Mythos oder Medizin Stärken Karotten das Sehvermögen?

Von diversen Leuten höre ich gelegentlich den Spruch, dass Möhren gut für die Augen sind. Kann man wirklich schärfer sehen, wenn man viel von dem Gemüse isst? Fragt Christian Grözinger aus Vaihingen an der Enz.
Karotten: Vitamin A ist unerlässlich für die Funktion der Augen

Karotten: Vitamin A ist unerlässlich für die Funktion der Augen

Foto: Corbis

"Tu mal lieber die Möhrchen", singt Helge Schneider in einem Spaß-Lied. An der Zeile ist tatsächlich was dran. Möhren, Karotten, Gelbrüben, wie auch immer man das Gemüse nennen mag, versorgen den Körper mit Vitamin A, und das ist gut für alles Mögliche. Schon in den ersten Wochen im Mutterleib lässt Vitamin A Nervenzellen sprießen, nach der Geburt hält es die Zellen gesund. Der Stoff ist wichtig für das Knochenwachstum, macht Haut und Schleimhäute widerstandsfähig und unterstützt nicht zuletzt die Entwicklung des Sehvermögens.

"Wir brauchen Vitamin A, damit das Auge funktioniert", sagt Jost Hillenkamp von der Klinik für Augenheilkunde der Uniklinik Schleswig-Holstein in Kiel. Vor allem die Netzhaut ist auf das Vitamin angewiesen. In ihren Sinneszellen, den Stäbchen und Zapfen, wird das Licht in Nervenimpulse für das Gehirn umgewandelt.

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Die Zapfen sind dabei für das Farbsehen zuständig. In ihnen reagieren drei verschiedene Formen des Sehpigments Iodopsin entweder auf rotes, grünes und blaues Licht. Dagegen ist das Sehpigment in den Stäbchen, das Rhodopsin, besonders lichtempfindlich und verschafft uns Durchblick bei Dunkelheit. Von ihm gibt es nur eine Variante, die grünblaues Licht einfängt. Bei Nacht können wir deshalb nicht mehrfarbig sehen.

Vitamin-A-Mangel macht Nachtblind

Für den Aufbau von Iodopsin und Rhodopsin benötigt der Körper Vitamin A. Ein Mangel des Vitamins macht sich als erstes durch Sehprobleme bei Nacht bemerkbar. Das lichtempfindliche Rhodopsin nimmt Vitamin A langsamer auf als das Iodopsin der Zapfen. Bei Engpässen bleibt für den Aufbau von Rhodopsin nicht genug Vitamin A übrig. Dauert der Mangel an, leiden alle Sehpigmente.

In Entwicklungsländern ist Vitamin-A-Mangel ein häufiger Grund, aus dem Kinder erblinden . "Hierzulande hat dagegen kein gesunder Mensch einen so großen Mangel, dass er sich auf die Sehfähigkeit auswirkt", sagt Hillenkamp. Eine Überversorgung mit Vitamin A kann das Sehvermögen nicht steigern. In der Regel sind in den westlichen Staaten Gendefekte für Nachtblindheit verantwortlich.

Auch die Sehschärfe lässt sich mit Vitamin A nicht verbessern. Klassische Kurzsichtigkeit entsteht durch einen Brechungsfehler des Lichts im Augapfel, wenn dieser zu lang ist. Die Ursache ist noch nicht abschließend geklärt. Zusätzlich spielen wahrscheinlich die Sehgewohnheiten eine Rolle. "Studien haben gezeigt, dass Menschen, die viel lesen, häufiger betroffen sind als solche, die häufig in die Ferne schauen oder Analphabeten sind", sagt Hillenkamp.

Orangefarbene Haut mit Lichtschutzfaktor vier

Müssen sich Menschen denn vor zu viel Vitamin A fürchten? Vitamin A ist nicht wasserlöslich, kann daher nicht mit dem Urin ausgeschieden werden und sammelt sich in der Leber an. Bei einer in Deutschland typischen Ernährung ohne Vitamintabletten werden kritische Dosen aber nicht überschritten . Besonders viel Vitamin A hingegen enthält Eisbärleber. Dabei können schon wenige Gramm dem Menschen gefährlich werden.

Hierzulande gehört unter anderem Rinderleber zu den Vitamin-A-reichen Speisen. Sie enthält etwa 7,7 Milligramm des Vitamins pro 100 Gramm. Zum Vergleich: Bei Karotten und anderem Gemüse wie Grünkohl oder Kürbis wandelt der Körper das enthaltene Beta-Carotin, auch Provitamin A genannt, in Vitamin A um. Aus dem Beta-Carotin von 100 Millilitern Karottensaft stellt der Körper etwa ein Milligramm Vitamin A her. Die Menge deckt bereits den Tagesbedarf eines Erwachsenen . Das Auge beansprucht davon weniger als ein Prozent, weil es die Materialien für seine Sehpigmente zum Großteil recyceln kann.

Vor allem in der Schwangerschaft sollten Frauen darauf achten, nicht zu viel Vitamin A zu sich zu nehmen. Ergänzungspräparate mit Vitamin A und viel Leber können das Ungeborene insbesondere in der Frühschwangerschaft schädigen.

Überschüssiges Beta-Carotin wird in der Haut gespeichert und erst bei Bedarf zu Vitamin A verarbeitet. Wer sehr viele Möhren isst, bekommt deshalb eine leicht orangefarbene Haut. Vergiftungsgefahr besteht allerdings nicht, das eingelagerte Beta-Carotin kann sogar vor Sonnenbrand schützen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) lässt sich so ein Lichtschutzfaktor von bis zu vier erreichen. Der Körper kann das Beta-Carotin am besten aus Karottensaft oder in wenig Fett gegartem Gemüse aufnehmen.

Fazit: Solange kein Vitamin-A-Mangel vorliegt, haben Möhren keinen Einfluss auf das Sehvermögen. Dafür kann Provitamin A die Haut begrenzt vor Sonne schützen. Nebenwirkung: eine leichte Orangefärbung.