Mythos oder Medizin Schadet Trinken beim Essen der Verdauung?

"Wasser im Bauch verdünnt die Magensäure und schadet der Verdauung. Zum Essen also lieber nichts trinken" - das rät die Verwandtschaft. SPIEGEL-ONLINE-Leserin Tine Andersen will wissen, ob sie der Empfehlung trauen kann.
Wasser trinken: Vor, nach oder während dem Essen?

Wasser trinken: Vor, nach oder während dem Essen?

Foto: Corbis

"Darf ich schon etwas zu trinken bringen", fragt der Kellner. Im Restaurant gehört das Getränk zum Essen dazu. Auch zu Hause werden die Gläser selbstverständlich mit auf den gedeckten Tisch gestellt. Aber ist das eigentlich gesund? Folgt man einem altbekannten Volksglauben, sollte man beim Essen lieber die Finger vom Glas lassen. Die Erklärung klingt logisch: Wenn zu viel Flüssigkeit in den Magen gelangt, verdünnt sie die Magensäure. Die Nahrung kann nicht mehr richtig verdaut werden und verstopft den Darm.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Unser Verdauungssystem ist mehr als ein Schlauch mit ein paar Beulen und Säure drin. Die Magensäure zersetzt die Nahrung, Bakterien spalten Proteine mit Hilfe von Enzymen, und durch Muskelbewegungen in Magen und Darm wird der ganze Brei durchgewalkt. Genau diese unbewussten Muskelbewegungen sind es übrigens, die ein Magenknurren verursachen, wenn nicht mehr genug Nahrung zum Durchkneten da ist.

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Sauer, Saurer, Magensäure

Aussagekräftige Studien, die zeigen, wie sich Wassertrinken beim Essen auf den Säuregehalt im Magen auswirkt, gibt es nicht. 2004 untersuchten Forscher  aber, inwiefern Wassertrinken auf nüchternen Magen vor einer Operation den pH-Wert im Magen von Übergewichtigen verändert. Sie verglichen 126 Patienten, die keine Magen-Darm-Leiden hatten. Alle bekamen zwei Stunden vor ihrer Operation zehn Milliliter Flüssigkeit mit einem Säureindikator, aber nur ein Teil der Patienten trank anschließend weitere 300 Milliliter Flüssigkeit. Den pH-Wert im Magen beeinflusste das Trinken nicht, zeigte die Messung zwei Stunden später.

Aus medizinischer Sicht ist das Ergebnis nur folgerichtig. Der pH-Wert der Magensäure liegt im leeren Magen ungefähr bei eins. Das bedeutet, dass die Magensäure etwa eine Million Mal saurer ist als Wasser mit einem neutralen pH-Wert von sieben. Nach dem Essen steigt der pH-Wert im Magen auf zwei bis vier. Die Magensäure ist dann verdünnt, aber immer noch sauer genug, um den Nahrungsbrei kleinzukriegen.

Hinzu kommt: Der Magen steuert seinen Säuregehalt nach Bedarf. "Über einen komplexen Rückkopplungsmechanismus liefern Zellen der Magenwand Salzsäure nach, wenn sich der Magen ausdehnt", erklärt Christian Trautwein von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie (DGVS). Auch Kauen kurbelt die Säureproduktion an, genauso wie der Geruch von Essen. Schon der bloße Anblick einer schmackhaften Mahlzeit oder nur der Gedanke daran lassen die Säureproduktion in die Höhe schnellen.

Flüssig flutscht besser

Man müsste also Unmengen Wasser in sich hineinschütten, um die Säure im Magen merklich zu verdünnen. "Das geht gar nicht, weil der Mageninhalt begrenzt ist", sagt Trautwein. "Mehr als ein bis eineinhalb Liter passen normalerweise nicht hinein." Fachärzte wären froh, wenn sich die Magensäure durch ein paar Getränke verdünnen ließe. Statt zu wenig Säure macht den Menschen heutzutage vor allem zu viel Säure zu schaffen - wenn sie beim Sodbrennen aufgestoßen wird.

Besonders ungünstig auf den Säurehaushalt im Magen wirken sich Stress, Alkohol  und Nikotin aus. Der Grund: Sie kurbeln die Säureproduktion an. Wasser, Tee und andere zuckerarme Getränke unterstützten die Verdauung dagegen sogar - egal, ob man vor, während oder nach dem Essen trinkt. Trautwein erklärt: Wenn der Körper ausreichend Flüssigkeit zur Verfügung habe, werde im Darm weniger Wasser zurück in den Körper geholt. Der im Magen vorverdaute Brei rutsche dann besser durch den Verdauungstrakt und könne leichter ausgeschieden werden.

Und aus noch einem Grund hält Trautwein Trinken beim Essen für sinnvoll: "Wir leben im Überfluss", sagt er. Ein kalorienarmes Getränk zum Essen sei da förderlich, weil es davor schützen könne, zu viel in sich hineinzuschaufeln. "Je größer das Volumen im Magen, desto eher melden die Zellen der Magenwand, dass genug Nahrung angekommen ist." Das schwächt das Hungergefühl. Dass Wassertrinken generell schlank macht, ist wissenschaftlich aber nicht nachgewiesen.

Fazit: Die Volksweisheit, dass man beim Essen lieber nichts trinken sollte, ist Unsinn. Ganz im Gegenteil: Flüssigkeit unterstützt die Verdauung. Nur mit Säften, Limos und alkoholischen Getränken sollte man sparsam sein.

Verdauungs-Quiz