelle abfüllen und mal testen, wie soetwas schmeckt und aussieht, wenn Schwefel und Eisen vor der Abfüllung nicht entfernt werden oder im "Stahlbad" ausprobieren, we es sich anfüllt, in hoch mineralienhaltigem Wasser zu schwimmen. Das Plastik in den Plastikflaschen stammt vom Plastik der Plastikflaschen. In der oben verlinkten Studie wird übrigens lediglich festgestellt, daß 72% europäischer Wasserproben Plastikteilchen enthalten. Wieviele das sind, steht in dieser Studie nicht.
cindy2009 22.08.2019
2. Wieso nur Klärschlamm?
Viele Konsumenten in D werfen auch Plastik in die Bio-Tonne. Das bekommt man dann irgendwann wieder auf dem Tisch beim Essen zurück. Aber auch Supermärkte dürfen ihren Abfall komplett mit Verpackung zum Kompostieren geben.
quark2@mailinator.com 22.08.2019
3.
Naja, ist ja einerseits schön, wenn sie da jetzt nicht gleich riesige Probleme gefunden haben, aber glaube ich jetzt wirklich, daß es keine Auswirkungen auf die Gesundheit hat, wenn jede Menge neuartige Verbindungen der Organischen Chemie in Unmengen über die Äcker verteilt werden und am Ende in Embryos landen. Was ist mit den Weichmachern, die an den Hormonen drehen ? Kein Einfluß auf die Ausbildung von Männlein und Weiblein ? War da nicht was mit immer weniger Spermien ? Kein Einfluß auf Krebs ? Auf Allergien ? Naja, wäre ja schön. Hätte ich allerdings wirklich lieber nochmal etwas abgesichert. Zumal es ja mit der Plastikproduktion offenbar steil nach oben geht. Ich kann mich noch an eine quasi plastikfreie Welt erinnern ... Holz, Metall, Stein ... Das hatte aber auch eine Menge in sich, mit den ganzen nicht gerade tollen Farben und Imprägniermitteln, etc. Ich plädiere ja für die Entwicklung nicht-organischer Plastik, also grob gesagt mit Silizium statt Kohlenstoff.
Phil2302 22.08.2019
4. Wer erwartet was?
"Das Ergebnis ist deutlich beruhigender, als viele erwartet haben dürften." Wie kommt der Spiegel zu der Einschätzung, dass viele Leute ein anderes Ergebnis erwartet haben? Oder soll das heißen: "als wir erwartet haben"? Ich habe nichts anderes erwartet.
navalist 22.08.2019
5. Neue Einheiten
"Das Gewicht entspricht etwa 41.500 Hamburger Elbphilharmonien." Nach Fußballfeldern als Flächeneinheit jetzt Elbphilharmonien als Gewichtseinheit. Die Verblödung schreitet immer schneller weiter.
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