Nahrungsmittelunverträglichkeiten Spucken für die Diagnose

Mit allerlei wissenschaftlich umstrittenen Tests werden Patienten Nahrungsmittelunverträglichkeiten zugesprochen. Für Ärzte und Heilpraktiker ein gutes Geschäft. Wie schnell man eine Intoleranz-Diagnose erhält, zeigt ein Selbstversuch.
Ohne Sorge abbeißen: Nahrungsmittelunverträglichkeiten plagen nicht jeden

Ohne Sorge abbeißen: Nahrungsmittelunverträglichkeiten plagen nicht jeden

Foto: Corbis

Ab und zu Bauchweh und Verdauungsprobleme, immer mal müde. Das sind die Beschwerden, über die ich bei Ärzten und Heilpraktikern klage. Genug, um eine Nahrungsmittelunverträglichkeit nach der anderen bescheinigt zu bekommen. Ich wollte herausfinden, wie schnell man heute zum Intoleranz-Patienten erklärt wird. In meinem Fall ging es sehr schnell.

Im Internet habe ich eine Ärztin gefunden, die sich auf Unverträglichkeiten spezialisiert hat. Sie habe Beobachtungen "datenbanktechnisch" verarbeitet, heißt es dort. Auf dieser Grundlage habe sie einen Speicheltest entwickelt.

Für den Test sitze ich mit anderen Patienten in einer Reihe. Vor mir eine Schreibtischunterlage, eine Küchenwaage, ein Fläschchen aus Plastik und ein Wecker. Die Sprechstundenhilfe erklärt mir im Kindergärtnerinnen-Tonfall, ich solle jetzt eine halbe Stunde lang jede Minute in den Becher spucken und dessen Gewicht notieren, das sich immer weiter erhöht. Dann solle ich den Haushaltszucker schlucken, der auf einem Teelöffel bereitliegt, und danach weitere anderthalb Stunden Speichel messen. Kurz überlege ich, ob sie das wirklich ernst meinen kann, sehe dann aber die Menschen um mich herum. Die Frau neben mir speichelt schon routiniert in ihren Becher und macht dabei ein ernstes Gesicht. Weinkenner spucken, Fußballer spucken - ich spucke eben für meine Diagnose ... und los. "So, dann haben Sie es ja geschafft", sagt die Sprechstundenhilfe zwei Stunden später.

Diagnose nach dem Spucke-Test

Im Behandlungszimmer eröffnet mir die Ärztin: Ich leide wirklich an einer Unverträglichkeit von Zucker. Vorab musste ich einen Fragebogen ausfüllen, in dem ich die üblichen Befindlichkeiten angegeben habe. Fruktose wolle sie beim nächsten Termin testen, da habe sie auch schon einen Verdacht, sagt die Ärztin, danach Laktose und dann Öl. An dieser Stelle sei erwähnt, dass eine Untersuchung 120 Euro kostet. An dem Morgen habe ich sieben Patienten gezählt.

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Auf die Rückseite meines Fragebogens kritzelt die Ärztin Kurven, Striche und Kreise und erläutert mit ihrer tiefen Stimme ihre Theorie zum Speicheltest: Der Körper erkenne ein Lebensmittel am Geschmack. Über den Geschmackssinn leite er eine Information zur Nahrung an das vegetative Nervensystem weiter. Dieses reagiere, indem es den Speichelfluss und im selben Maß auch die Produktion von Magensäure und die Darmtätigkeit anrege. Messe man die Speichelmenge, erfahre man etwas über die Vorgänge in den Organen. Ich habe nach der Provokation mit Zucker offenbar zu lange zu viel Speichel produziert - für die Ärztin der Beweis dafür, dass ich auf Zucker überreagiere, also eine Unverträglichkeit habe. Um mich davon zu kurieren, soll ich in der kommenden Woche in bestimmten Abständen immer wieder kleine Portionen Zucker essen.

Was ein Experte sagt

"Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind ein großes Geschäft", sagt Heiko Witt, Professor für Gastroenterologie und Ernährungsmedizin an der Universität München. Er hat sich durchgelesen, was das Institut auf der Internetseite über den Speicheltest schreibt. "Da können Sie auch pendeln", lautet sein Fazit. Dass die Speichelproduktion mit dem vegetativen Nervensystem zusammenhängt, bestätigt Witt.

"Das merkt man ja schon daran, dass man bei Aufregung einen trockenen Mund bekommt und dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn man einen Braten riecht oder auch nur daran denkt." Aber: Für die Annahme, dass die Speichelmenge in Abhängigkeit von einzelnen Nahrungsmitteln variiere oder gar auf Unverträglichkeiten hinweise, gebe es keine Anhaltspunkte. Damit ein Test medizinisch anerkannt wird, muss erst einmal geprüft werden, wie viele Erkrankte er tatsächlich erwischt und wie viele Gesunde er fälschlicherweise als krank einstuft. Mediziner nennen diese Kategorien Sensitivität und Spezifität. Um den Status einer seriösen Diagnosemethode zu erlangen, müsste der Speicheltest zum Beispiel gegen den H2-Atemtest auf Fruktose-Malabsorption antreten. Eigentlich.

Als ich der Ärztin die vorangegangenen Passagen und Heiko Witts Einschätzung vorlege, damit sie Stellung beziehen kann, schreibt sie nur gut gelaunt und mit Smiley versehen zurück: "Vielen Dank für die Information. Ich habe mich entschlossen weiter zu pendeln."

Und wieder mal werden vorschnell Lebensmittel für ein Unwohlsein verantwortlich gemacht. Als ich mich testen ließ, hatte ich tatsächlich ab und zu Bauchschmerzen und war immer mal müde. Das lag aber daran, dass ich ein Buch geschrieben habe und der Abgabetermin immer näher kam.

Dieser Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem aktuell erschienenen Buch "Der Feind in meinem Topf" von Susanne Schäfer.

Mehr zum gestörten Verhältnis vieler Verbraucher zum Thema Essen und der hysterischen neuen Ernährungspolitik können Sie auch hier im neuen SPIEGEL lesen.