Achilles' Ferse Für immer fit

Wie bleibt man im hohen Alter fit? Klemens Wittig muss es wissen: Er ist 75 Jahre alt - und Leistungssportler. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt der leidenschaftliche Läufer, warum er immer noch auf Rekordjagd geht und wie jeder lange gesund und sportlich bleiben kann.
Klemens Wittig, 75, in Aktion: Zwölf neue deutsche Rekorde in seiner Altersklasse - und das nur 2012

Klemens Wittig, 75, in Aktion: Zwölf neue deutsche Rekorde in seiner Altersklasse - und das nur 2012

Foto: Klemens Wittig

SPIEGEL ONLINE: Herr Wittig, haben Sie noch den Überblick über Ihre Rekorde?

Wittig: Ja, natürlich (lacht). Das habe ich alles fein säuberlich notiert. Ich hatte mir Anfang des Jahres vorgenommen, so viele Laufrekorde aufzustellen wie nur möglich. Ich bin Jahrgang 1937 und jetzt in einer neuen Altersklasse, Männlich 75  (M75). Also bin ich die Bestzeiten in dieser Altersklasse angegangen. Von 800 Meter bis zum Marathon. In der Halle, auf der Straße und im Stadion.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in diesem Jahr zwölf deutsche Rekorde aufgestellt, waren fünfmal Europameister. Ihre Marathonzeit, 3:17:37 Stunden, ist neuer Europarekord und weltweit die zweitbeste Zeit, die je in der M75 aufgestellt wurde.

Wittig: Es gibt aber einen Rekord, den ich nicht geschafft habe: die 800 Meter im Stadion. Da überlege ich schon, wie ich den nächstes Jahr knacken kann. Kurzum: Ich habe schon Ehrgeiz.

SPIEGEL ONLINE: Keine Angst, dass Ihnen der Ehrgeiz zum Verhängnis wird? Bei allem Respekt, Sie sind ja nicht mehr der Jüngste.

Wittig: Ich gehe das Laufen an wie Leistungssport, keine Frage. Aber ich überziehe nicht . Als ich 1986 meinen ersten Marathon gelaufen bin, habe ich mir gesagt: 90 Kilometer läufst du pro Woche, mehr nicht. So schone ich meine Gelenke und meine Gesundheit.

SPIEGEL ONLINE: Andere in Ihrem Alter schieben den Rollator vor sich her, Sie laufen 90 Kilometer in der Woche - das ist selbst für 25-Jährige viel. Was sagt denn Ihr Hausarzt dazu?

Wittig: Der sieht mich ja kaum (lacht). Kreislauf und Herz sind in Ordnung. Ich kann bis an die Grenzen gehen, ohne dass was passiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie zum Laufen gekommen?

Wittig: Ich habe Frühsportkurse bei Jugendfreizeiten geleitet. Die jungen Kerle wurden immer schneller, da habe ich mir gesagt: Klemens, du musst was machen. Damals war ich noch ein starker Raucher. Ich habe es aufgegeben, mit dem Joggen angefangen und mein ganzes Leben umgestellt. Das war vor fast vier Jahrzehnten. Meinen ersten Marathon bin ich erst mit 49 Jahren gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer war die Umstellung vom Raucher zum Läufer?

Wittig: Ich war immer sportlich, habe Fußball, Handball, Tischtennis gespielt, bin Fahrrad gefahren und habe geturnt. Ich bin kein träger Typ. Aber als ich anfing mit dem Joggen, hatte ich so ein Krisseln auf der Kopfhaut, wohl vom Rauchen. Der Beginn von Blutbahnen-Verkalkungen - sage ich. Das muss medizinisch nicht stimmen, hat sich für mich aber so angefühlt. Nach einem halben Jahr Laufen war es weg. Ich glaube, dass ich durch die Bewegung die Adern wieder freigefegt habe .

SPIEGEL ONLINE: Wie bleibt man im hohen Alter so fit wie Sie ?

Wittig: Auf großen Radtouren hole ich mir die Grundkondition. Im vergangenen Jahr bin ich von meiner Haustür Dortmund-Brechten bis nach St. Petersburg mit dem Fahrrad gefahren. Alleine. 3160 Kilometer.

SPIEGEL ONLINE: So einfach ist Ihr Geheimrezept: eine wochenlange Fahrradtour?

Wittig: Die Leute fragen immer: Wie kann der in seinem Alter so was machen? Radtour, ganz alleine, und dann noch durch die baltischen Länder. Ich sage immer: Das kann jeder. Jeder kann sich im Rahmen seiner Möglichkeiten bewegen. Es muss nicht gleich Leistungssport sein. Und wenn es eine Sitz- oder Fingergymnastik ist. Ich sage allen: Egal was, egal wie: Bewegt euch, bewegt euch, bewegt euch! Geht in die Natur, auch für den Kopf. Der Wald ist der beste Stressabbauer, den man sich denken kann.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie spezielle Rituale, wie Sie sich von den Sportstrapazen erholen?

Wittig: Bei 90 km in der Woche ist es mit der Regeneration zeitlich schwierig, und wenn ich einen Wettkampf am Wochenende habe, wird's noch enger. Da muss man drei, vier Tage vorher die Beine hochlegen. Aber was sehr wichtig ist: Ich kann acht bis zehn Stunden schlafen . Ich glaube, darin liegt ein Geheimnis meiner schnellen Regeneration. Ich schlafe selig und gut.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben - als 75-Jähriger - gar keine Zipperlein oder Beschwerden?

Wittig: Ich bin unheimlich vom Glück begünstigt in meinem Leben und sehr dankbar dafür. Ich hatte nie längerfristige Verletzungen und konnte immer trainieren. Ich nehme keine Pillen, keine Tabletten, ich rauche nicht, trinke nur selten Alkohol und achte auf meine Ernährung . Meinen Töchtern sage ich immer: Zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr werden die Weichen gestellt. Das ist eine ganz wichtige Zeit, um späteren Kreislauf- und Herzproblemen vorzubeugen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ernähren Sie sich?

Wittig: Nichts Besonderes. Salat, viel Obst und Gemüse, Kohlenhydrate fürs Training, abends Eiweiß - und wenig Fleisch. Normale Hausmannsmischkost von meiner Frau.

SPIEGEL ONLINE: Und wie lange wollen Sie noch auf Rekordjagd gehen?

Wittig: Die Planung sieht wie folgt aus: Hallen-EM in San Sebastian, dann Straßen-EM in Tschechien. Und dann die WM im Oktober nächstes Jahr in Brasilien, mit Frau und Rundreise. Dann denke ich weiter nach (lacht). Aber eigentlich will ich solange weitermachen, wie es mir Spaß macht. Langweilig wird mir jedenfalls nicht. Wenn man fit ist, kann man vieles schaffen.

Das Interview führte Frank Joung
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