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02. Februar 2017, 11:22 Uhr

Mythos oder Medizin

Nimmt man zu, wenn man mit dem Rauchen aufhört?

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Auf Zigaretten zu verzichten, ist gesund. Trotzdem schrecken viele Figurbewusste vor dem Schritt zurück. Ihr Argument: Wer mit dem Rauchen aufhört, wird dick. Stimmt das?

Eigentlich machen Raucher alles richtig: Bei der Arbeit legen sie regelmäßig Pausen ein, gehen an die frische Luft und pflegen beim kurzen Raucherschnack zwischenmenschliche Kontakte. Alles Wohltaten für die physische und psychische Gesundheit, Arbeitsmediziner wären begeistert - wäre da nur das Rauchen nicht.

Seine Risiken sind so schwerwiegend, dass sie alle positiven Randaspekte mit jedem Zug am Glimmstängel zunichtemachen. Ein guter Grund, es sein zu lassen. Neben der Herausforderung, die Sucht und die damit verbundenen Gewohnheiten zu überwinden, sorgt sich allerdings mancher um die schlanke Linie.

Die Angst ist auch das Ergebnis erfolgreicher Werbearbeit. 1929 empfahl der Zigarettenhersteller Lucky Strike, der Figur zuliebe doch lieber zur Zigarette statt zur Süßigkeit zu greifen: "To keep a slender figure / Reach for a Lucky instead of a sweet", stand damals auf Plakaten an Litfaßsäulen. Risiken und Nebenwirkungen der Diätempfehlung sparte die Firma freilich aus (siehe Fotostrecke).

Das Konzept ging auf. "Rauchen macht schlank", brannte sich ins kollektive Gedächtnis. Und wer heute noch daran glaubt, liegt zumindest nicht völlig daneben. Tatsächlich beeinflusst Rauchen das Gewicht, die entscheidende Frage ist allerdings: Wie stark?

Abnehmen, zunehmen, richtig zulegen?

In Deutschland wiegen durchschnittlich große Raucher laut Mikrozensus von 2013 nicht mal ein halbes Kilo weniger als Männer, die nie geraucht haben. Bei den Frauen ist der Unterschied mit zwei Kilo etwas größer. Inwiefern sich die Gruppen auch unterschiedlich ernähren, wurde nicht berücksichtigt. Klar ist jedoch: Viele Raucher nehmen zu, sobald sie auf Zigaretten verzichten.

"Im ersten Jahr sind es im Schnitt drei bis fünf Kilo", sagt Nils Kroemer, Suchtforscher an der Universität Tübingen und der TU Dresden. Dem Einzelnen bietet dieser Durchschnittswert allerdings nur eine grobe Orientierung, denn jeder reagiert anders auf den Entzug.

Während der Großteil der Raucher maximal fünf beziehungsweise zehn Kilo zunimmt, verlieren 16 von 100 sogar Gewicht, berichten Forscher in einer großen Übersichtsstudie aus dem Jahr 2012. Gleichzeitig stehen bei 13 Prozent der Abstinenzler nach einem Jahr mehr als zehn Kilo mehr auf der Waage (siehe Grafik). "Solche extremen Veränderungen betreffen vor allem ehemals starke Raucher und Menschen, die auch schon als Raucher deutlich zu schwer waren", erklärt Kroemer.

"Fahr mich zu McDonald's, Baby!"

Dass es vielen Rauchern schwerfällt, ihr Gewicht während des Nikotinentzugs zu halten, liegt an der Wirkung der Substanz auf das Gehirn. Nikotin vermindert das Hungergefühl, indem es die Kommunikation zwischen zwei Netzwerken in unserem Denkorgan manipuliert.

Das eine überprüft - ähnlich wie eine Tankanzeige im Auto - den Energiestatus des Körpers. Das andere kann man sich vorstellen wie ein Navigationsgerät, das zuverlässig den Weg zum nächsten Fast-Food-Restaurant findet. Geht der Energievorrat zuneige, alarmiert die Tankanzeige das Navi. Der Körper steuert zur nächstgelegenen Futterquelle - beispielsweise in die Küche.

