Achilles' Verse Auf der Suche nach dem Powerhouse

Um ihre Körpermitte zu trainieren, besucht Anna Achilles einen Pilateskurs. Sie erwartet folterartige Übungen für die Tiefenmuskulatur, ein paar Hippies oder einen Preisboxer. Aber es wird ganz anders.
Übung mit der Hantel: Beim Pilates kommen auch Hilfsmittel zum Einsatz

Übung mit der Hantel: Beim Pilates kommen auch Hilfsmittel zum Einsatz

Foto: Corbis

"Finde dein Powerhouse", flötet Sinah mit sanfter Stimme. Dabei schwingt sie ihre athletischen Arme durch die Luft und zeigt auf ihren Bauch. Sie sieht aus wie eine Pilates-Lehrerin aus dem Bilderbuch: groß, schlank, muskulös, Dutt auf dem Kopf. Ich stehe auf einer grünen Isomatte, halte die Augen geschlossen und versuche in mich hineinzufühlen, um meine Mitte zu finden.

Schon seit Wochen leide ich an Nackenverspannungen. Könnte an der durchgelegenen Matratze liegen. Oder am Haareföhnen. Einen ein Kilo schweren Haartrockner zu halten, belastet die Schultern mit etwa 70 Prozent des Körpergewichts, schreibt die Rheinische Post. Kein Wunder, wenn mein Nacken schmerzt: Bei 63 Kilo Körpergewicht und zehn Minuten Haare föhnen am Tag müssen meine Schultern einiges stemmen. Ich könnte ab jetzt immer mit nassen Haaren aus dem Haus gehen. Oder ich gehe das eigentliche Problem an: meine verkümmerte Körpermitte.

Vom Laufen allein wird die Bauch- und Rückenmuskulatur nicht stärker. Da hilft nur gezieltes Muskeltraining . Liegestütze oder Pilates? Ich entscheide mich zunächst für Letzteres.

Die Stärkung der Mitte

Joseph Pilates, der Gründer der gleichnamigen Sportart, wusste: Ein stabiler, gesunder Körper verlangt ein starkes Körperzentrum. Während des Ersten Weltkriegs hatten ihn Engländer in ein Strafgefangenenlager gesperrt. Erst unterrichtete der Preisboxer seine Mitgefangenen in Wrestling und Selbstverteidigung. Später päppelte er die Kranken auf, mit Fitnessübungen, die vom Bett aus vollführt werden konnten. Sprungfedern, Bettrahmen und Hochziehhilfen wurden zum Trainingsgerät. Immer im Fokus: langsame und konzentrierte Bewegungen zur Stärkung von Bauch, Rücken und Becken. Als an der Spanischen Grippe Millionen Menschen starben, sollen alle Pilates-Schüler durchgekommen sein. Heißt es zumindest in Fitnessmagazinen. Von wegen Hausfrauensport: Pilates macht robust.

Ein knappes Jahrhundert später stehe ich in einem Berliner-Altbauzimmer mit Dielenboden und versuche, mein Körperzentrum zu finden. Auf dem Fensterbrett steht eine Plastikorchidee, daneben ein Flyer mit dem Slogan: "Zeit, dir Zeit für dich zu nehmen." Genau das habe ich vor. Ich möchte Muskeln anspannen, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass ich sie besitze. Ich starte eine Entdeckungsreise in mir selbst: Beckenboden, Tiefenmuskeln - hallo!

Den Körper koordinieren mit Hanteln in Kakteenform

Die ersten 15 Minuten tun wir: nichts. Wir stehen und atmen. "Stell dir vor, deine Füße sind fest im Boden verankert", sagt Sinah mit betont einfühlsamer Stimme, während sie zwischen unseren Matten auf und ab flaniert. Ich hole tief Luft, möglichst so, dass sich die Schultern nicht zu den Ohren heben. Dann atme ich wieder aus, dabei ziehe ich den Bauchnabel zur Wirbelsäule.

Wir sind zu zehnt in diesem Kurs: sieben Frauen, drei Männer, gemischtes Alter. Nur ein Mädchen trägt eine Yoga-Pluderhose, der Rest T-Shirt und Jogginghose. Keine Preisboxer, Folterinstrumente, nicht mal Enya-Musik. Ich bin enttäuscht.

Für die nächsten Übungen verteilt Sinah Gewichte. Die Männer bekommen schwere, runde Kugeln, wir Frauen grüne Hanteln, in Kakteenform. Jetzt wird's koordinativ: Auf dem rechten Bein kniend, das linke zur Seite ausgestreckt, soll ich den rechten Arm über den Kopf Richtung linke Schulter ziehen, sodass meine rechte Seite gedehnt wird. Machbar. Schwieriger wird es, als ich mein ausgestrecktes Bein nach vorne und nach oben ziehen soll. Gut für den Hüftbeugemuskel, schlecht für meine unbewegliche Oma-Hüfte .

Schon fertig?

Nächste Übung: der Schwimmer. Auf dem Bauch liegend soll ich Arme und Beine ausgestreckt auf und ab bewegen, als würde man durchs Wasser paddeln. Stärkt die unteren Rückenmuskeln. Neben mir zappelt ein Typ wie ein frisch gefangener Fisch. Seine Hände klatschen abwechselnd auf den Boden. Er schnappt nach Luft.

Nach einer Stunde sind wir fertig. Schon? Mir tut überhaupt nichts weh. Schade. Irgendwie hatte ich mehr erhofft: mehr Schweiß, mehr Folter-Übungen oder mehr Hippies. "Nach zehn Sessions spürst du den Unterschied, nach 20 siehst du ihn, und nach 30 hast du einen neuen Körper", sagte der große Joseph Pilates. Was er nicht sagte: Nach einer Stunde ist Pilates okay. Aber Durchschnitt habe ich in meinem Leben schon genug. Ich brauche Blut, Schweiß, Tränen. Das nächste Mal probiere ich Crossfit.

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