Mythos oder Medizin Schadet Wassertrinken nach dem Kirschenessen?

Wer einmal mit dem Knabbern angefangen hat, kann nicht mehr aufhören: Was auf Chips zutrifft, gilt für Kirschen erst recht. Viele warnen vor der Völlerei, vor allem wenn dazu noch Wasser getrunken wird. Zu Recht?

Gleich drei auf einmal!
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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Kirschbäume helfen beim Glücklichsein. Wer daran zweifelt, sollte an seine Kindheit zurückdenken. Raufklettern, und dann Kerne in weitem Bogen ausspucken. Nur einen Nachteil hatte die Sache: Irgendwann tat der Bauch so weh, randvoll mit süßen Früchten, dass der Körper willenlos ins Gras plumpste.

Zu viele Kirschen machen Magenschmerzen, warnen Mütter, Väter, Opas und Omas seit Jahrzehnten. Besonders gefährlich wird es demnach, wenn auf die Kirschen Wasser folgt. Kirschen gegessen/ Wasser getrunken/ Bauchweh bekommen/ Ins Krankenhaus gekommen, heißt es in einem alten Abzählvers.

Ob die Warnungen eine Berechtigung haben, lässt sich bis heute wissenschaftlich nicht einwandfrei überprüfen. Studien nämlich, bei denen Forscher ihre Teilnehmer einen Haufen Kirschen verspeisen ließen, um anschließend die Verdauung zu analysieren, gibt es keine. Dafür aber kursieren verschiedene Theorien zu den Kirsch-Bauchschmerzen. Die häufigste ist die Hefepilz-Erklärung.

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Hefepilze und Alkohol im Magen

Sie stützt sich darauf, dass auf der Schale der Kirschen viele Mikroorganismen sitzen, darunter auch Hefepilze. Im Magen angekommen, beginnen die winzigen Lebewesen demnach, den Zucker aus den Kirschen zu vergären - ähnlich wie bei der Bierherstellung. Dabei entstehen Alkohol und Gase, die Bauchschmerzen bereiten. Auch das Wasser findet in der Theorie seinen Platz. Indem es die Magensäure verdünnt, soll es den Hefepilzen die Arbeit erleichtern.

Christian Sina, Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin der Universität zu Lübeck, hat allerdings seine Zweifel. "Aus meiner Sicht ist das keine gute Erklärung", sagt er. Die Magensäure ist etwa eine Million Mal saurer als Wasser, schlechte Überlebensbedingungen für Hefepilze und andere Mikroorganismen. Daran ändert sich auch nicht viel, wenn Kirschen und Wasser die Magensäfte verdünnen. Steigt der pH-Wert, liefern Zellen in der Magenwand einfach Salzsäure nach.

Stattdessen hat Sina eine andere, aber sehr ähnliche Kirschen-Theorie. Dem Experten zufolge sind nicht verspeiste Keime für die Beschwerden verantwortlich, sondern Bakterien, die als natürliche Bewohner den Dickdarm bevölkern. Dort passiert Sina zufolge genau das, wovor Internet-Theoretiker schon im Magen warnen: Die Mikroorganismen zersetzen Teile der Kirschen und erzeugen Gase.

Der Darm gedehnt, der Bauch gebläht

"Eine Tasse Kirschen enthält bis zu drei Gramm Ballaststoffe", sagt der Mediziner. Hinter dem Begriff verbergen sich Fasern aus der Nahrung, die der Körper nicht selbst verdauen kann. Stattdessen passieren sie Magen und Dünndarm weitgehend unangetastet und erreichen danach den Dickdarm, wo Bakterien das Zerlegen übernehmen. Ähnlich verhält es sich mit kurzkettigen Kohlenhydraten wie Fruchtzucker oder dem Zuckeraustauschstoff Sorbit, die ebenfalls in großen Mengen in Kirschen stecken.

Bei der Arbeit der Bakterien entsteht innerhalb einer halben Stunde nach dem Essen ein Gemisch aus Methan, Stickstoffverbindungen und anderen Gasen, das die Darmwand dehnt. Es schmerzt. "Auch ein Blähbauch lässt sich fast immer mit Fermentationsprozessen im Dickdarm erklären", sagt Sina. Selbst die Trinkwarnung könnte aus Sicht des Experten Sinn machen: "Das Wasser könnte die Beschwerden verstärken, indem es dafür sorgt, dass die Kirschen schneller in den Darm rutschen", sagt er.

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Wie viel jemand von der Arbeit seiner Darmbakterien zu spüren bekommt, hängt Sina zufolge vor allem von der Zusammensetzung der Mikroorganismen ab. Bei einem Durchschnittsmenschen bevölkern bis zu Hundert Billionen der winzigen Lebewesen den Darm. "Die Komposition und auch die Menge der verschiedenen Bakterien ist individuell höchst unterschiedlich", erklärt der Ernährungsmediziner.

Gestörte Lebensgemeinschaft

Ist die Lebensgemeinschaft im Darm etwa durch die Einnahme von Antibiotika gestört, kann es passieren, dass sie besonders empfindlich vor allem auf die kurzkettigen Kohlenhydrate aus den Kirschen reagiert. Das Risiko für Bauchweh steigt. Im Extremfall kann die Fehlbesiedelung des Darms auch in ein Reizdarmsyndrom münden - und anhaltende Verdauungsprobleme. Dann hilft eine Diät mit wenigen kurzkettigen Kohlenhydraten oft weiter.

