Angst vor Plastikflaschen Prost, Leitungswasser!

Treten aus Kunststoffverpackungen hormonähnliche Substanzen aus? Frederik Jötten geht auf Nummer sicher, schüttet gekauftes Wasser in den Abfluss und bestellt selbst im Restaurant Leitungswasser.
Leitungswasser: Billiger und aufwendiger kontrolliert als Mineralwasser

Leitungswasser: Billiger und aufwendiger kontrolliert als Mineralwasser

Foto: Lukas Schulze/ dpa

Es gibt drei Möglichkeiten, auf mögliche Schadstoffe im Mineralwasser zu reagieren. Die erste ist, sie zu ignorieren und weiterzutrinken. Die zweite praktiziert mein Physiotherapeut. Er ist immer auf der Suche nach dem reinsten Mineralwasser. Zuerst hatte er ein St. Soundso in Flaschen, die wie Weinpullen aussahen, dann ein Gletscherwasser, in dem fast nichts, noch nicht einmal Mineralien waren - in Kunststoffflaschen. Jetzt hat er irgendetwas mit Staatlich im Namen, in Designer-Glasflaschen, sagt aber: "Ich habe jetzt noch mal mit einem Wassersommelier gesprochen, er meint, das Gletscherwasser sei doch am besten."

Bei so viel Sinn für das richtige Wasser muss ich einwenden: "Aber das war in PET-Flaschen abgefüllt - es gibt Hinweise, dass aus dem Kunststoff eventuell hormonähnliche Substanzen ausgewaschen werden."

Er nickt nachdenklich. "Vielleicht hast du recht - unsere Tiere trinken auch lieber das Wasser aus den Glasflaschen…"

Ich stelle mir vor, wie er aus den stilvollen Flaschen Wasser in den Hundenapf gießt - läuft anscheinend nicht schlecht, die Praxis.

"Du meinst, wenn der Schampus alle ist?", frage ich.

"Nein, der sprudelt viel zu viel, das vertragen die Tiere gar nicht." Mein Physiotherapeut lächelt. "Aber ja, für unsere Tiere gibt es nur das beste Wasser."

Ich praktiziere die dritte und kostengünstigste Methode, um Schadstoffe aus Mineralwasser zu vermeiden - ich trinke keins. Ich gebe mir Leitungswasser und zwar so viele Liter, dass es wirklich anstrengend wäre, die gleiche Menge abgefüllt in Flaschen in den dritten Stock zu schleppen. Okay, es wäre wohl ein gutes Fitnessprogramm, aber es geht mir auch darum, mögliche Schadstoffe zu vermeiden.

"Das kann ich gar nicht gebrauchen"

Seitdem es die Berichte gab, dass aus Kunststoffflaschen hormonähnliche Substanzen in die darin enthaltene Flüssigkeit gelangen, lebe ich in Angst davor. Diese Substanzen sollen wie weibliche Hormone wirken - das kann ich als Mann gar nicht gebrauchen. Okay, ich habe trotz hohem Mineralwasserkonsum in den vergangenen Jahren nicht gemerkt, dass meine Bartstoppeln weicher geworden oder meine Rückenbehaarung zurückgegangen wäre (das wäre ja gar nicht so schlecht gewesen). Aber woher soll ich wissen, was dieses Zeug sonst mit mir anstellt, mit meinem Hirn, meinen Hoden, meinen Spermien?

Mag sein, dass die Beweise für die schädliche Wirkung der Kunststoffflaschen dünn sind, aber ich gehe trotzdem auf Nummer sicher und trinke möglichst nichts mehr aus ihnen. Das ist nicht einfach, besonders weil sie sehr praktisch sind, wenn man unterwegs ist. Auch dafür habe ich eine Lösung gefunden. Wenn ich Wasser mitnehmen möchte, kaufe ich eine PET-Flasche mit Mineralwasser, schütte es aus und fülle stattdessen Leitungswasser nach. Denn je länger das Wasser in der Flasche ist, desto größer ist die Menge an Substanzen, die aus der Wand herausgelöst werden kann.

Das Gute liegt so nah!

Sehr skeptisch bin ich deshalb, wenn mir etwa in türkischen oder griechischen Imbissen Wasser in Plastikflaschen gereicht wird - wie lange das wohl unterwegs war? Und wie lange es auf einem Lastwagen in der Sonne gestanden haben mag? Wärme beschleunigt viele chemische Reaktionen, also auch das Herauslösen von Substanzen aus dem Kunststoff. Es ist mir zwar peinlich, weil es geizig wirkt, aber ich bestelle im Restaurant zur Sicherheit Leitungswasser, um keines aus Kunststoffflaschen eingeschenkt zu bekommen, das womöglich Tausende Kilometer Wegstrecke hinter sich hat.

Es ist doch ohnehin ein Wahnsinn, mit riesigen LKW Wasser durch Europa oder auch nur durch Deutschland zu karren und dabei Unmengen an Kohlendioxid und Ruß in die Atmosphäre zu blasen, wo wir doch alle eine Leitung im Haus haben, durch die Wasser kommt, das ständig kontrolliert wird. Ich gehe jetzt zum Wasserhahn und zapfe mir ein frisches Leitungswasser - Prost!

BELASTETES WASSER IN PLASTIKFLASCHEN - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

Wie belastet ist Wasser in Plastikflaschen?Ist Mineralwasser in Glasflaschen ebenfalls verunreinigt?Was sollte man am besten Trinken?