Alkoholfolgen "Gerade bei jungen Menschen ist das Gehirn empfindlich"

Was bewirkt Alkohol im Gehirn? Warum fühlt man sich nach einer durchzechten Nacht morgens schlecht? Der Psychiater und Neurologe Andreas Heinz erklärt, wie Alkohol die Stimmung verdirbt - und warum sich Menschen freuen sollten, die nicht trinkfest sind.
Zu viel Alkohol: "Die akuten Folgen sagen nichts darüber aus, ob das Gehirn langfristig geschädigt wird"

Zu viel Alkohol: "Die akuten Folgen sagen nichts darüber aus, ob das Gehirn langfristig geschädigt wird"

Foto: Corbis
ZUR PERSON

Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité. Er forscht über die Wirkung von Alkohol auf das Gehirn.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen fühlen sich schlecht, wenn sie am Abend zuvor Alkohol getrunken haben. Liegt das an der Hirnchemie?

Heinz: Alkohol greift tatsächlich stark in die Hirnchemie ein. Zum einen wirkt er wie ein Beruhigungsmittel, weil er an den gleichen Stellen andockt wie etwa Valium - den Bindungsstellen für Gaba. Deshalb kann man das Bewusstsein verlieren, wenn man sehr viel Alkohol trinkt. Gleichzeitig bewirkt der Alkohol aber auch, dass Dopamin ausgeschüttet wird, was eine Art Vorfreude hervorruft. Und außerdem wird noch Serotonin freigesetzt, dem man eine angstlösende Wirkung nachsagt.

SPIEGEL ONLINE: Das erklärt, warum man sich so gut fühlt, wenn man Alkohol trinkt. Aber warum fühlt man sich am Tag danach so schlecht?

Heinz: Wenn Sie unter der Droge Alkohol eine größere Menge an Serotonin und Dopamin freisetzen, dann braucht es eine Zeit, bis sich die Speicher für diese Botenstoffe wieder auffüllen. Deshalb gehen viele Suchttheorien davon aus, dass jedem Hochgefühl ein negatives Gefühl folgen muss.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange dauert es, bis diese Hirnbotenstoffe wieder eine normale Konzentration erreicht haben?

Heinz: Wir haben das bei Alkoholabhängigen ab dem Zeitpunkt der Entgiftung untersucht - es dauerte zwischen einem und zehn Tagen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man eine Veranlagung hat, depressiv zu werden, könnte man in einer solchen Phase depressiv werden?

Heinz: Es ist plausibel, dass es einem Menschen mit einer solchen Veranlagung besonders schlecht geht, nachdem er Alkohol getrunken hat. Diese Botenstoffsysteme erholen sich aber wieder, es sei denn, die Hirnzellen sind ohnehin durch chronisch hohen Konsum bereits vorgeschädigt. Dann ist es vergleichbar mit einer Delle am Auto: Wenn schon eine Beule drin ist und Sie hauen nochmal mit dem Vorschlaghammer drauf, wird die Delle größer werden.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, wenn man viel Alkohol trinkt, erhöht man sein Risiko, depressiv zu werden?

Heinz: Dafür sprechen aktuelle Studien - zumindest bei Männern. Bei Frauen dagegen ist es eher umgekehrt: Die Depression ist oft vor dem Trinken da. Das ist aber eine statistische Aussage: Es ist nicht so, dass jede Frau trinkt, weil sie depressiv ist, und jeder Mann depressiv ist, weil er trinkt.

SPIEGEL ONLINE: Erhöht man sein Risiko für eine psychische Erkrankung, wenn man zwar nur gelegentlich Alkohol trinkt, dann mitunter aber auch mehr?

Heinz: Einige Male zu viel zu trinken, wird Ihr Gehirn nicht zerstören - das passiert durch einen chronisch hohen Konsum. Aber es ist auf keinen Fall so, dass es nichts ausmacht, wenn Jugendliche sich an Silvester besaufen. Gerade bei jungen Menschen ist das Gehirn empfindlich und kann großen Schaden nehmen durch Alkohol. Ich finde, man muss sich nicht wegen jeder alkoholschweren Nacht riesige Vorwürfe machen. Aber wenn diese sich häufen, ist die Gefahr da, dass das Gehirn geschädigt wird. Außerdem kann man sich daran gewöhnen, ungute Gefühle mit Alkohol zu betäuben. Dann landet man schnell in der Abhängigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich nach einer durchzechten Nacht psychisch sehr schlecht fühlt, spricht das dafür, dass man seinem Gehirn großen Schaden zugefügt hat?

Heinz: Nein, die akuten Folgen sagen nichts darüber aus, ob das Gehirn langfristig geschädigt wird. Im Gegenteil: Gerade die Menschen sind besonders gefährdet, die sehr trinkfest sind. Die also stehen können, ohne zu schwanken, und reden können, ohne zu lallen, selbst wenn sie eine Flasche Schnaps getrunken haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum das?

Heinz: Weil sie keine Warnhinweise bekommen, dass der Alkoholkonsum schädlich ist. In meinem Bekanntenkreis gab es eine tragische Geschichte, die sehr typisch ist. Ein Bekannter hat mir erzählt: "Mein Bruder konnte mit 16 schon eine Flasche Whiskey trinken, ohne dass man ihm etwas angemerkt hätte - ich dagegen habe nach wenigen Gläsern Kopfschmerzen bekommen." Das Ergebnis war, dass der Bruder mit den Katersymptomen eine große Karriere gemacht hat - der andere wurde alkoholabhängig und ist mit Mitte 50 an seiner Sucht gestorben. Das ist auch der Grund, warum dieses Komasaufen gefährlich ist - nicht nur, weil große Alkoholmengen schädlich sind, sondern auch, weil die Menschen lernen, dass sie scheinbar trinkfest sind, und dann glauben, sie seien gefeit gegen die Alkoholwirkung.

SPIEGEL ONLINE: Dann muss man ja regelrecht dankbar sein, wenn man mit einem anständigen Kater aufwacht an Neujahr.

Heinz: Ja, dann haben Sie eine gute Chance, dass Sie das nächste Mal weniger trinken und eine größere Chance, nicht abhängig zu werden.

Das Interview führte Frederik Jötten