Nordic-Walking-Marathon "Nichts für Weicheier"

Nordic Walking - ein Rentnersport? Matthias Meringer walkt Ultramarathon-Strecken. Ein Interview über Extrem-Walking, Entschleunigung - und peinlich berührte Läufer.

Nordic Walking
Matthias M. Meringer

Nordic Walking

Ein Interview von


Zur Person
  • Matthias M. Meringer, Jahrgang 1966, ist Nordic Walker und Texter in Bayreuth. Auf seinem Blog nordicwalkinghelden.de berichtet er von seinen Ultratouren und gibt Nordic-Walking-Tipps.

SPIEGEL ONLINE: Herr Meringer, sind Sie der uncoolste Extremsportler Deutschlands?

Meringer: Nicht, dass ich wüsste (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bekennender Nordic Walker. Der Sport gilt als bieder.

Meringer: Die Sportart wurde von Anfang an zu sehr in Richtung Gesundheit vermarktet: Ein Sport, der gut für den Körper ist, aber bei dem ich mich nur wenig anstrengen muss und kaum schwitze. Der Durchschnittswalker ist deshalb eher gemütlich unterwegs. Und auch wegen der Stöcke wird man leider manchmal nicht ernst genommen.

SPIEGEL ONLINE: Bei vielen Walkern hat man das Gefühl, dass sie die Stöcke als Gehhilfen verwenden und nicht als Sportgerät.

Meringer: Ohne despektierlich sein zu wollen: Die meisten Nordic Walker gehen einfach spazieren, quatschen und haben eben ihre Stöcke dabei. Trotzdem ist Nordic Walking zu Unrecht als Rentnersport verschrien. Denn wenn ich die Stöcke richtig einsetze, ist es ein richtiger Sport, der genauso gut für jüngere und fittere Menschen geeignet ist wie Laufen.

Übrigens gibt es auch genug Leute, die das Laufen langsam angehen. Viele Läufer sind ja eigentlich Nordic Walker, ohne es selbst zu wissen (lacht).

Meringer beim Nordic-Walking
Matthias M. Meringer

Meringer beim Nordic-Walking

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich bewusst für Nordic Walking entschieden?

Meringer: Früher war ich Läufer. Nach einer Verletzung probierte ich Nordic Walking und es gefiel mir, weil ich damit noch längere Strecken zurücklegen konnte. Ich wurde also Nordic Walker im Leben - aber im Kopf blieb ich Läufer.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie sich selbst etwas vor?

Meringer: Nein, meine Herangehensweise an Nordic Walking ist einfach die eines Läufers, und so trainiere ich auch: Lange und kurze Strecken, mal schneller, mal langsamer. Ich versuche immer besser zu werden und betreibe Nordic Walking als Leistungssport. Das machen typische Nordic Walker nicht. Für Ultramarathons von bis zu 60 Kilometern benötige ich gut neun Stunden. Da musst du sportlich und mental top vorbereitet sein.

SPIEGEL ONLINE: Extremsport und Nordic Walking - das passt ja eigentlich nicht zusammen, oder?

Meringer: Kaum einer weiß, dass man überhaupt einen Nordic-Walking-Marathon machen kann. Dabei ist der Sport genauso schweißtreibend und anstrengend wie Laufen - wenn man es richtig macht. Den Halbmarathon walke ich in 2:40 Stunden.

SPIEGEL ONLINE: Das ist selbst für Läufer eine ordentliche Zeit: Wie sieht also "extremes" Nordic Walking aus?

Meringer: Ein Nordic-Walking-Marathon ist nichts für Weicheier, besonders mit den 1000 Höhenmetern, die in den Bergen hinzukommen. Auf meinen längeren Strecken bin ich ausgerüstet wie ein normaler Ultraläufer: Mit Trinkrucksack, Salztabletten, Ersatzstrümpfen, GPS und Handy.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet einen Nordic-Walking-Marathon von einem gewöhnlichen Marathon?

Meringer: Beim Nordic Walking geben die Stöcke den Takt vor. Die Beine folgen nur. Da muss man auf die Technik und auf den richtigen Griff achten. Außerdem wird die Muskulatur im Hintern, in den Armen und den Schultern stark beansprucht. Diese Ganzkörperbeanspruchung haben Läufer nicht.

