Nach Hacker-Veröffentlichung Warum Dopingmittel manchmal erlaubt sind

Was auf der Dopingliste steht, ist für Sportler tabu. Es sei denn, sie haben eine Ausnahmegenehmigung. Um welche Medikamente es geht - und wie Athleten sie bekommen.
Wunderturnerin Simone Biles in Rio

Wunderturnerin Simone Biles in Rio

Foto: Clive Brunskill/ Getty Images

Turnerin Simone Biles, Diskuswerfer Robert Harting, die Tennisspielerinnen Venus und Serena Williams: Sie und weitere Sportler stehen im Zentrum eines Hackerangriffs. Die Athleten nehmen Medikamente, die auf der Dopingliste stehen oder haben diese eingenommen. Unrechtmäßig gedopt haben sie dennoch nicht: Sie haben eine Ausnahmegenehmigung, TUE genannt ("Therapeutic Use Exemption"). Ärzte haben ihnen also bescheinigt, dass sie die Wirkstoffe aus medizinischen Gründen benötigen.

Biles reagierte auf die Veröffentlichung der Hacker: Sie habe ADHS und nehme deshalb seit ihrer Kindheit ein Medikament dagegen. ADHS wird unter anderem mit Methylphenidat oder bestimmten Amphetaminen therapiert. Betroffene müssen die Mittel dauerhaft einnehmen. Für Spitzensportler im Prinzip ein Problem, denn die Wirkstoffe stehen auf der Dopingliste in der Kategorie "Stimulanzien". Damit die Athleten sowohl therapiert werden als auch an Wettkämpfen teilnehmen können, gibt es die TUE.

Für deren Bewilligung gelten vier Voraussetzungen:

1. Die verbotene Substanz oder Methode ist nötig, um eine akute oder chronische Krankheit zu behandeln. Würde sie dem Sportler vorenthalten werden, würde seine Gesundheit merkbar geschädigt.

2. Der therapeutische Einsatz der Substanz oder Methode bewirkt höchstwahrscheinlich keine zusätzliche Leistungssteigerung.

3. Es gibt keine angemessenen Behandlungsalternativen.

4. Die Substanz oder Methode darf nur dann verwendet werden, wenn sie nicht zur Therapie eines durch Doping entstandenen Schadens benötigt wird.

Es kommt aber vor, dass Ärzte Sportlern Krankheiten bescheinigen, an denen sie gar nicht leiden. Und die Zahl der Sportler, die eine TUE erhalten, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Laut WADA wurden 2013 insgesamt 636 registriert, 2014 waren es 897, 2015 bereits 1330.

Die nun veröffentlichten Dokumente von gut zwei Dutzend Athleten lassen jedoch keinerlei Rückschluss zu, ob einer der angeprangerten Sportler Ausnahmegenehmigungen ohne validen medizinischen Grund erhalten hat. Die Athleten haben sich regelkonform verhalten und die nötige TUE beantragt - und erhalten.

Ende der Ausnahmen?

Dennoch sagt etwa der Sportwissenschaftler Ross Tucker dem britischen "Guardian" , er würde erwägen, die TUE komplett zu streichen. Klar, das sei hart. "Aber was ist der Nachteil, wenn Asthmatiker nicht an Wettbewerben teilnehmen können?", fragt er. Unglücklicherweise hätten die Bemühungen, Sportler mit medizinischen Problemen miteinzubeziehen, ein Schlupfloch für Doper geschaffen.

In den Dokumenten, die die Hacker publik gemacht haben, tauchen häufiger Wirkstoffe auf, die Asthmatikern verschrieben werden, sogenannte Beta-2-Agonisten. Sie erweitern die Atemwege, fördern jedoch auch den Aufbau von Muskeln und den Abbau von Fett.

Ebenso fallen sogenannte Glukokortikoide auf, die unter anderem Entzündungen hemmen. "Die erweiterten Atemwege und die verminderte Schmerzempfindlichkeit beflügeln Athleten zum besseren Training und einer höheren sportlichen Leistung", schreibt die TU München  auf einer Informationsseite über Dopingmittel.

Die bereits erwähnten Stimulanzien, die gegen ADHS eingesetzt werden, können die Stimmung verbessern, Müdigkeitssymptome unterdrücken und die körperliche Leistungsfähigkeit erhöhen, so die TU München. Die Leistungssteigerung sei allerdings moderat. "Athleten nutzen Stimulanzien sowohl, um sich zu entspannen und weniger nervös zu sein, als auch um ihren Organismus vor Wettkämpfen in einen möglichst guten Zustand der Leistungsbereitschaft zu bringen."

Einige Athleten nehmen allerdings ADHS-Medikamente ein, weil sie ADHS haben. Andere brauchen Glukokortikoide, weil sie Asthmatiker sind. Würde man Tuckers Vorschlag folgen, würde man sie nicht mehr auf Wettkämpfen sehen.

Mit Material vom sid
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.