Bei den Ballaststoffen ist das anders: "Was Beschwerden bereitet, bringt in ihrem Fall auch Gutes", sagt Sina. Die Fasern gelten als sehr gesund, da sie anders als Fruchtzucker und Co. vor allem nützliche Bakterien mit Nahrung versorgen. So können sie auf Dauer sogar zu einer gesünderen und weniger anfälligen Darmflora beitragen. Laut Studien senken Ballaststoffe zudem das Risiko für Diabetes und Darmkrebs. Umso bedenklicher ist, dass die Fasern in unserer westlichen Ernährung zu selten gegessen werden.

Statt der empfohlenen 30 bis 40 Gramm konsumiert der Durchschnittsdeutsche maximal 18 Gramm Ballaststoffe pro Tag. Wer etwas daran ändern möchte und eine empfindliche Verdauung hatte, sollte die Menge langsam erhöhen. Ebenfalls wichtig ist, bei der Versorgung nicht nur auf Kirschen zu setzen. "Dafür enthalten die Früchte zu viel Zucker", sagt Sina. Besser sei, sich stattdessen auf Gemüse und Vollkornprodukte als weitere Fasern-Lieferanten zu konzentrieren.

"Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt zwar, insgesamt fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag zu verzehren", erklärt Sina. "Dabei geht allerdings oft unter, dass das Gemüse davon einen Großteil ausmachen sollte." Konkret rät der Ernährungsmediziner dazu, jeden Tag drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst einzuplanen. Zwei Hände Kirschen etwa und dazu Zucchini, Paprika und Aubergine. Dann freuen sich nicht nur die Darmbakterien, sondern der ganze Körper.

Fazit: Kirschen enthalten viele Stoffe, die von Bakterien in unserem Darm zerlegt werden. Dabei entstehen Gase, die Bauchschmerzen bereiten. Wasser verstärkt den Effekt möglicherweise, indem es die Kirschen schneller in den Darm rutschen lässt.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
masterrobin93 06.07.2017
1.
Davon kann ich ein lied singen. nach dem verzehr von kirschen mit sprudel fühlte sich mein bauch etwas komisch an. danke spon für diesen Artikel, das wollte ich nämlich immer schonmal wissen.
kewlo 06.07.2017
2. Mythos!
Das Märchen gibt es seit 1850, nachdem amerikanischer Präsident Zachary Taylor gestorben ist, angeblich durch den Genuss von Kirschen und Buttermilch. Von "Eiswasser" war auch die Rede. Interessant war die Tatsache, dass die Krankheit an einem außerordentlich heißen Tag in Washington D.C. auftritt. Erwiesen ist die Ursachen nie. Wer allerdings an einem heißen Tag viel Eiswasser - oder auch kalte Milch - getrunken hat, weiß allerdings, daß man davon recht heftige Magenprobleme erleiden kann (in meinem Fall am 9. Geburtstag, als die Außentemperaturen um die 45°C (Texas) waren. http://www.history.com/this-day-in-history/president-zachary-taylor-dies-unexpectedly
Sibylle1969 06.07.2017
3. Auf die Menge kommt es an
Kirschen gehören zu meinen Lieblingsfrüchten, daher muss ich die kurze Kirschensaison natürlich nutzen. Ich esse zurzeit fast täglich rund 250 g heimische Süsskirschen, diese Menge hat mir noch nie Probleme mit dem Verdauungstrakt bereitet. Ich habe aber noch nie ausprobiert, ein Kilo auf einmal zu essen. An den Kinderabzählvers "Kirschen gegessen, Wasser getrunken..." kann ich mich noch erinnern.
doppelpost123 06.07.2017
4. Tatsache!
Es ist eine Tatsache, dass sich Wasser und Kirchen nicht vertragen. Und zwar bei den Menschen, denen ihre Eltern dauerhaft gesagt haben: Mach das nicht, es ist nicht gut für Dich, du bekommst Bauchmerzen. Genau wie: Kein Eis essen und dann Wasser trinken. Da wollten findige Eltern wohl Geld im Restaurant sparen, um die Kinder zwischen Cola und Eis auswählen zu lassen ;) Mit Gott und der Hölle klappt das übrigens auch. Meine 80-jährige Oma hat ernsthaft Angst, dass ich in die Hölle kommen könnte, weil meine Freundin nicht getauft ist. Was ich mit dem Priester, der ihr das eingebläut hat, gerne machen würde, behalte ich besser für mich. Erziehung durch Angst - ein Unding.
max_schwalbe 06.07.2017
5. Viel Obst ist immer schlecht
Also mal ehrlich: Wenn man sehr viel Obst ohne Beilage ist, bekommt einem das meistens eher schlecht. Bei Kirschen ist das besonders bekannt, weil man sich eben auf den Kirshcbaum setzt, stolz ist dort oben zu sein, und dann wird wirklich viel gegessen, ohne was dazu. Neben der Verdauung wirkt sich viel Obst auch schädlich auf die Zähne aus. Nichts ist "nur" gesund ...
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