Ein Nordic-Walking-Marathon findet meist auf Forst- und Waldwegen statt, denn Asphalt macht beim Nordic Walking wenig Spaß: Die Stöcke stechen ja bei jeder Bewegung in den Boden ein, und der Asphalt gibt natürlich nicht nach. Das spürt man in den Händen und Armen.

Achilles Ferse

SPIEGEL ONLINE: Sie powern sich beim Nordic Walking also genauso aus wie früher beim Laufen?

Meringer: Beim Nordic Walking geht schon die Post ab. Der Marathonlauf ist etwas anstrengender, weil der ganze Bewegungsablauf mehr Energie erfordert. Nordic Walking ist eine Stufe gemächlicher und harmloser. Das heißt aber nicht, dass man dafür nicht genauso fit sein müsste. Man geht bei beiden Sportarten ans Limit.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie sich Sprüche von Läufern gefallen lassen?

Meringer: Im Vergleich zur Laufszene ist Nordic Walking noch recht unorganisiert. Meist sind die Events in Laufveranstaltungen integriert, auf 100 Läufer kommen etwa 20 Nordic Walker. Da haben die Läufer mich anfangs natürlich beäugt. Aber bei nicht so langen Strecken walke ich mit einem Schnitt von 8,5 Kilometern pro Stunde. Und wenn du dann langsamere Läufer überholst, nehmen sie dich ernst. Mancher fühlt sich natürlich peinlich berührt: "Oh Gott, mich hat ein Nordic Walker überholt."

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihren Ultrastrecken sind Sie fast den ganzen Tag unterwegs: Ist das nicht öde?

Meringer: Einen kleinen Dachschaden braucht man schon, um so was zu machen (lacht). Aber langweilig ist es nie, ich walke ja auf Zeit und versuche, immer besser zu werden. Außerdem ist es für mich Freiheit pur, das ganze Wochenende mit Nordic Walking in der Natur zu verbringen und die Ruhe zu genießen.