"Durch das Nikotin kommt die Info, dass der Energiespeicher niedrig ist, nur noch abgeschwächt im Navi an", sagt Kroemer. Raucher spüren deshalb kein so starkes Verlangen nach Nahrung. Nach dem Rauchstopp rächt sich das, denn nun fällt es schwer, die ungewohnt starken Hungersignale zu kontrollieren. "Manche Ex-Raucher schaffen es am Anfang partout nicht am Kühlschrank vorbei", erzählt Kroemer, der früher selbst gelegentlich geraucht hat.

Eine wichtige Rolle spielt zudem das Belohnungssystem. Viele Raucher haben es sich angewöhnt, bei Stress oder nach Herausforderungen eine Zigarette anzuzünden. Ist das plötzlich keine Option mehr, naschen viele, um das Belohnungssystem zu stimulieren.

Wer das verhindern will, muss vor allem in den ersten drei Monaten eisern sein. In diesem Zeitraum wachsen Bauch, Hüftspeck und Po bei ehemaligen Rauchern am stärksten (siehe Grafik). Anschließend pendelt sich das Verhältnis zu Hochkalorischem in der Regel wieder ein.

Tu mal lieber die Möhrchen

Die schlechte Nachricht: Selbst wenn Ex-Raucher genauso weiteressen wie vorher, nehmen sie unter Umständen zu. Diskutiert wird, ob Raucherkörper mit der Energie aus der Nahrung verschwenderischer umgehen. Mehrere, allerdings sehr kleine Studien weisen darauf hin. Demnach verbrauchen Raucher pro Tag ungefähr 200 Kilokalorien mehr als Nichtraucher.

"Das klingt erst mal wenig", sagt Anil Batra, der ebenfalls an der Universität Tübingen forscht. "Nach dem Rauchstopp kann aber allein dieser Effekt dazu führen, dass man fünf bis zehn Kilo in einem Jahr zulegt, obwohl man genau so viel isst wie vorher."

Die Theorie ist allerdings umstritten. "Die Studien dazu sind insgesamt widersprüchlich und nicht besonders aussagekräftig, weil sie den Energieverbrauch der Raucher meist höchstens für eine Stunde am Tag und in nur einer bestimmten Situation erfassen", sagt Kroemer.

Zuverlässig aufhalten lässt sich die Gewichtszunahme bisher leider nicht, wie Forscher der renommierten Cochrane Collaboration 2012 in einem Übersichtsartikel berichten. Dass Sport und gesunde Ernährung dem Effekt entgegenwirken, liegt allerdings nahe. Manchem Ex-Raucher helfen auch kleine Tricks im Alltag. Dazu zählt etwa, die Finger zu Beginn des Entzugs mit Karotten zu beschäftigen, statt zur Süßigkeit oder gar wieder zur Zigarette zu greifen.

Im Zweifel lieber ein bisschen dicker

"Wem die eigene Gesundheit wichtig ist, der sollte im Zweifel lieber ein paar Kilo mehr in Kauf nehmen und dafür das Rauchen sein lassen", sagt Batra. 2016 berichteten Forscher, dass sehr stark übergewichtige Nichtraucher mit einem Body-Mass-Index von mehr als 35 im Schnitt zehn Lebensjahre verlieren - genauso viele wie normalgewichtige Raucher. Demnach können diese nach dem Aufhören 30 bis 40 Kilo zulegen, bis sie ihre Lebenszeit durch das Übergewicht ähnlich stark verkürzen wie durch den Zigarettenkonsum.

Und langfristig wiegen Ex-Raucher gar nicht mehr als gleichaltrige Nie-Raucher. Denn auch, wer nie geraucht hat, nimmt mit dem Alter zu. Nach zehn Jahren haben laut einer großen Studie aus den Neunzigern alle wieder ungefähr das gleiche Gewicht. Nur die Noch-immer-Raucher sind ein paar Kilo leichter, zahlen dafür aber mit Lebensjahren.

FAZIT: Im Durchschnitt nehmen Menschen drei bis fünf Kilo zu, wenn sie mit dem Rauchen aufhören. Allerdings gibt es von Fall zu Fall Unterschiede. Wer stark abhängig ist oder ohnehin Gewichtsprobleme hat, legt eher zu. Bei einigen wenigen schwinden dagegen sogar ein paar Pfund.

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