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faehri_60 10.12.2016
1. Fünf Prozent können es ... fünfundneunzig Prozent ...
Das was ich Täglich in Wald und Flur sehen muss, hat mit "Nordic-Walking" so viel zu tun wie die Formel eins mit Bodenturnen. Ich habe nach einer Rücken-OP einmal einen vier Wochen Kurs bei einer orthopädischen Praxis belegt um es richtig (!) machen zu können, weiß also worüber ich hier schreibe. Ich übe es zwar nicht mehr aus, muss beim Anblick dieser "Stöckchen Träger" aber zumindest schmunzeln .. manchmal laut lachen. Da laufen Männlein und Weiblein verschiedenster Altersgruppen, die Stöcke mehr oder weniger hinter sich her schlurfend, durch die Lande. Bei vielen habe ich den Verdacht, dass es sogar schädlich sein muss, die Arme zu bewegen ... Aber .. Hauptsache das Outfit stimmt und man kommt mit ein wenig Bewegung an die frische Luft. Doch .. Nordic Walking ... das geht anders ... humorvoll ausgedrückt: würde Deutschland so Fußball spielen wie es Nordic Walking betreibt, hätten wir einen hoch dreistelligen Weltranglistenplatz.
rainer2 10.12.2016
2. Die Ka-Em-Has sind nicht so wichtig.
Ich betreibe schon seit einigen Jahren schnelles Gehen. Ohne Stöcke. Nur mit Schrittzähler. Aus schmerzhafter Erfahrung weiß ich, dass die optimale Schrittweite für sich zu finden, dabei das A und O ist. Zu große Schritte können zu Schmerzen im Bereich der Knie führen. Ich achte darauf, möglichst den Mittelfuß und weniger die Ferse zu belasten. Dann stellt sich die optimale persönliche Schrittweite von selbst ein. Man sollte auch nicht die Durchschnittsgeschwindigkeit als Leistungsmerkmal nehmen und anstreben, - die ist bei konstanter Schrittzahl abhängig von der Beinlänge -, sondern die Anzahl der Schritte pro Minute. Hier gilt allgemein: 100 bis 130 Schritte pro Minute = Walking, von langsam über normal bis schnell. Ab 130 Schritten pro Minute = Power Walking. Immer bei optimaler persönlicher Schrittweite! Ganz besonders wichtig ist es, nach einem 40-minütigen, schweißtreibenden Training zwei Tage Pause zu machen. Die Gefahr, bei regelmäßiger Überbelastung das Herz zu schädigen, ist sonst zu groß.
jobo69 10.12.2016
3. Ich hab meinen Sport gefunden
Ich nordic walke nun seit 4 Jahren und habe mit Ernährungsumstellung und Nordik Walking fast 40kg abgenommen. Am Anfang waren es noch Kurzstrecken ,aber jetzt walke ich lieber auf der Langstrecke. Mindestens zweimal die Woche schnappe ich mir die Stöcke und dann gehts ab in den Wald . Einfach abschalten und die Natur geniessen. Leider werden die NordicWalker bei den Laufveranstaltungen etwas stiefmütterlich behandelt. Aber inzwischen gibt es sogar Nordik Walking auf Trailstrecken. Der Bericht finde ich super. Da merkt man das man nicht alleine ist :-)
doubletrouble2 10.12.2016
4. Man muss Athlet werden.
Jede sportliche Bewegungsform verlangt allgemeine und spezielle athletische Fähigkeiten. In aller Regel werden diese gesondert und methodisch trainiert. Davon haben die meisten Aktiven keinen blassen Schimmer, denn sie studieren ihre Disziplin nicht, sondern imitieren zumeist miserabel, was sie durch selektive Wahrnehmung auffassen und lückenhaft memorieren. Jogger können nicht laufen, wenn sie nichts von Bodenreaktionskräften und kinetischen Ketten ( Nein ! Das sind keine Fitnessstudios nur mit Laufbändern ) wissen und Möchtegern-Bodybuilder ruinieren ihren Bewegungsapparat, wenn sie andere Doper vom YouTube-Channel nachahmen, als ginge es um die Verbreitung des Evangeliums. Dieser Herr Meringer schein von einem anderen Kaliber zu sein und verdient Achtung. Über Nordic Walking per se zu lachen, zeugt von Ignoranz und ist allenfalls ein Privileg von Achim Achilles.
matthias.meringer 10.12.2016
5.
Zitat von rainer2Ich betreibe schon seit einigen Jahren schnelles Gehen. Ohne Stöcke. Nur mit Schrittzähler. Aus schmerzhafter Erfahrung weiß ich, dass die optimale Schrittweite für sich zu finden, dabei das A und O ist. Zu große Schritte können zu Schmerzen im Bereich der Knie führen. Ich achte darauf, möglichst den Mittelfuß und weniger die Ferse zu belasten. Dann stellt sich die optimale persönliche Schrittweite von selbst ein. Man sollte auch nicht die Durchschnittsgeschwindigkeit als Leistungsmerkmal nehmen und anstreben, - die ist bei konstanter Schrittzahl abhängig von der Beinlänge -, sondern die Anzahl der Schritte pro Minute. Hier gilt allgemein: 100 bis 130 Schritte pro Minute = Walking, von langsam über normal bis schnell. Ab 130 Schritten pro Minute = Power Walking. Immer bei optimaler persönlicher Schrittweite! Ganz besonders wichtig ist es, nach einem 40-minütigen, schweißtreibenden Training zwei Tage Pause zu machen. Die Gefahr, bei regelmäßiger Überbelastung das Herz zu schädigen, ist sonst zu groß.
"Man sollte ..." – warum? Wieso sollte man? Ich mag das gar nicht. Ich laufe, wie es mir Spaß macht. Wie es sich geil anfühlt. Man sollte... erst einmal loslaufen und den Sport genießen, denke ich. Schrittlängen oder Atemfrequenzen pendeln sich ganz von selbst dort ein, wo sie hingehören. Auf der Geraden machst du längere Schritte, am steilen Anstieg automatisch kürzere. Ich höre einfach auf meinen Körper. Der ist der beste Ratgeber – ganz ohne "man sollte ...". Wenn ich auch noch beim Sport sollen muss, will ich nicht mehr müssen. ;-) Spaß muss das alles machen. Das ist am wichtigsten.
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